Stiko empfiehlt Impfung für Kinder mit Vorerkrankungen

Fragen und Antworten zur Corona-Impfung für Kinder: Was Eltern wissen sollten

13. Dezember 2021 - 15:23 Uhr

Stiko will Kinder-Impfung bei Vorerkrankung empfehlen

Ende November hat sich die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) entschieden: Der Corona-Impfstoff der Hersteller Pfizer/Biontech ist jetzt auch für Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren zugelassen. Bislang gab es in der EU noch keinen zugelassenen Corona-Impfstoff für Kinder unter zwölf Jahren. Die Ständige Impfkommission (Stiko) will die Corona-Impfung nur für Kinder von fünf bis elf Jahren mit Vorerkrankungen und Kontakt zu Risikopatienten empfehlen, wie sie am Donnerstag mitteilte. Was sollten Eltern wissen, wenn es um die Corona-Impfung ihres Kindes geht? Wir klären alle Fragen.

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Entscheidung der Stiko noch nicht final

Die Ständige Impfkommission (Stiko) will die Corona-Impfung Kindern von fünf bis elf Jahren mit Vorerkrankungen und Kontakt zu Risikopatienten empfehlen. Aber auch gesunde Kinder sollen bei individuellem Wunsch geimpft werden können, hieß es ausdrücklich in einer Mitteilung des Expertengremiums vom Donnerstag zu einem Beschlussentwurf. Es handelt sich noch nicht um eine finale Stiko-Empfehlung, es läuft nun noch ein Abstimmungsverfahren mit Fachgesellschaften und Ländern. Änderungen seien noch möglich.

"Zwar ist die 7-Tagesinzidenz in der Altersgruppe sehr hoch, so dass man davon ausgehen kann, dass ohne Impfung ein Großteil der Fünf- bis Elfjährigen mittelfristig infiziert werden wird, allerdings verlaufen die meisten Infektionen asymptomatisch", teilte die Stiko mit. Kinder ohne Vorerkrankungen in dieser Altersgruppe hätten derzeit ein geringes Risiko für schweres Covid-19, Krankenhauseinweisung und Intensivbehandlung. Hinzu komme, dass das Risiko seltener Nebenwirkungen der Impfung auf Grund der eingeschränkten Datenlage für diese Altersgruppe derzeit nicht eingeschätzt werden könne. Daher spreche die Stiko für Kinder ohne Vorerkrankungen in dem Alter "derzeit keine generelle Impfempfehlung aus".

Wie hoch ist der Nutzen einer Corona-Impfung bei Kindern?

Da sind sich die Experten uneins. Prof. Dr. Thorsten Lehr, Apotheker und Professor für Klinische Pharmazie an der Universität des Saarlandes, sieht in der Impfung einen großen Nutzen: "Wir sehen, dass die Inzidenz bei den Kindern im Alter zwischen fünf und 14 Jahren am höchsten ist. Deswegen ist es ein wichtiges Signal, um die Kinder zu schützen."

Dieser Auffassung ist auch Epidemiologe Prof. Dr. Timo Ulrichs: "Wir wollen natürlich auch so früh wie möglich eine Immunität herbeiführen, damit diese Kinder bis zur Impfung nicht noch gefährdet sind", sagt er. "Auch wenn das Risiko sehr gering ist, dass da schwere Erkrankungen erfolgen, gibt es das Risiko von Long-Covid-Verläufen."

Dr. Christoph Specht hingegen sagt, dass der Nutzen einer Corona-Impfung bei Kindern nicht hundertprozentig klar sei, weil das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs in der Altersklasse verschwindend gering sei. "Deswegen muss die Impfung noch sicherer sein und noch weniger Nebenwirkungen haben als bei Erwachsenen. Die Nebenwirkungen müssen vertretbar sein und dürfen nicht zu oft auftreten", so Specht.

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Wie häufig sind Covid-Erkrankungen bei Kindern?

