Horror-Bedingungen für Erntehelfer in Italien

Ein Euro Lohn für 100 Kilo geerntete Tomaten

10. September 2020 - 11:16 Uhr

von RTL-Korrespondent Udo Gümpel

Auf den Feldern Apuliens ist die Tomatenernte gerade in vollem Gange. Leckerste Tomaten, die nur die Sonne gesehen haben, auf fruchtbarer Erde gewachsen. Eben abgeerntet sind Honig- und Wassermelonen, bald kommen Paprika und Weintrauben dran. Anfang November beginnt dann die Olivenernte auf den Hainen, die sich über Kilometer durch die Landschaft hinziehen.

Doch für diese knüppelharte Arbeit werden viele Landarbeiter extrem schlecht bezahlt und müssen unter grausigen Bedingungen leben. Mehr dazu sehen Sie auch im Video oben.

Landarbeiter sind meist Migranten

RTL-Korrespondent Udo Gümpel war bei der Tomatenernte in Nardo dabei.
RTL-Korrespondent Udo Gümpel war bei der Tomatenernte in Apulien dabei.
© Udo Gümpel

Apulien, eine Region der barocken Altstädte und Burgen noch aus der Zeit des deutschen Kaisers Friedrich des Zweiten, dazwischen weiße Sandstrände und Dünen. Das ist das großartige Bild der Region. Fast vollkommen verborgen leben die Menschen, die die Früchte dieser Erde wachsen lassen und pflücken, die Landarbeiter, "braccianti" auf italienisch. Man könnte es wohl mit "kräftige Arme" am treffendsten übersetzen.

Die meisten dieser kräftigen Arme gehören Menschen, die als Migranten übers Mittelmeer nach Italien kamen. Es gibt auch italienische Politiker, die diese Feldarbeiter gerade wegen ihrer kräftigen Arme veräppeln. Sollten sie doch arbeiten gehen, mit solchen Oberarmen, anstatt auf den Straßen herumzulungern, sagen Leute wie der Lega-Chef Matteo Salvini. Und auch in Italien lachen dann viele Menschen, die nicht wissen, dass es diese kräftigen Arme sind, die für die Italiener und für uns die wundervollen Früchte der Erde ernten.

Schlechte Bezahlung und katastrophale Lebensbedingungen

Die meisten Erntehelfer haben keine Arbeitserlaubnis
Die meisten Erntehelfer haben keine Arbeitserlaubnis und leben unter prekären Bedingungen.
© Udo Gümpel

Eine knüppelharte Arbeit, für die "braccianti"-Landarbeiter sehr schlecht bezahlt werden, und, beinah noch schlimmer, unter grausigen Bedingungen leben müssen. "Grausig" ist ein passendes Adjektiv, wenn man die Landarbeiter einmal in einem ihrer Behelfsdörfer aus Wellblech, Pappe und Holz besucht hat. In Frankreich nennt man solche Wellblechhütten-Dörfer "Bidonville",  das Wort kommt von von "bidon", Beschiss, Betrug, Schwindel, auf englisch nennt man es ein Slum, auf brasilianisch eine "Favela". Ich kenne Favelas. Ein Brasilianer würde sich sicher weigern, in so eine Favela einzuziehen.

Von den 1,2 Millionen Landarbeitern Italiens sind 85 Prozent reine Saisonarbeiter, von ihnen haben 250.000 Menschen keine reguläre Aufenthaltserlaubnis, auch wenn sie oft schon seit über zehn Jahren in Italien leben und arbeiten. Sie sind es auch, auf denen die schwerste Last der Ernte liegt. Die Bauern Italiens brauchen sie, ohne ihren kräftigen Arme gibt es keine Tomaten auf dem Tisch der famiglia italiana, keine Tomatensauce, keine Pizza Margherita.

Landarbeiter sind unverzichtbar - und bleiben auch ohne Aufenthaltserlaubnis

Weil man sie braucht, kommt die Polizei auch nie hierher, in die Bidonville von Foggia, und schiebt die "Illegalen" ab. Eine solche Polizeiaktion wäre einfach zu organisieren, aber Bauern und Großhandel wissen, dass die Landarbeiter absolut unverzichtbar sind, also bleiben sie, auch ohne Aufenthaltserlaubnis.

Seit einigen Jahren organisieren sich die Landarbeiter in einer Gewerkschaft. Aboubakar Soumahorò ist ihr Sprecher. Er kam vor zehn Jahren aus Mali nach Italien, als 25-Jähriger, ist heute "legal" und hat uns mitgenommen in eines der größten Wellblech-Hütten-Dörfer, wo die Landarbeiter wohnen. Die Örtlichkeit heißt "Torretta Antonacci", liegt rund 25 Kilometer nordwestlich von Foggia. Hier leben rund 1.500 Menschen.

