Wut, Probleme und Fragezeichen

FC Bayern fremdelt mit neuer Saison

30. Juli 2021 - 6:51 Uhr

Eine bittere Einsicht

Von Tobias Nordmann

Drei Testspiele hat der FC Bayern bislang bestritten. Die Bilanz ist ernüchternd: Zwei Niederlagen, ein Remis. Allerdings konnte der neue Trainer Julian Nagelsmann bislang noch nicht seine beste Formation aufbieten. Eine Erklärung, klar. Aber auch eine bittere Einsicht.

Nagelsmann als Bayern-Trainer noch sieglos

Panik ist nicht angebracht. Zwar kommt es nicht allzu oft, dass der FC Bayern drei Spiele in Serie nicht gewinnt. Aber noch lässt sich ganz unaufgeregt erklären, warum Julian Nagelsmann als neuer Trainer der Münchner weiter sieglos ist. Noch verbitten sich alle Vergleiche zu Sören Lerby. Der war ebenfalls erst 33 Jahre jung, als er den Rekordmeister übernommen hatte, flog aber bereits nach fünf Monaten wieder raus. Nagelsmann wird das nicht passieren. Fünf Jahre soll er (mindestens) bleiben, so ist es im aktuellen Arbeitspapier verankert. Es sollen fünf Jahre werden, in denen der neue Mann einiges erreichen muss. Nationale Titel, das ist klar. Internationale Erfolge, davon sollte es auch gerne ein paar geben. Natürlich, so der Auftrag, soll er auch Talente groß machen.

Die Sehnsucht nach neuen Thomas Müllers und David Alabas ist groß. Wenn auch die Liebe zum nach Madrid abgewanderten Österreicher ein wenig erkaltet ist. Zu krachend waren ja die Gespräche über einen neuen Vertrag gescheitert. Das ist nicht das Thema für Nagelsmann, obwohl er die Folgen des Verlusts zu spüren bekommt. Denn ohne Alaba und ohne Jérôme Boateng, den außer Ex-Coach Hansi Flick niemand mehr halten wollte, muss sich der neue Hoffnungsträger an der Seite ein paar kluge Dinge einfallen lassen, um die Abwehr und die Hierarchie im Team neu zu organisieren. Die Zeit dafür ist knapp. Die Bedingungen schlecht. Denn viele Spieler, die wichtig für den Klub sind, trudeln gerade erst am Trainingszentrum ein. Schuld ist die EM. Und der Sonderurlaub danach.

So erklärt sich, warum der FC Bayern in der Vorbereitung noch nicht gewonnen hat. Es ist keine sonderlich aggressive Behauptung zu sagen, dass die Ergebnisse gegen den 1. FC Köln (2:3), gegen Ajax Amsterdam (2:2) und am Mittwochabend gegen Gladbach (0:2, oben im Video) wahrscheinlich anders ausgesehen hätten, wäre sämtliches Spitzenpersonal im Dienst gewesen. Panik ist nicht angebracht. In der Vorbereitung müssen die Resultate nicht immer stimmen, auch wenn sie gut fürs Selbstbewusstsein sind. In der Vorbereitung darf und muss sich ein Trainer ausprobieren. Auch personell natürlich. Für Nagelsmann läuft das aber bitter. Seine Ideen mit variablem System und einem stabileren Gegenpressing testet er mit vielen Fußballern, die unter Wettkampfbedingungen wohl eher nicht oder nur selten spielen. Die Reserve ist in der vergangenen Saison abgestiegen und spielt nun in der Regionalliga. Ein weiter Weg für die Talente in die Profimannschaft. Mit Armindo Sieb, Torben Rhein und Christopher Scott haben immerhin drei Mittelfeld mal angedeutet, dass sie für diesen Weg taugen.

Video: So lief Nagelsmanns Heimpremiere

Und die Talente müssen in der Not liefern. Die charmantere Lesart wäre: Im Kader von Julian Nagelsmann sind noch ein paar Plätze frei. Es sind durchaus prominente Plätze. Plätze, die für das jeweilige Aufgebot an Spieltagen taugen. Auch weil der FC Bayern zum Start in diese Saison von Verletzungsproblemen geplagt ist. Alphonso Davies, der Linksverteidiger, fällt aus. Für ihn wird Neuzugang Omar Richards ran müssen. Er kommt aus der zweiten englischen Liga. Durchaus ein Wagnis. Ebenso fällt Lucas Hernández aus, der mutmaßlich neue Abwehrchef. Ein Einspielen mit Dayot Upamecano, der wie Nagelsmann von RB Leipzig kam, ist nicht möglich. Als Alternative bleibt Niklas Süle, der beim FC Bayern einen schweren Stand hat, der bislang die Erwartungen nie nachhaltig erfüllen konnte, auch wegen Verletzungen.

