Solingen-Prozess: Angeklagte wegen fünf toten Kindern vor Gericht

Richter appelliert an Christiane K.: "Wollen Sie Ihren Sohn Marcel in Ungewissheit leben lassen?"

Christiane K. auf der Anklagebank im Gerichtssaal.
Christiane K. auf der Anklagebank im Gerichtssaal.
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13. Dezember 2021 - 21:27 Uhr

Polizistin gibt Aussage des einzigen überlebenden Kindes wieder

Was geht in Christiane K. vor? Die junge Mutter aus Solingen soll fünf ihrer sechs Kinder mit einem Medikamenten-Cocktail betäubt und sie anschließend erwürgt, erstickt oder ertränkt haben. Nur ihr ältester Sohn Marcel überlebte. Obwohl im Laufe des Prozesses vor immer mehr grausame Details des Tattags ans Licht kommen, zeigt die Angeklagte die meiste Zeit über kaum eine Regung. Das ändert sich auch nicht, als eine Polizistin erzählt, wie Marcel den Tattag erlebte. Schließlich wendet sich der Vorsitzende Richter direkt an Christiane K.

Christiane K. erzählte, ein Laster habe ihr Taxi gerammt

Ruhig sitzt Claudia Otto im Saal des Landgerichts Wuppertal. Sie führte die Anhörung von Marcel durch, nachdem dieser erfahren hatte, dass seine Geschwister tot sind. Sachlich gibt die Vernehmungsbeamtin wieder, was ihr der Junge über den Tattag im September 2020 erzählte. Als seine Geschwister umgebracht wurden, war er gerade einmal elf Jahre alt. Marcel habe ihr konzentriert, sachlich und ruhig geantwortet.

Am Tattag sei alles wie immer gewesen. Marcel fuhr mit dem Bus zur Schule, seine Geschwister sah er nicht. In der dritten Stunde habe die Schulleiterin ihm gesagt, dass seine Mutter einen Arzttermin verschoben hätte und er zum Rathaus fahren sollen, wo ein Bekannter warten würde. Stattdessen traf er dort seine Mutter Christiane K., die ihm sagte, seine Geschwister seien bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ein Laster habe das Taxi, in dem sie saßen, gerammt. Marcel wollte dann seine Oma anrufen, aber seine Mutter habe ihm gesagt, so etwas erzähle man nicht am Telefon. Christiane K. habe auf ihren Sohn niedergeschlagen gewirkt – ihr Gesichtsausdruck sei komisch gewesen, als sei sie betrunken.

Was passierte am 3. September in der Wohnung in Solingen?

Die Aussage ist ein weiteres Puzzleteil in der Frage, was am 3. September 2020 passiert ist. Christiane K. selbst streitet die Tat ab. Einer psychologischen Gutachterin hatte sie erzählt, ein Unbekannter mit weißen Handschuhen habe am Tattag an der Tür geklingelt und ihr einen Schlag auf den Kopf versetzt. Sie sei ohnmächtig geworden und habe ihre Kinder dann leblos in ihren Betten gefunden. Die Ermittler hatten diese Version als Schutzbehauptung zurückgewiesen. Es gebe keine Spuren oder Hinweise auf den ominösen Unbekannten, obwohl man der Version nachgegangen sei.

Ihrem Noch-Ehemann hatte Christiane K. am Tattag nach einem Streit über WhatsApp geschrieben, die Kinder umgebracht zu haben. Obwohl sie die Nachrichten löschte, konnten die Ermittler sie rekonstruieren. Die Beweise wiegen schwer. Warum also schweigt Christiane K. noch immer? Die Frage beschäftigt an diesem Mittwoch auch den Vorsitzenden Richter, der sich schließlich direkt an die Angeklagte wendet.

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Wirkt die Ansprache des Richters?

"Ich will Ihnen aus Fürsorgegründen etwas an die Hand geben", sagt Jochen Kötter am Ende des Prozesstages zu Christiane K. In ihren Briefen stelle sie sich sehr selbstbewusst und selbstbestimmt dar. Sie erscheine intelligent und wisse, wie sie das auch manipulativ einsetzen könne. "Für Ihre Version des Tattags gibt es keine Zeugen und die Version der Staatsanwaltschaft klingt sehr plausibel", erklärt Kötter. "Noch können Sie dafür sorgen, dass das Gericht ihre Sichtweise nachvollziehen kann. Sie sind noch jung und sollten sich überlegen, ob Sie mit einer Lebenslüge leben und Marcel in Ungewissheit leben lassen wollen." Die Angeklagte schweigt. (mst)