Seilbahn-Unglück in Italien: Überlebender Eitan (6) nach Israel entführt

Onkel des Jungen ist sich sicher: Der Großvater hatte Komplizen

Eitan (r.) überlebte als Einziger die Seilbahn-Katastrophe.
Eitan (r.) überlebte als Einziger die Seilbahn-Katastrophe.
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16. September 2021 - 14:21 Uhr

6-Jähriger überlebte Seilbahnunglück am Lago Maggiore

Eitan (6) überlebte als Einziger das schwere Seilbahn-Unglück am Lago Maggiore, bei dem 14 Menschen starben. Er verlor seine Eltern und seinen jüngeren Bruder. Inzwischen ist ein erbitterter Streit um den Jungen entbrannt, bei dem es offenbar nicht nur ums Sorgerecht, sondern auch um die hohe Entschädigung geht, die Eitan zusteht. Jüngster Höhepunkt: Sein Großvater (mütterlicherseits) Shmulik P. entführte den Sechsjährigen am Samstag nach Israel. Er hatte ihn kurz zuvor im norditalienischen Pavia regulär bei Eitans Tante (väterlicherseits) Aya B. abgeholt, die die Vormundschaft für den Jungen besitzt. Aya B.s Ehemann Or N. ist sich sicher, dass dem Großvater dabei Komplizen zur Seite standen.

Opa des Jungen soll vorbestraft sein

"Meine Meinung ist, dass sie [die Großeltern; Anm. d. Red] das nicht alleine organisieren konnten", sagt Or N. im RTL-Interview. "Da haben Leute der Familie mitgeholfen, außerdem Dritte von außen."

Shmulik P. ist offenbar mehrfach vorbestraft, er soll seine Ex-Frau mehrfach misshandelt haben. Eitans Entführung plante er anscheinend genau: Nach RTL-Informationen buchte er für 9.000 Euro ein Privatflugzeug, das zunächst von Hannover nach Lugano (Schweiz) flog. Der Großvater suggerierte Eitans Tante am Samstag, mit dem Jungen zu einem Spielplatz zu fahren. Tatsächlich brachte er ihn aber mit einem Leihwagen nach Lugano, von wo aus der Privatjet am Nachmittag Richtung Tel Aviv startete.

Entführung für Verwandte in Italien nicht überraschend

Or N., Onkel von Eitan
Or N. ahnte, dass Eitans Verwandte mütterlicherseits den Jungen nach Israel bringen würden.
© RTL

Seine Familie habe "von Anfang an" damit gerechnet, dass so etwas passieren könne, erklärt Eitans Onkel Or N. "Sie haben den Medien immer wieder gesagt, dass sie Eitan nach Israel bringen würden und alles dafür tun wollen. Das hat den Verdacht genährt."

Den Kontakt zu seinem Opa wollten sie Eitan dennoch ermöglichen. "Wir wollten nie verhindern, dass Eitan eine gute Beziehung zum anderen Teil der Familie hat. Und das Gesetz sagt, dass die Großeltern das Recht haben, das Kind zu besuchen. Wir haben ihnen sogar mehr Besuchstage ermöglicht, als es vom Gericht festgelegt worden war", erzählt Aya B.s Ehemann. Es habe sich meist um lange Besuchszeiten von sechs oder sieben Stunden gehandelt – so auch am Tag von Eitans Entführung.

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Ehemann von Eitans Tante: Geld ist nicht der Hauptgrund

Über die Motive der israelischen Verwandtschaft des Jungen kann er nur mutmaßen. "Ich weiß nicht, was denen durch den Kopf gegangen ist", sagt Or N. "Wahrscheinlich gibt es verschiedene Gründe. Es ist für sie viel bequemer, wenn das Kind in Israel ist. Sie wollen ihn dort haben, obwohl Eitan sein ganzes Leben hier in Italien verbracht hat."

Dass es um die hohe Entschädigungssumme für Eitan geht, hält er für "möglich", aber nicht für den Hauptgrund. "Das Gesetz zum Schutze der Minderjährigen hier sagt, dass dieses Geld Eitan gehört. Das gehört nicht ihnen. Es wird von einem Richter kontrolliert, der entscheidet, wie es ausgegeben wird."

Staatsanwaltschaft in Pavia ermittelt gegen den Großvater Shmulik P.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur Ansa ermittelt die Staatsanwaltschaft in Pavia wegen Freiheitsberaubung gegen den Großvater. "Ich weiß wirklich nicht, was ihm da durch den Kopf gegangen ist", erklärt Shmulik P.s Anwältin Sara Carsaniga im RTL-Interview. "Er selbst sagt, dass er sich spontan dazu entschlossen hat, weil ihm andauernd der Kontakt zu seinem Enkelsohn erschwert wurde. Der habe ihn wiederholt darum gebeten, nach Israel mitgenommen zu werden."

Die israelische Regierung hat bereits signalisiert, dass Eitan bald nach Italien zurückgeführt werden könnte, berichtet RTL-Korrespondentin Raschel Blufarb aus Israel. "Denn die Vormundschaft liegt eben bei der Tante."

Aya B. hofft aus schnelle Rückkehr Eitans nach Italien

Seilbahn-Unglücks in Italien: Aya B., Tante von Eitan
Aya B., die Tante des Überlebenden des Seilbahn-Unglücks in Italien.
© AP

Aya B. ist in großer Sorge um ihren Neffen, der die italienische und die israelische Staatsangehörigkeit besitzt. Israel sei für Eitan kein Zuhause. "Er ist auch Israeli, aber in erster Linie ist er Italiener. Er war ein Jahr und 18 Monate alt, als er herkam, und ist in Pavia aufgewachsen", sagt sie.

Für seine schnelle Rückkehr nach Italien setzen sie und ihr Mann auf das Haager Kindesentführungsübereinkommen, dem sich sowohl Israel als auch Italien angeschlossen haben. Die Vereinbarung soll Kinder vor Entführungen oder Verschleppungen in andere Länder schützen. Darüber hinaus sieht es vor, Kinder so schnell wie möglich in den Staat des bisherigen, gewohnten Aufenthalts zurückzubringen.

Eitans Familie in Israel fühlt sich zurückgedrängt

Eitans israelische Verwandte fühlten sich zunehmend in den Hintergrund gedrängt. "Wir wollen nicht, dass Eitan in eine katholische Schule geht, wir wollen, dass er auch die jüdischen Feiertage feiert, nicht nur Weihnachten", hieß es von dort.

Ähnlich äußerte sich im Juni 2021 die Großmutter des Sechsjährigen: "Eitan ist der Einzige, der uns geblieben ist. Es ist uns sehr wichtig, dass das Kind zu seinen Wurzeln, seiner Familie zurückkehrt. Seine Eltern sind in Israel geboren und begraben."

Aufenthaltsort der 6-Jährigen ist unbekannt

Or N. weiß nicht, wo sich der Junge zurzeit befindet. "Sie wollen es nicht verraten", sagt er über die Familie des Jungen in Israel. "Sie haben behauptet, dass Eitan nach Israel zurückwollte – aber wenn das so ist: Warum verstecken sie ihn dann?" (bst)