Fällt morgen das Urteil in Solingen?

5 tote Kinder in Solingen - so wenige Emotionen zeigte Angekalgte im Gerichtssaal

Christiane K. auf der Anklagebank im Gerichtssaal. Sie soll ihre Kinder ermordet haben.
Christiane K. auf der Anklagebank im Gerichtssaal. Sie soll ihre Kinder ermordet haben.
© imago images/Tim Oelbermann, Tim Oelbermann via www.imago-images.de, www.imago-images.de

13. Dezember 2021 - 21:15 Uhr

Die schreckliche Tat passierte in ihrer Wohnung in Solingen-Hasseldelle

14 Monate nach der Tat im September 2020 werden am 2. November die Plädoyers verlesen. Christiane K., die in ihrer Wohnung in Solingen-Hasseldelle fünf ihrer sechs Kinder heimtückisch umgebracht haben soll, droht lebenslange Haft. Die Reporter Christina Warnat und Valerio Magno haben den Mordprozess am Landgericht Wuppertal für RTL begleitet. So haben sie die Verhandlung und die Angeklagte erlebt.

Christiane K. weinte nur einmal

Ein durchdringendes Summen ertönt. Dann erscheinen JVA-Beamte im Sitzungssaal J12EG des Wuppertaler Landgerichts, gefolgt von Christiane K. Die Angeklagte in dem Schwurgerichtsprozess ist klein, zierlich, ihr Gesicht hat mädchenhafte Züge. Sie wirkt jünger als ihre 28 Jahre. Nur selten beobachteten unsere Reporter im Lauf des Prozesses spürbare Emotionen bei der angeklagten Mutter.

Einmal weinte sie, als ein fröhliches Video abgespielt wurde, in dem ihre Kinder noch leben, jauchzen und toben. Kaum liefen die ersten Bilder, seien Christiane K. die Tränen in die Augen geschossen. Etwa eine Minute habe sie noch hingesehen, beschreibt Magno die Reaktion, dann habe sie den Kopf gesenkt und geweint. "Fast habe ich den Eindruck, als würde der Angeklagten nun klar, was ihr da eigentlich vorgeworfen wird: Dieses Kinderglück, ihr eigenes Lebensglück, zerstört zu haben", sagte der RTL-Reporter damals. Auch als später der verzweifelte Notruf von K.s Mutter durch die Lautsprecher des Gerichtssaals hallte, konnte die Angeklagte ihre Gefühle nicht verbergen.

Christiane K. zeigt „äußerlich keine menschliche Regung“

Den Rest des Verfahrens jedoch verfolgte sie meist reglos. Mal hörte Christiane K. interessiert zu, dann wieder wirkte sie abwesend. Als Tatortfotos gezeigt wurden – die toten Kinder, scheinbar schlafend, zugedeckt in ihren Betten – schaute sie weg. Auch als die Rechtsmedizinerin den minutenlangen Todeskampf der Kleinen schilderte, habe die 28-Jährige "äußerlich keine menschliche Regung" gezeigt, so Magno. Wenn überhaupt habe sie nur die Augen bewegt und immer wieder tief eingeatmet.

Es ist, als sei Christiane K. lediglich Prozessbeobachterin, Zuschauerin, als gehe es nicht um ihr eigenes Leben. Unscheinbar, unsicher, so beschreibt sie auch RTL-Reporter Ulrich Klose, der mehreren Prozesstagen beiwohnte. Eindrücke, die sich in vielen Mordprozessen wiederholen. Man erwartet ein Monster auf der Anklagebank – doch am Ende sitzt dort bloß eine Person, die erschreckend normal aussieht. So ist es RTL-Redakteurin Christina Warnat auch 2015 im Prozess gegen den Mörder des kleinen Mirco (†10) ergangen.

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Christiane K. ließ Marcel aus dem Unterricht holen

IM Prozess um den Tod der fünf Kinder ist auch der leibliches Vater geladen.
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© dpa, Marcel Kusch, mk kde fc sab aba fdt

Bei Christiane K. ist es ähnlich. Weder ihr Äußeres, noch ihr Verhalten lassen erahnen, welch monströses Verbrechen die Staatsanwaltschaft Wuppertal ihr vorwirft. Am 3. September 2020 soll sie fünf ihrer sechs Kinder heimtückisch mit hohen Dosen Vomex, Vomacur und Nurofensaft betäubt und anschließend in der Badewanne ertränkt, erwürgt oder erstickt haben. Erst die kleine Melina (1). Anschließend Leonie (2), dann Sophie (3), Timo (6) und schließlich Luca (8). Ihr ältester Sohn Marcel überlebte. Er war zum Tatzeitpunkt in der Schule.