Durch Tricks müssen Arbeiter nicht angemeldet werden

Eva ist eine von den Menschen, die hier schon seit zwölf Jahren wohnen. "Wir haben kein fließendes Wasser, keinen Strom, wir nutzen Autobatterien, aber bei mir ist alles sauber, ich bin eine saubere Person", sagt sie stolz, und zeigt uns ihre paar Quadratmeter unter dem Papp-Dach, in dem sie sogar eine Eimer-Dusche eingebaut hat. Wie Eva, so hofft auch Alfa Bary (42) aus der Elfenbeinküste darauf, irgendwann einmal eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Alfas Wohnung ist schon eine Klasse besser als die von Eva. Seine drei Quadratmeter haben immerhin ein Wellblechdach. Also wenn es mehr als einen Tag stürmt, regnet es nicht herein.

Und Alfa erzählt uns den Trick, wie viele Bauern es vermeiden, die Landarbeiter regulär beim Arbeitsamt anmelden zu müssen: "Wir arbeiten einen Monat bei einem Bauern, der müsste uns dann für die 24 Arbeitstage regulär anmelden und Sozialbeiträge abführen. Das tut er aber nicht, sondern meldet uns nur zwei Tage an." Das reicht nicht für den Nachweis eines ausreichenden Arbeitseinkommens, das aber die Voraussetzung für einen reguläre Aufenthaltsgenehmigung ist. So sind diese Landarbeiter auf Dauer "versklavt". Nach den ersten Protesten hat die Region Apulien 60 Container aufgestellt, für 120 Landarbeiter. Immerhin ein Anfang, aber legalisiert worden sind sie immer noch nicht.

Die Erntehelfer müssen in Baracken leben
Die Erntehelfer müssen in winzigen Baracken unter Papp- oder Wellblechdächern leben.
© Udo Gümpel

Drei bis vier Euro für 300 Kilo Tomaten

"Was bekommt denn ein Landarbeiter für die Arbeit auf dem Feld?", frage ich Aboubakar. "Die meisten werden im Akkord bezahlt. Für eine Kiste Tomaten bekommen sie drei bis vier Euro. Eine Kiste wiegt 300 Kilo." Am Tag schafft ein "bracciante" 10 Kisten, also 3 Tonnen Tomaten einzusammeln. Dafür geht er dann mit 30 Euro nach Hause in die Wellblechhütte. Ohne Sozialbeiträge. Auf den Kilopreis umgerechnet, bekommt der Landarbeiter also einen Cent pro Kilo Tomaten.

Ein Bauer bei Nardò im Süden Apuliens, der seine Arbeiter "nach Tarif" bezahlt, muss sechs Euro pro Stunde ausgeben, bei neun Stunden Arbeit immerhin 51 Euro am Tag. Das sind dann fast zwei Cent pro Kilo Tomaten. Bauer Mario Durante: "Als Bauer bekomme ich für die 300-Kilo-Kiste etwa 30 bis 35 Euro." Vom Endpreis im Laden bekommt der Bauern also elf Cent, der Landarbeiter davon ein oder zwei Cent. Kein Wunder, dass es Bauern gibt, die ihren mickrigen Erlös dadurch aufbessern, dass sie die Landarbeiter so mies bezahlen und keine Sozialbeiträge abführen.

Verbraucher müssen über diese Bedingungen informiert werden

Landarbeitersprecher Aboubakar Soumahorò: "Das Essen, das wir hier pflücken, ist gesund. Ethisch gesund wäre es aber auch, wenn wir, die es pflücken, auch anständig bezahlt werden würden. Ich denke, dass die meisten Verbraucher, die sich über das schöne Gemüse und die Früchte freuen, gar nicht wissen, wie armselig wir hier leben müssen und wie mies für bezahlt werden." Aboubakar und mit ihm die Landarbeiter hoffen nun, dass es die Kunden der Supermärkte sind, die ihnen, den Arbeitern auf den Feldern, helfen, einen gerechten Lohn zu bekommen.

Wir verlassen das Wellblechhütten-Dorf und versprechen den Menschen dort, dass wir alles tun werden, um die Verbraucher bei uns zuhause zu informieren. Vom Kilo Tomaten, das in Italien 1,50 Euro kostet, landen beim Bauern elf Cent und beim Arbeiter ein oder maximal zwei Cent. Krümel. Das ist ein europäischer Skandal.