Kinderarzt Jakob Maske freut sich, dass bald ein zugelassener Impfstoff für Kinder unter zwölf Jahren zur Verfügung steht. Dennoch betont er im Interview mit RTL: "Kinder sind so gut wie gar nicht gefährdet. Angst vor Long Covid zu machen, ist nicht gerechtfertigt." Die Kinder seien nicht dazu da "die Pandemie zu stoppen", das müssten die Erwachsenen tun. Erkrankungen seien bei Kindern nach Corona-Infektionen in seiner Praxis extrem selten. "Man muss hier die Angst von den Eltern wegnehmen." In Einzelfällen sei eine Impfung in der Altersklasse der Fünf- bis Elfjährigen aber durchaus angemessen, so der Kinderarzt.

Welche Vorerkrankungen bei Kindern meint die Stiko?

Im Beschlussentwurf werden rund ein Dutzend Vorerkrankungen genannt, bei denen die Impfung empfohlen wird. Darunter zum Beispiel starkes Übergewicht, bestimmte chronische Lungenerkrankungen und schweres Asthma, bronchiale Tumorerkrankungen und das Down-Syndrom.

Warum gibt es keine generelle Empfehlung, so hoch wie die Inzidenzen bei Kindern sind?

Die Datengrundlage dafür reiche im Augenblick nicht aus, sagte Stiko-Chef Thomas Mertens am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. "Es gibt zwar keinen direkten Hinweis auf ein Risiko der Impfung in dieser Altersgruppe, aber es gibt eben auch keine ausreichend sichere Datenbasis, um die Sicherheit abschließend zu bewerten." Bei Kindern gilt die Sicherheit der Impfung als besonders wichtig, da sie im Unterschied zu Erwachsenen viel weniger schwer erkranken.

Wie hoch schätzt die Stiko das Gesundheitsrisiko von Kindern bei Corona ein?

"Nach unserer Analyse, auch aller Daten aus der laufenden vierten Welle, ist die Krankheitslast bei Kindern in der Altersgruppe gering", sagte Mertens. Meist verliefen Infektionen bei ihnen ohne oder mit nur sehr milden Krankheitsanzeichen. "Bei sehr wenigen Kindern – weniger als 1 von 10.000 Infizierten in dieser Altersgruppe – wird eine Krankenhausbehandlung nötig. Und selbst bei ihnen ist der Verlauf günstig." In Deutschland seien während der gesamten bisherigen Pandemie bei Kindern ohne Vorerkrankungen in dem Alter keine Todesfälle wegen Covid-19 aufgetreten.

Wie hoch ist die Impfstoff-Dosierung und gibt es Nebenwirkungen?

Für Fünf- bis Elfjährige wird ein niedriger dosiertes und anders abgefülltes Präparat im Vergleich zum herkömmlichen Biontech/Pfizer-Impfstoff verwendet. Von dem mRNA-Vakzin sollen laut Stiko zwei Dosen im Abstand von drei bis sechs Wochen gegeben werden. Die EMA betonte, dass das Vakzin nach Studien sicher und effektiv sei. Bisher seien keine schweren Nebenwirkungen festgestellt worden, allenfalls milde Reaktionen wie Fieber, Schmerzen an der Einstichstelle, Müdigkeit oder Kopfschmerzen. Die Experten hatten seit Oktober Studien der Hersteller geprüft.

Ab wann soll geimpft werden?

Die Auslieferung dieses speziellen Kinder-Impfstoffs war kürzlich um eine Woche auf den 13. Dezember vorgezogen worden.

Was gilt für Kinder, die bereits Corona hatten?

Von Covid-19 genesene Kinder mit einer der von der Stiko genannten Vorerkrankungen sollen gemäß Beschlussentwurf eine Impfstoffdosis etwa sechs Monate nach ihrer Infektion erhalten. Liegen bei Kindern keine Vorerkrankungen vor, sei vorerst nach Genesung von Sars-CoV-2 keine Impfung notwendig, hieß es.

