So werden Erntehelfer in Deutschland abgezockt

„Moderne Sklaverei“ für unser günstiges Obst und Gemüse

10. September 2020 - 11:18 Uhr

Auf der Suche nach einem besseren Leben bitter enttäuscht

"Ich wollte ein besseres Leben – vor allem für meine Frau und meine Kinder", erzählt George Mitache. Deshalb ging der 28-Jährige im April, mitten im Corona-Lockdown, als Erntehelfer nach Deutschland. Jetzt sitzt er wieder in seiner rumänischen Heimat und ist bitter enttäuscht: "Das war moderne Sklaverei." Er habe in einer engen Sperrholz-Baracke gehaust und weniger als den Mindestlohn verdient. Als er sich beschwerte, habe man ihn rausgeschmissen.

Auch der ehemalige Erntehelfer Adam Ciobotaru sei abgezockt und betrogen worden, wie er RTL-Moderator Maik Meuser im Interview erzählt. Sechs Jahre lang habe er sieben Tage die Woche für einen Hungerlohn geschuftet, dann habe sein Chef ihn gefeuert. Seitdem lebt er in einer Obdachlosenunterkunft. Was die beiden Erntehelfer erlebt haben, sehen Sie im Video.

Erntehelfer schuften für einen Hungerlohn

George Mitache vor seinem Haus in Bacani/Rumänien.
George Mitache vor seinem Haus in Bacani/Rumänien.
© RTL, Torsten Misler

George Mitache und die anderen rumänischen Helfer kamen auf einem Hof in Süddeutschland in einem zusammengezimmerten Raum unter. Die Betten standen dicht an dicht. Schutzmaßnahmen gegen Corona habe es keine gegeben. "Für 150 Arbeiter gab es zehn Duschen. Wir mussten lange anstehen", erzählt George Mitache. Den Erntehelfer wurden, so erzählen sie es, die Personalausweise abgenommen – angeblich für die Arbeitsverträge.

Bezahlt worden seien sie nach der Menge der gepflückten Erdbeeren: 3 Euro für 5 Kilogramm. Pro Stunde seien sie so auf einen Lohn von etwa 4,50 Euro gekommen. Zum Vergleich: Der Mindestlohn in Deutschland liegt aktuell bei etwa dem Doppelten.

Erntehelfer in Deutschland: Ein Heer der Unsichtbaren

Jedes Jahr kommen etwa 300.000 Erntehelfer aus der ganzen Welt nach Deutschland. In diesem Jahr sind es wegen der Corona-Pandemie weniger. Ohne dieses Heer billiger und meist unsichtbaren Wanderarbeiter aus Osteuropa wäre die Ernte für deutsche Bauern nicht zu schaffen – und ohne sie würde Obst und Gemüse nicht so günstig verkauft werden können.

Gewerkschafterin Catalina Guia erlebt immer wieder Fälle, in denen Arbeiter weit weniger als den Mindestlohn verdienen, Überstunden nicht bezahlt bekommen und in miesen Unterkünften leben müssen, wie sie im Gespräch mit Maik Meuser erzählt: "Wie Tiere" würden einige der Arbeiter behandelt. Weil viele schlecht Deutsch sprechen und ihre Rechte nicht kennen, könnten sie sich oft nicht wehren – oder viel zu spät.

George Mitache und die anderen Erntehelfer aus seinem Dorf haben sich nach drei Wochen über die Arbeitsbedingungen, die Unterkunft und die Verpflegung beschwert und ihre Personalausweise zurückverlangt. Daraufhin habe der Bauer sie auf die Straße gesetzt. RTL hat den deutschen Bauern um eine Stellungnahme gebeten, die bislang nicht erfolgt ist.

Wie Erntehelfer auch in Italien unter schlimmsten Bedingungen bei der Tomatenernte schuften, lesen Sie hier.