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Die fünf Versionen des Killers - wie starb Mirco (†10) wirklich?

Die fünf Versionen des Killers - wie starb Mirco (†10) wirklich?

Olaf H.
Der Angeklagte vor Prozessbeginn: Mit einer Mappe, Sonnenbrille und Mütze versteckte er sich vor den Fotografen.
REUTERS, POOL

Von Linda Görgen und Christina Rings

Das lange Warten auf den Prozess gegen Olaf H., den Mörder der kleinen Mirco (†10) aus Grefrath, sollte gestern ein Ende haben. Endlich kommt Licht ins Dunkel, das hofften alle. Die monatelange Ungewissheit, was den "Biedermann aus Schwalmtal" dazu brachte, einen unschuldigen Jungen, der sein ganzes Leben noch vor sich hatte, zu töten, sollte endlich ein Ende haben. Denn der Angeklagte Olaf H. wollte zu Prozessbeginn eine Erklärung abgeben. Stattdessen spricht jedoch sein Anwalt Gerd Meister für ihn, während er schweigt und ab und zu lächelt.

Sein Mandant werde nicht sprechen, so Meister, schließlich sei er selbstmordgefährdet. Zwar stimme er im Großen und Ganzen der Anklage zu. Den Mord aus Ärger über eine ausgebliebene Erektion und das Zustechen mit einem Messer streitet er aber ab. Dies ist die mittlerweile fünfte Version zum Tathergang. Der Vorsitzende Richter Herbert Luczak, auch "das lächelnde Fallbeil' genannt, hatte am ersten Prozesstag viele Fragen an den Angeklagten. Akribisch sezierte er die Vernehmungsprotokolle.

Olaf H. verstrickt sich in Widersprüche

Erste Version: Mirco verletzt gefunden

Wie der Angeklagte beim ersten Verhör angab, habe er den halbnackten Mirco verwundet gefunden und ihm helfen wollen. Doch es sei zu spät gewesen. Er sei mit dem Toten zum späteren Fundort der Leiche gefahren und habe ihn dort abgelegt.

Zweite Version: Aus Versehen erstickt

H. habe sich dringend erleichtern müssen, habe deswegen an dem späteren Fundort von Mircos Fahrrads angehalten. Plötzlich sei Mirco schreiend auf ihn zu gefahren, sei vor ihm stehen geblieben und habe gerufen: "Lassen Sie mich in Ruhe!" Dann habe der Junge plötzlich mit dem Rücken an seinen Bauch gelehnt gestanden, und H. habe ihn beruhigen wollen, was ihm nicht gelungen sei. Daraufhin habe er Mirco den Mund zugehalten. Irgendwann sei das Kind weggesackt, und H. habe realisiert, dass er ihn offenbar erstickt habe. Panik habe sich breit gemacht, und er habe den vermeintlich Toten in seinen Wagen geladen, um mit ihm zum späteren Tatort zu fahren. Er müsse die Leiche loswerden, schließlich habe er Mirco berührt und bestimmt Spuren hinterlassen, habe er gedacht. Deswegen habe er den Jungen an der bekannten Stelle abgelegt und ausgezogen, seine Hände auf Mircos Hände gelegt.

Eine ähnliche Version erzählte er später einem Sachverständigen. Dabei schwor er "aufs Leben seiner kleinen Tochter", dass er Mirco nicht sexuell missbraucht habe. Sein Anwalt rechtfertigt dies mit einem "Verdrängungsprozess" seines Mandanten.

Dritte Version: Mirco sei zu schnell gefahren

H. sei sauer gewesen, dass ein Fahrradfahrer (Mirco) so schnell gefahren sei, sodass er "in die Eisen" gehen musste. Deshalb sei er ihm hinterher gefahren und habe ihn dann zur Rede gestellt. Der Rest habe sich so abgespielt wie in der zweiten Version.

Lesen Sie auf Seite 2: Mord als Stressventil?

Vierte Version: Mord als Stressventil

Der vorsitzende Richter Herbert Luczak
Er sezierte vier Stunden lang die Vernehmungsprotokolle des Angeklagten: vorsitzende Richter Herbert Luczak.
dpa, Volker Hartmann