Bitter ist auch der längere Ausfall des Spaniers Marc Roca, der eigentlich im Mittelfeld eine wichtige Alternative hinter Joshua Kimmich und Leon Goretzka werden sollte. Goretzka, auch so ein Problem. Dessen Vertrag läuft im Sommer aus. Er will für einen Verbleib mehr Geld. Viel mehr Geld offenbar. So viel mehr Geld, wie der FC Bayern nicht zahlen möchte. Auch Flügelstürmer Kingsley Coman spielt dieses Spiel. Das Szenario ablösefreier Abgang - an der Säbener Straße früher absolut undenkbar - ist aus Münchner Sicht leider realistisch. Der Fall Alaba hat das gezeigt. Hätte auch niemand gedacht, dass der Junge einfach wegmacht, weil man sich nicht einig wurde. Es ist eine Falle, die sich die Münchner mit ihren angeblichen Monsterverträgen für Leroy Sané und Lucas Hernández selbst gestellt haben.

Was niemand braucht: einen weiteren Corona-Fall. Erwischt hat es aber Weltmeister Corentin Tolisso. Wie lange der Franzose, der in den Medien immer wieder als Abgang gehandelt wird, ausfällt, das ist unklar. Unklar, ja, das ist vieles in München. Eigentlich sollte sich im Kader ja nicht mehr viel tun. Zumindest nicht auf der Seite der Zugänge. Das hatte Sportvorstand Hasan Salihamidžić gesagt. Ob es wirklich bei dieser Ansage bleibt? Womöglich nicht. Laut "Kicker" könnte der Widerstand gegen Neuzugänge aufgegeben werden, wenn sich ein Kandidat findet, der sofort weiterhelfen könnte. Bedarf gibt es mindestens auf zwei Positionen. Im zentralen Mittelfeld. Und auf der Position des Außenverteidigers. An entsprechenden (natürlich nicht bestätigten) Gerüchten mangelt es nicht. Die wildeste Ausprägung: Die Münchner sollen beim FC Barcelona angefragt haben, ob die nicht einen ihrer drei Rechtsverteidiger abgeben möchten.

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Ein Unauffälliger drängt ein wenig

Womöglich lindert sich die Not auf der Position aber aus dem eigenen Bestand. Denn der bislang wirklich völlig unauffällige Bouna Sarr, der im vergangenen Sommer Teil des Salihamidžić'schen Blitz-Kaufrauschs war, deutet in diesen Tagen erstmals an, dass er eventuell doch eine gute Option sein kann. Zumal immer noch nicht geklärt ist, in welcher Verfassung Benjamin Pavard zur Mannschaft zurückkehrt. In der vergangenen Saison war der Franzose nicht immer der Mann, der das Maximum an Stabilität und offensiver Wucht garantierte. Über Sarr als Abgang wird aktuell nicht mehr groß diskutiert. Einhergehend mit deutlich weniger Gerüchten über potenzielle Interessenten.

Diskutiert wird dagegen über zwei andere Youngster, die in München überhaupt nicht auf die Beine kommen. Da ist zum einen der eigentlich höchst veranlagte Mittelfeldspieler Michael Cuisance, dessen Selbstbewusstsein selten zu seiner Leistung passt. Und da ist zum anderen Joshua Zirkzee. Der hatte sich in der vorvergangenen Saison einen Namen als Erstkontakterlöser des FC Bayern gemacht. Doch die Hoffnung, dass er der starke zweite Mann hinter Robert Lewandowski werden kann, schwand so schnell, wie Zirkzee in der Bundesliga aufgeschlagen war. Auch die Leihe nach Parma zuletzt hat seine Entwicklung nicht begünstigt.

Video: Zirkzee lässt 1000-Prozentige liegen

In der Vorbereitung sorgte er nun noch mit einem Blackout - der ihm von manchen Fans auch als Arroganz-Anfall ausgelegt wurde - im Spiel gegen Amsterdam für Ärger. Statt den Ball einfach über die Linie zu drücken, verzögerte er den Abschluss. Von hinten kam Ajax-Verteidiger Perr Schuurs herangerauscht und grätschte ihm den Ball weg. Zirkzee kassierte dafür reichlich verbale Prügel. Der junge Niederländer löschte sogar alle Bilder seines Instagram-Kontos. Salihamidžić fand klare Worte für die eskalierenden Reaktionen: "Das hat mit Fußball nichts zu tun. Da wurde eine Grenze überschritten." Das gilt übrigens auch für den Umgang einiger weniger Fans mit Nagelsmann. Denn auch der neue Trainer wurde beim Testspiel gegen Amsterdam böse attackiert. Es waren dämliche "Nagelsmann, du Sau, zurück zum TSV"-Rufe im Stadion zu hören. Der Coach war einst beim großen Stadtrivalen 1860 groß geworden – aber immer Bayern-Fan gewesen. Der 33-Jährige moderierte die Schmähungen souverän weg. Den Eindruck, dass der FC Bayern bislang eher in die neue Saison irrt als vor Kraft und Vertrauen strotzt, den konnte er allerdings nicht wegwischen. Panik ist aber (noch) nicht angebracht.

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