Was ist mit Spät- und Langzeitfolgen bei Kindern?

Die Stiko hat sich auch mit diesen Themen beschäftigt. Long Covid sei bei Kindern "wissenschaftlich gesehen immer noch sehr unklar". Es gebe kaum wirklich zuverlässige Studien, die eine Unterscheidung erlaubten, ob Symptome durch pandemiebedingte Einschränkungen oder die Infektion hervorgerufen wurden. "Bisherige Studien mit Kontrollgruppen zeigen keinen sicheren spezifischen Effekt der Infektion", sagte Mertens.

Wie sehen die Erfahrungen mit dem Kinder-Impfstoff im Ausland aus?

Die meisten Covid-19-Impfungen in der Altersgruppe gab es in den vergangenen Wochen in den USA: Dort haben nach Angaben der Gesundheitsbehörde CDC bisher rund fünf Millionen Kinder zwischen fünf und elf Jahren mindestens eine Impfung erhalten. Auch Kanada und Israel haben Zehntausende Kinder zumindest erstgeimpft. Über ernsthafte Nebenwirkungen ist bisher nichts bekannt geworden.

Die Daten aus den USA sind Mertens zufolge noch nicht sicher. Den meisten Kindern fehle noch die zweite Impfung. "In den USA gibt es wie bei uns ein Spontanmeldeverfahren von Nebenwirkungen und man muss von einem längeren Meldeverzug ausgehen. Wir haben von Kollegen aus den USA mündlich berichtet bekommen, dass es dort sehr wenige, gut verlaufene Fälle von Herzmuskelentzündungen nach Impfungen auch bei Fünf- bis Elfjährigen gegeben hat."

Aber über die Häufigkeit und Bedeutung könne man im Moment nichts sagen. Von der Impfung der Kinder und Jugendlichen ab zwölf Jahren und der jungen Erwachsenen ist bereits bekannt, dass es im Zusammenhang mit mRNA-Impfstoffen in seltenen Fällen zu Herzmuskelentzündungen kommen kann.

Welche Rolle spielt die neue Variante Omikron?

Erste Labordaten zeigen, dass Omikron den Antikörpern von Geimpften besser entkommt als frühere Varianten. Eine Anpassung der Impfstoffe erscheint einigen Experten wie Virologe Christian Drosten daher nun erforderlich. Man müsse ausreichend immunisiert worden sein, um auch einen Schutz gegen Omikron zu haben, sagte Mertens.

"Für die Impfempfehlung für Kinder spielt die Variante im Moment keine Rolle, es gibt ja im Augenblick keinen alternativen Impfstoff. Letztendlich sollte Omikron für Eltern kein Kriterium in der Impfentscheidung sein, da noch zu viele Ungewissheiten damit verbunden sind." Auch erste Meldungen aus Südafrika über schwere Verläufe bei Kindern seien noch nicht so belastbar. Es brauche mehr Zeit und gut angelegte Studien für die Bewertung.

Warum ist die Empfehlung der Stiko so wichtig?

Impfempfehlungen der Stiko gelten als medizinischer Standard und sind für viele Ärzte eine wichtige Richtschnur. Je nach Wissensstand hat das Gremium seine Impfempfehlungen immer wieder angepasst. Auch die Impfung für Kinder ab 12 Jahren war zunächst nur bei Vorerkrankungen empfohlen und später auf die gesamte Altersgruppe ausgeweitet worden. Zu mehreren Fragestellungen rund um die Corona-Impfungen hatten Stiko-Entscheidungen Diskussion und Kritik hervorgerufen, dem Gremium wurde zum Beispiel ein für Pandemieverhältnisse zu zögerliches Vorgehen vorgeworfen. (dpa/jth/jos/jar/akr/evo)