4. Version: Mord als Stressventil

H. sei permanent von seinem Chef "zusammengefaltet" worden. Am Tattag sei seine Tochter krank gewesen und er zu Hause geblieben. Durch den schönen Vormittag mit dem Kind sei er wieder runtergekommen. Dann sei ein Anruf von seinem Chef gekommen, der ihn erneut zusammengefaltet habe. "Nervlich erregt" sei er mit dem Auto herumgefahren, dann soll Mirco schreiend auf ihn zugefahren und gerufen haben: "Lassen Sie mich in Ruhe, sonst rufe ich die Polizei!" Das habe H. Angst gemacht. Er gibt an, den Jungen überwältigt und ins Auto gesetzt zu haben. Auf dem Weg habe Mirco seinen Peiniger gebeten, ihn doch bitte gehen zu lassen. Er würde zu Hause sagen, er sei spät dran, weil er sich die Fahrradkette abgefahren habe. Doch H. habe ein Gefühl der Kontrolle gespürt, den Jungen missbraucht, dann festgestellt: "Das ist nicht mein Ding", und ihn mit seinem Arm erwürgt. Später gibt er an, Mirco mit einer Schnur erstickt zu haben, die er zufällig im Seitenfach seines Autos gehabt habe, in das er unbewusst gegriffen habe. Um sicherzugehen, dass der Junge tot ist, sei er später noch einmal zum Tatort zurückgekehrt und habe ihm mit einem Messer, dass er zufällig im Auto liegen gehabt habe, ins Bein gestochen. Dann habe er das Blut mit Mircos T-Shirt abgewischt, sich bei dem Jungen entschuldigt – mit den Worten: "War nicht so gemeint." Er sei fertig gewesen, da Mirco ihn plötzlich an seinen Sohn erinnert habe und habe die Leiche oder wie er sagt: "den kleinen Jungen nicht allein im dunklen Wald zurücklassen" wollen. Doch er habe nicht gewusst, wohin mit ihm. Also habe er ihn abgelegt, das Vaterunser gebetet und ihn gefragt, ob er ihm einen Namen geben dürfe: "Mike". Das Skurrile an der Sache: Seine Frau und er wollten die gemeinsame Tochter Mike nennen, wäre sie ein Junge geworden. Dann habe er sich von dem Jungen verabschiedet und auf dem Rückweg geweint. Um sicherzugehen, dass Mirco auch wirklich tot ist, sei er dann noch einmal zurück gefahren und habe ihm mit einem Messer in den Hals gestochen. Dieses zeichnete er später bei einer Vernehmung nach.

Zweifel des Gerichts: Wenn er nun sagt, dass er nicht zugestochen habe, warum zeichnete er das Tatmesser dann in der Vernehmung? Und wieso habe er angegeben, das Messer an Mircos T-Shirt abgewischt zu haben? Was war außerdem der Grund, ca. 200 Kilometer in der Gegend herumzufahren, wenn nun eindeutig bewiesen sei, dass es diesen Anruf vom Chef nie gegeben habe?

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"Die Frage, ob sich das so abgespielt hat, ist zu stellen", sagte der Vorsitzende Richter Herbert Luczak in Richtung Anklagebank. "Das Gericht muss nicht jede Einlassung glauben." Dabei geht es um einen Brief, den H. seinem Verteidiger geschrieben hat. Darin schildert der 46-jährige Familienvater die sexuellen Übergriffe, die er selbst als Kind erlebt haben will. Auf Zustimmung des Angeklagten leitete Meister den Brief an einen Sachverständigen weiter. Dass er vor Gericht verlesen wird, will Olaf H. aber nicht. Das sei ihm höchst unangenehm, so sein Anwalt. Manchmal, räumt Luczak ein, würden derlei Dinge auch erzählt, um einen Fall in einem anderen Licht erscheinen zu lassen. "Will er bei der Aussage bleiben?", fragt er den Verteidiger. Der wiegelt ab. Der Missbrauch sei lange her, nicht mehr zu beweisen. Er wolle sich mit seinem Mandanten beraten.

Luczak riet dem Angeklagten auch in Hinblick auf das spätere Strafmaß, sich noch einmal zu überlegen, ob er sich nicht doch im Laufe des Prozesses Stellung beziehen wolle. Es gibt viele Fragen – doch Olaf H. schweigt. Anwalt Meister kündigte vor Gericht an, er wolle sich mit seinem Mandanten beraten, doch das sei komplex und könne nicht in den nächsten drei Tagen abgehandelt werden.

Die Grenzen zwischen Schein und Sein waren zum Prozessauftakt im Gerichtssaal 167 des Krefelder Landgerichts manchmal verschwommen, nicht mehr klar erkennbar. Auch das Motiv von Olaf H. ist weiterhin unklar. Nicht einmal sein Anwalt kennt es.

Morgen wird Sandra S., Mircos Mutter, in den Zeugenstand gerufen. Dann wird sie dem Mörder ihres Sohnes zum ersten Mal begegnen.



Linda Görgen entdeckte schon während der Schulzeit den Journalismus für sich, als sie bei der Lokalzeitung in ihrer niederrheinischen Heimat erstmals Redaktions-Luft schnupperte. Nach dem Studium und einem Volontariat beim Fernsehen zog es sie zunächst nach London, wo sie im RTL-Außenstudio hospitierte. Sie ist bereits seit 2007 festes Mitglied der Redaktion - anfangs als Studentin, später als Redakteurin. Hier kümmert sie sich zudem um die Betreuung der Praktikanten. Nach Feierabend trifft man sie beim Sport, beim Eishockey und auf Konzerten, wenn sie nicht gerade den Koch- oder Backlöffel schwingt. Letzteres auch sehr zur Freude ihrer Kollegen.



Christina Rings hat den Journalismus von der Pike auf gelernt: als Praktikantin, Freiberuflerin, Volontärin und schließlich Redakteurin. Verbraucherschutz, Politik und Gesellschaftsthemen sind ihre bevorzugten Ressorts. An der Uni Oldenburg hat sie BWL mit juristischem Schwerpunkt studiert - ist heute aber heilfroh, die potentielle Karriere als Personalmanagerin an den Nagel gehängt und stattdessen den Sprung in die digitale Redaktion von RTL geschafft zu haben. Hauptsache: Schreiben, texten, kreativ sein. Wenn sie nicht gerade mit ihrer kleinen Tochter Tilda über die Spielplätze Kölns zieht, traktiert sie das Manuskript zu ihrem ersten Roman und ist doch nie ganz zufrieden. Ob er je fertig wird? Wir sind gespannt…