Dort hatte Christiane K. angerufen und ihn mit einem Verweis auf einen familiären Todesfall aus dem Unterricht holen lassen. Mutter und Sohn waren daraufhin gemeinsam mit einem Zug Richtung Düsseldorf gefahren. Unterwegs habe sie ihm eröffnet, dass seine Geschwister tot seien. Polizeibeamtin Claudia O. (52), die den Jungen vernommen hatte, sagte aus, die Mutter habe Marcel erzählt, seine Halbbrüder und -schwestern "hätten im Taxi gesessen, ein Lastwagen sei drauf gefahren". Christiane K. stieg am Hauptbahnhof Düsseldorf aus, warf sich vor einen einfahrenden Zug, überlebte. Der damals elfjährige Junge fuhr alleine und völlig verstört weiter zu seiner Oma an den Niederrhein.

Landgericht Wuppertal widerspricht Auftragsmord-These

Mordprozess gegen Christiane K. Mordprozess gegen Christiane K. Der Solingerin wird vorgeworfen, am 03.09.2020 fünf leibliche Kinder in der Wohnung an der Solinger Hasselstraße getötet zu haben. Verhandlungstag 9. Wuppertal, Landgericht Deutschland *
Mordprozess gegen Christiane K.: Der Solingerin wird vorgeworfen, am 3. September 2020 fünf leibliche Kinder getötet zu haben.
© imago images/Tim Oelbermann, Tim Oelbermann via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Die Angeklagte selbst schweigt vor Gericht. Die ihr zur Last gelegte Tat hat sie von Anfang an bestritten. Ihre Version: Ein maskierter Unbekannter habe sie gefesselt und geknebelt, um dann die Kinder umzubringen. Verteidiger Thomas Seifert hatte die Theorie eines möglichen Killers aufgemacht, den der Vater der vier jüngsten Kinder angeheuert haben soll, um keinen Unterhalt mehr zahlen zu müssen. Das Gericht jedoch hatte sämtliche Anträge in diese Richtung abgelehnt. Die Richter sehen keine Hinweise auf einen männlichen Täter. Ermittler bezeichneten die Aussagen als Schutzbehauptung. Dennoch scheint Christiane K. von ihrer Unschuld überzeugt. Das dokumentieren auch Briefe, die sie aus dem Gefängnis an ihre Mutter und Marcel geschrieben hat, und die vor Gericht verlesen wurden.

Der erste Vorsitzende Richter Jochen Kötter hatte anschließend festgehalten, dass sich Christiane K. darin sehr selbstbewusst und selbstbestimmt darstelle. Er halte sie für intelligent und dass sie wisse, wie sie dies manipulativ einsetzen könne. Er mahnte sie, dass sie noch dafür sorgen könne, dass das Gericht ihre Sichtweise nachvollziehen kann. Sie solle sich überlegen, ob sie mit einer Lebenslüge leben und ihren Sohn Marcel in Ungewissheit lassen wolle.

Christiane K. droht wegen fünffachen Mordes lebenslange Haft

Morgen nun sollen die Plädoyers beginnen - zunächst mit dem der Staatsanwaltschaft. Die Ankläger sind davon überzeugt, dass Christiane K. ihre drei Töchter und zwei Söhne heimtückisch ermordet hat. Viele Indizien belasten die 28-Jährige schwer. Unter anderem hatten Ermittler nach der Tat gelöschte WhatsApp-Chats mit ihrem Noch-Ehemann Pascal K. und ihrer Mutter wieder sichtbar machen können.

Darin schickte Christiane K. ein Bild, auf dem Blut und ein Messer zu sehen waren, an Pascal K. Die Tatverdächtige schrieb in den Nachrichten unter anderem: "Ich beende es. Die Kinder sind schon da oben, ich gleich auch, also ruf die Polizei." Und dann noch einmal: "Die Kinder sind tot. Hol' die Polizei. Ich meine es ernst, die Kinder leben nicht mehr." Kurz zuvor hatte ihr Mann ihr mitgeteilt, dass er eine neue Partnerin hat.

Nach Ansicht des vom Gericht bestellten Gutachters ist Christiane K. voll schuldfähig. Schon am 3. oder 4. November könnte das Urteil in dem Prozess fallen. Der Angeklagten droht eine lebenslange Freiheitsstrafe. Zudem könnte das Gericht die besondere Schwere der Schuld feststellen. "Das ist ein Unterschied zwischen 15 Jahren bei 'klassisch lebenslänglich' und 22 Jahren mit besonderer Schwere der Schuld", erläutert Ulrich Klose.

Hilfe in Notsituationen

Haben Sie suizidale Gedanken oder haben Sie diese bei einem Angehörigen/Bekannten festgestellt? Hilfe bietet die Telefonseelsorge: Anonyme Beratung erhält man rund um die Uhr unter den kostenlosen Nummern 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222. Auch eine Beratung über das Internet ist möglich unter http://www.telefonseelsorge.de.