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Explodierende Spritpreise: Wird Tanken nie wieder billiger? - Experte Thomas Puls

Experte Thomas Puls: "Panik in den Märkten"

Preisschock beim Tanken: Geht der Benzinpreis nie wieder runter?

RTL-Verbraucherexperte beantwortet Ihre Fragen Benzin-Preisschock
04:50 min
Benzin-Preisschock
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von Oliver Scheel

Wird Tanken bald zum Luxus? Der Blick auf die Preise an den Zapfsäulen löst bei vielen Deutschen Beklemmungen aus: Pendler und Geringverdiener können sich solche Preise kaum mehr leisten. Seit Putins Invasion in der Ukraine sind sowohl Benzin- als auch Dieselpreis brutal in die Höhe geschnellt. Wann endet die Preisspirale? Wie kann den Bürgern geholfen werden? Und geht der Preis jemals wieder runter? Dazu haben wir mit Thomas Puls vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln gesprochen.

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So setzt sich der Spritpreis zusammen

Eine solche Preisspirale bei Benzin und Diesel hat es noch nie gegeben. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hält Benzinpreise von drei Euro pro Liter für denkbar. "In dieser Situation ist gar nichts ausgeschlossen", sagte Habeck vor wenigen Tagen im RTL/ntv "Frühstart". Aber der Staat ist durchaus dazu in der Lage, die Preisspirale abzuwürgen: Denn derzeit sind etwa 50 Prozent des Benzinpreises Steuern.

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Das Bundesamt für Statistik rechnet vor: Bei einem Preis von 1,979 Euro pro Liter Super E10 summieren sich Mehrwertsteuer, Energiesteuer (früher Mineralölsteuer) sowie die CO2-Abgabe und der Beitrag an den Erdölbevorratungsverband (EBV) auf insgesamt rund 97,3 Cent je Liter Ottokraftstoff. Das sind 49 Prozent! Beim Diesel sieht die Verteilung so aus: Bei einem angenommenen Preis von 2,08 Euro pro Liter sind 33,2 Cent Mehrwertsteuer und 47 Cent Energiesteuer.

Experte Thomas Puls: Haben Preis von zwei Euro pro Liter auch ohne Krieg kommen sehen

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Thomas Puls vom Institut der Deutsche Wirtschaft in Köln. "Es gab tatsächlich schon vor dem Krieg in der Ukraine eine Aufwärtsbewegung beim Preis"

Die Steuern sind das eine. Aber wieso steigt der Preis nun so schnell? Und wohin soll das noch führen? „Was wir derzeit erleben, sind Märkte, die im Panikmodus sind. Die Preissprünge sind enorm“, sagt Thomas Puls vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln zu RTL.de.

„Aber wir müssen auch sehen, dass wir aus einer Phase kommen, in der die Preise sehr lange sehr niedrig waren. Und in Deutschland war der Steueranteil viele Jahre stabil“, so Puls. „Es gab tatsächlich schon vor dem Krieg in der Ukraine eine Aufwärtsbewegung beim Preis. Langfristig haben wir auch ohne Krieg einen Preis von 2 Euro pro Liter kommen sehen. Nun ist das natürlich stark beschleunigt worden“, sagte Puls.

Die Erklärung ist einleuchtend: „Es gab wenig Anreize für die Erdöl exportierenden Länder in die Erschließung neuer Öl-Quellen oder Förderanlagen zu investieren. Die Exploration wurde zurückgefahren, das machte das Rohöl teurer“, erklärt Puls. „Und die CO2-Abgabe wird auch weiter steigen. Dazu kam die politische Ansage, bis 2030 etwa 40 Prozent weniger verbrauchen zu wollen. Da war schon klar, dass die Preise steigen würden.“

Und wie geht es weiter? Wird die Benzinpreisspirale in immer höhere Sphären getrieben? „Was wir im Moment sehen ist, dass viele Unternehmen versuchen, aus russischem Öl auszusteigen. Wenn die Märkte sich wieder ein wenig beruhigen und nicht weiter versucht wird, alle Ströme wie wild umzulenken, werden wir einen Rückgang der Preise sehen, auch weil wir im Moment in einer Phase der Panik, der großen Unsicherheiten, stecken.“

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Prof. Dr. Claudia Kemfert von den Scientists For Future,
Prof. Dr. Claudia Kemfert sieht uns am Anfang vom Ende des fossilen Zeitalters
POP-EYE/Stefan Mueller, picture alliance / POP-EYE

Die Energie-Ökonomin Claudia Kemfert glaubt auch nicht, dass die Preise sich entspannen. Sie sieht die Welt ohnehin in einem „fundamentalen Wandel“. „Wir sind am Beginn des Endes des fossilen Zeitalters. Insofern ist weiterhin mit sehr volatilen Ölpreisen und damit auch Benzin und Heizölpreisen zu rechnen. Daher sind alle gut beraten, sich so schnell wie möglich unabhängig zu machen von Benzin, Diesel und Heizöl. Um den Bürgern zu helfen, wäre es sinnvoll, die Steuereinnahmen zurückzuerstatten in Form eines einkommensunabhängigen Mobilitätsgeldes, welches an ökologischen Kriterien ausgerichtet ist“, sagte sie auf Anfrage zu RTL.de.

Kemfert bringt auch die altbekannte Abwrackprämie wieder ins Spiel, aber mit anderen Vorzeichen: Sie wäre dann sinnvoll, „wenn damit der Kauf eines emissionsfreien Fahrzeugs bzw. Mobilität verbunden ist. Zudem kann eine Elektroauto-Quote helfen, mehr Elektrofahrzeuge in den Markt zu bekommen. 90 % der Fahrzeuge fahren am Tag weniger als 20 km. Diese sind problemlos auch mit einem Elektrofahrzeug machbar“, sagt sie. Und wenn mehr erneuerbare Energien zur Stromherstellung genutzt würden, werde die Elektromobilität im Vergleich zum Benzin viel günstiger werden.

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Kein Ende der Spirale in Sicht

Gabriele Widmann
Gabriele Widmann, Rohstoffexpertin der Dekabank: "Müssen uns auf dauerhaft höhere Kosten einstellen."
RTL

Gegen die Panik an den Märkten kann der Staat etwas tun. Es ist angesichts der Rekordpreise an der Zeit, die Steuer auszusetzen oder zu senken. Das sieht auch Gabriele Widmann, Rohstoffexpertin der Dekabank, so: „Energie ist derzeit einfach knapp. Der Staat kann einige Steuern zumindest zeitweise nach unten nehmen. Oder er gibt den Haushalten extra Geld, damit wir uns das leisten können“, sagte sie zu RTL.

Lese-Tipp: Rohstoffexpertin Widmann: Wir können auf Dauer locker mit einem Drittel höheren Kosten rechnen

Auf Dauer aber werden wir uns auf höhere Preise einstellen müssen. „Wir werden locker mit einem Drittel höherer Kosten rechnen müssen“, so Widmann. Kein Ende der Spirale in Sicht also? Widmann erklärt es so: „Es gibt viel Rohöl und viele Länder produzieren weniger als sie könnten, Saudi Arabien und Venezuela zum Beispiel. Auch Rohöl aus den USA wäre kein Problem, aber die Transportwege sind länger und der Preis ist dann eben höher.“ Auch weil es in der jüngeren Vergangenheit viel teurer geworden ist, Tanker zu chartern, wie Puls erläutert.

Und Öl ist ein endlicher Rohstoff. Die Abkehr von den fossilen Rohstoffen ist ohnehin nötig. Da könnte der Ukraine-Krieg nun wie ein Booster für die Energiewende wirken.

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