Anwälte sprechen von einer Handlung im Affekt

Überlebender des Seilbahnunglücks am Lago Maggiore: So entführte sein Opa Eitan (6) nach Israel

14. September 2021 - 16:54 Uhr

Eitan ist der einzige Überlebende des Seilbahn-Unglücks am Lago Maggiore

Nicht in Italien, sondern in Israel soll zukünftig Eitans Lebensmittelpunkt sein. Zumindest, wenn es nach dem Willen seiner israelischen Verwandtschaft geht. Längst ist der kleine Junge, der als einziger Insasse das Seilbahnunglück am Lago Maggiore überlebt hat, zwischen die Fronten geraten. Das Tauziehen um das Kind gipfelte nun darin, dass sein Opa väterlicherseits den Jungen in einem Privatflugzeug nach Israel brachte – ohne Wissen des Vormunds und entgegen einer richterlichen Anordnung. Wie die mutmaßliche Entführung genau vonstatten ging, hat RTL rekonstruiert. Vieles spricht gegen eine Handlung im Affekt.

War Eitans mutmaßliche Entführung von langer Hand geplant?

Eigentlich sollte Eitan am Montag seine Einschulung feiern, auf die sich der Junge nach Aussage seiner Tante Aya B. bereits gefreut habe. Der Sechsjährige sollte wie seine Kindergartenfreunde auch auf eine katholische Grundschule gehen, bei der ihn seine verstorbenen Eltern noch zu Lebzeiten angemeldet hatten. Doch seine Freunde mussten den ersten Schultag ohne Eitan antreten, denn kurz zuvor hatte dessen Großvater ihn heimlich nach Israel gebracht.

Shmulik P. hatte Eitan am Samstag regulär im norditalienischen Pavia besucht und ihn für einen Ausflug abgeholt. Dass er vorher offenbar einen Privatjet für 9.000 Euro gebucht hatte, wusste zu diesem Zeitpunkt niemand. Laut RTL-Informationen hob am Morgen eine Cessna eines deutschen Charteranbieters in Hannover ab und landete um 11:40 Uhr in Lugano (Schweiz), nördlich von Pavia. Dort wartete sie mutmaßlich auf Shmulik, der Eitan zehn Minuten zuvor bei seiner Tante Aya B. in Pavia abgeholt hatte. Ziel war aber kein Spielplatz, sondern der Flughafen Lugano, zu dem Shmulik Eitan per Leihwagen brachte. Hier startete die Maschine gegen 15 Uhr wieder und landete um 19:25 Uhr in Tel Aviv, wo Eitan in einem Krankenhaus untersucht worden sei, sagte dessen Großmutter Etti Peleg dem Radiosender 103FM. Eitan habe vier Monate lang keinen Arzt außer der Tante väterlicherseits gesehen, behauptete sie. Or Nirko, der Ehemann der Tante in Pavia, sprach von "lügnerischen Erklärungen" der Familie in Israel.

Gemäß einer Gerichtsentscheidung hätte der Opa den Reisepass des Jungen Ende August an die Tante zurückgeben müssen. Das tat er aber nicht. Rechtsanwalt Armando Simbari sagte "Corriere della Sera", dass Eitan ohne Begleitung seiner Vormundschaft (Tante Aya B.) oder eine Genehmigung der italienischen Behörden eigentlich gar nicht hätte ausreisen dürfen. Deshalb sei es unverständlich, wie Shmulik P. seinen Enkel ohne Weiteres außer Landes bringen konnte. Womöglich habe er die Grenzkontrollen umgangen oder gar Hilfe von irgendeiner Seite bekommen habe, mutmaßt er.

Eitan könnte "schon bald nach Italien zurückgeführt werden"

Gegen den Großvater ermittelt nun laut der Nachrichtenagentur "Ansa" die Staatsanwaltschaft in der norditalienischen Stadt Pavia wegen Freiheitsberaubung. "Wir bewerten aktuell den Vorfall, um uns dann einschalten zu können", sagte Außenminister Luigi di Maio am Montag vor Journalisten.

"Ich weiß wirklich nicht, was ihm da durch den Kopf gegangen ist", so Shmulik P.s Anwältin, Sara Carsaniga im Video-Interview mit RTL. "Er selber sagt, dass er sich spontan dazu entschlossen hat, weil ihm andauernd der Kontakt zu seinem Enkelsohn erschwert wurde. Der habe ihn wiederholt darum gebeten, nach Israel mitgenommen zu werden." Seine Rechtsvertreter erklärten, Eitans Opa habe im Affekt gehandelt, dagegen spricht jedoch das Vorgehen, mit dem er die mutmaßliche Entführung plante.

Die israelische Regierung hat bereits signalisiert, dass Eitan schon bald nach Italien zurückgeführt werden könnte", berichtet RTL-Korrespondentin Raschel Blufarb aus Israel. "Denn die Vormundschaft liegt eben bei der Tante."

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Tante Aya B.: „Eitan ist italienischer Staatsbürger“

Sechsjähriger Eitan Biran soll von Großvater nach Israel entführt worden sein.
Aya B., Tante des Überlebenden des Seilbahn-Unglücks in Italien.
© AP

Aya B, der von einem Gericht die Vormundschaft für Eitan zugesprochen worden war, ist außer sich und in großer Sorge. Im Krankenhaus nach der Tragödie habe sie ihrem Neffen immer etwas von ihr geben müssen und ihm versichern müssen, dass sie wiederkomme – auch wenn sie nur das Zimmer für kurze Zeit verließ. Und jetzt das: Eine Entführung, an einen Ort, der für Eitan nach Angaben von Aya B. kein Zuhause ist.

"Er ist auch Israeli, aber in erster Linie ist er Italiener. Er war ein Jahr und 18 Monate alt als er herkam und ist in Pavia aufgewachsen", erklärt sie. Doch sein unbeschwertes Leben endete am Pfingstsonntag jäh, als seine Eltern, sein kleiner Bruder und seine Urgroßeltern bei einem Gondelabsturz ums Leben kamen. Eitan blieb als einziger Überlebender und Vollwaise zurück.

Israelische Oma: „Eitan ist der Einzige, der uns geblieben ist“

Damals nahm Aya B. sich des Jungen an, doch seine israelische Familie fühlte sich zunehmend außen vor. "Wir wollen nicht, dass Eitan in eine katholische Schule geht, wir wollen, dass er auch die jüdischen Feiertage feiert, nicht nur Weihnachten", hieß es aus der israelischen Verwandtschaft.

So äußerte sich im Juni 2021 auch die Großmutter des Jungen. "Eitan ist der Einzige, der uns geblieben ist", sagte sie damals. "Es ist uns sehr wichtig, dass das Kind zu seinen Wurzeln, seiner Familie zurückkehrt. Seine Eltern sind in Israel geboren und begraben."

Aya B. setzt auf Haager Kindesentführungsübereinkommen

Die Tante setzt sich nun für die Rückkehr Eitans ein und beruft sich auf eine internationale Vereinbarung, nämlich das Haager Kindesentführungsübereinkommen, dem sich sowohl Israel als auch Italien angeschlossen haben. Dieses soll Kinder vor Entführungen oder Verschleppungen in andere Länder schützen. Zudem sieht es vor, Kinder so schnell wie möglich in den Staat des bisherigen, gewohnten Aufenthalts zurückzubringen. Cristina Pagni, die Anwältin der Tante, war diesbezüglich am Montag bereits vor Gericht in Pavia. "Im Moment kann ich noch nichts Konkretes sagen", sagte sie nach dem Termin laut Ansa. (dpa/cwa)