Abiturient klagt an: "Ich musste einen Text auf Kanakisch vortragen"

Schulbuch unterstellt Migranten Sexismus und Dummheit

14. Juli 2020 - 14:57 Uhr

Rassismus-Vorwürfe in Niedersachsen

Von Nico Nölken

Diese Schulbuch-Seiten sorgen für Aufregung! Oberstufen-Schüler Elias kannte das Wort "Kanake" bisher nur als gehässiges Schimpfwort für Einwanderer. Jetzt will ihn ein Schulbuch zur Abiturvorbereitung über gebrochenes Deutsch aufklären – und unterstellt Migranten pauschal Sexismus und Dummheit. Unter dem Gelächter seiner Mitschüler musste der 17-Jährige mit Migrationshintergrund einen Text auf "Kanakisch" vortragen. Dabei hätte das Schulbuch nie eingesetzt werden dürfen, wie das niedersächsische Kultusministerium auf RTL-Anfrage mitteilte. Wie sich Özcan Cosar, Comedian mit Migrationshintergrund, mit dem "Kanakisch"-Gedicht fühlt, das zeigen wir im Video unten:

Diskriminierende Texte bleiben unkommentiert

Als Elias aus dem Landkreis Ammerland in Niedersachsen sein Deutschbuch aufschlug, konnte er seinen Augen kaum trauen. In einem Informationstext im Buch "Schroedel Abitur" für die Jahrgangsstufe 11 erfährt er über die Sprache "Kanakisch": "Der kanakische Wortschatz umfasst etwa 300 Wörter. Rund ein Drittel davon entfällt auf Kraftausdrücke aus dem Fäkal- und Sexualbereich, ein weiteres Drittel auf Automarken, deren Modelle und Varianten", heißt es unkommentiert. Und weiter: Der "Kanakisch" Sprechende würde im Alltag nur einen Wortschatz von circa 30 Wörtern verwenden. Ein üblicher Satz sei etwa "Siehssu dem Tuss?".

Elias war schockiert: "Ich wollte anfangs etwas dazu sagen, habe es dann aber gelassen. Das bereue ich bis heute. Wir haben die Texte im Unterricht völlig unkritisch behandelt und mein Lehrer hat das Wort benutzt, als ob es überhaupt nicht beleidigend oder rassistisch ist."

„Nur sexistische oder beleidigende Sätze als Beispiele verwendet“

Als Schüler mit marokkanischem Migrationshintergrund fühlte sich der Abiturient auch persönlich getroffen. "Die Buchseiten sind rassistisch und entwürdigend, weil das Wort 'Kanake' seit den Siebzigerjahren zur Herabsetzung von Türken, Arabern oder Albanern verwendet wird und diese Bevölkerungsgruppen bis heute nicht vollständig in der deutschen Gesellschaft akzeptiert werden."

Selbst wenn der Ausdruck "Kanakisch" nicht diskriminierend gemeint sein sollte, sieht der 17-Jährige große Probleme bei der Verwendung der Texte: "In dem Zusammenhang werden nur sexistische oder beleidigende Sätze als Beispiele der Ausdrucksformen verwendet. Den 'Nutzern' der vermeintlichen Sprache wird außerdem vorgeworfen, einen geringen Wortschatz zu haben."

Elias weiter zu RTL: "Das ist eine Spaltung der Gesellschaft in Deutsche und Nichtdeutsche, in Sprachmächtige und Menschen mit Sprachbarrieren. Es unterstreicht die Überlegenheit einer Gruppe gegenüber der anderen und ist rassistisch."

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

Deutsche Schüler sollen Texte in gebrochener Sprache aufsagen

Schulbuch
© twitter.com/ehleff

Auf der nächsten Seite folgt das Gedicht "Hänsel und Gretel" (Erscheinungsjahr 2000), in dem Murat und Aische durch den Wald gehen. "Du Frau, du kochen fur misch! Und verkaufen die Döner an den Theke", heißt es in dem Text des 2018 erschienenen Schulbuchs. Aufgabe eins für die niedersächsischen Schüler lautet: "Tragen Sie den Märchentext in Ihrer Klasse laut vor. Üben Sie vorher die Aussprache gründlich."

Elias: "Eine Mitschülerin mit türkischen Wurzeln und ich wurden ohne Meldung dran genommen und mussten einen Text auf 'Kanakisch' vortragen. Unsere Mitschüler haben das mit herablassendem Gelächter begleitet. Dabei sprechen wir beide fließend Deutsch. Weil wir so tun mussten, als ob wir die deutsche Sprache nicht beherrschen, hat sich mal wieder ein unwahres Klischee bestätigt."

Als Satire habe man die Texte an seiner Schule nicht wahrgenommen: "Wir haben die Materialien als faktisch ernst behandelt. Es gab keine Einordnung. Es sollte der Bildung dienen."

Schulbuch hätte nie eingesetzt werden dürfen

Mit einer Petition will der Abiturient jetzt verhindern, dass die Buchseiten von weiteren Klassen unkritisch behandelt werden.

Das niedersächsische Kultusministerium erklärte auf RTL-Anfrage, dass das Lehrmaterial nie das Genehmigungsverfahren, in dem die Verlage die Übereinstimmung mit dem Schulgesetz und den Kerncurricula erklären, durchlaufen hat. "Das Buch lag uns nicht zur Genehmigung vor und darf deshalb auch nicht im Unterricht eingesetzt werden", so Sebastian Schumacher, Pressesprecher des Kultusministeriums Niedersachsen.

Man werde sich das Material nun sehr genau anschauen. Schumacher stellt klar: "In Schulbüchern darf kein Platz sein für Klischees, Ressentiments oder gar Rassismus. Schon der Anschein muss vermieden und Missverständnissen konsequent vorgebeugt werden."

Betroffener warnt vor kultureller Aneignung

Die Autorin des Informationstextes, Diplom-Sozialpädagogin Sabine Ankenbrank, begründet die Verwendung des Wortes so: "Das Wort 'Kanake' kommt aus Hawaii und bedeutet dort 'Mensch'." Zwar sei es in Deutschland ein Schimpfwort für Einwanderer, Deutschtürken nennen sich aber schließlich auch stolz selbst so.

Für Elias sind die Texte trotzdem verletzend. Denn während seine Mitschüler entscheiden können, ob sie sich die gebrochene Sprache zum Spaß aneignen, kann er seinen Migrationshintergrund und rassistische Erfahrungen nicht einfach ablegen.