Tausende Menschen demonstrieren deutschlandweit für Klimaschutz

Greta Thunberg: Deutschland ist "einer der größten Klima-Bösewichte"

26. September 2021 - 10:28 Uhr

"Fridays for Future"-Gründerin greift Politik an

von Marc Chmiel

Kurz vor der Bundestagswahl gehen heute deutschlandweit Menschen für mehr Klimaschutz auf die Straße. Die Klima-Bewegung Fridays vor Future hat weltweit zu Streiks aufgerufen, allein in Deutschland wurden 472 Kundgebungen angemeldet. Die Größte startete am Mittag in Berlin. Hier spricht am Nachmittag auch "Fridays for Future"-Gründerin Greta Thunberg. Die Forderungen der Demonstrierenden erklärt Klimaaktivisten Luisa Neubauer im RTL-Interview im Video.

Erster Klimastreik seit März

Um Greta Thunberg ist es in den vergangenen Monaten ruhiger geworden. Das heißt aber nicht, dass die Klimaproblematik weniger wichtig geworden wäre, im Gegenteil. Doch Massendemonstrationen während einer infektiösen Pandemie sind einfach schwer durchführbar. Kurz vor der Wahl in Deutschland hat "Fridays for Future" aber zu einem globalen Klimastreik aufgerufen. In Berlin tritt dabei auch Greta Thunberg wieder ins Rampenlicht. Unter dem Jubel von rund 20.000 Demonstranten vor dem Berliner Reichstag greift sie die Politik an: "Es ist klarer denn je, dass keine politische Partei auch nur ansatzweise genug tut. Aber es ist sogar noch schlimmer. Nicht mal ihre geplanten Anstrengungen sind überhaupt nah dran, genug zu sein, um die das Pariser Abkommen einzuhalten."

Darin hatten sich fast 190 Staaten dazu verpflichtet, Maßnahmen zu treffen, um die Erderwärmung unter 2 Grad zu halten, wenn möglich sogar unter 1,5 Grad. Aktuell sei aber die CO2-Konzentration so hoch, "wie seit 3 Millionen Jahren nicht mehr", so Thunberg. Deutschland habe daran einen großen Anteil. Es sei das Land, dass in der Geschichte am viertmeisten CO2 ausgestoßen habe, bei einer Bevölkerung von 80 Millionen Menschen. "Deutschland ist objektiv gesehen einer der größten Klima-Bösewichte", so Thunberg.

Deshalb richtet sie kurz vor der Bundestagswahl einen Appell an die Zuhörer: "Wählen ist wichtig, aber es reicht nicht. Wenn wir auch in Zukunft ein Bestehen auf der Erde sichern wollen, dann müssen wir aktive demokratische Bürger sein und raus auf die Straße gehen, so wie wir es heute tun."

Baerbock mit Spontanbesuch in Köln

Anschließend griff auch Klimaaktivisten Luisa Neubauer die deutsche Politik an. SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz warf sie vor: "Einen Sommer lang musste sich Olaf Scholz anhören, dass sein durchgeknallter Plan Kohle bis 2038 laufen zu lassen, zum Scheitern verurteilt ist." Zu CDU-Kandidat Laschet sagte sie: "Wir haben die Parteien dazu gezwungen, einen Sommer lang über Klimapolitik zu reden, obwohl ihre Programme dafür nicht ausreichen und das wissen sie auch selbst. Kein Wunder, dass Sie dann lügen müssen, Herr Laschet."

Zuvor waren Greta Thunberg und Luisa Neubauer gefolgt tausenden Demonstranten durch das Regierungsviertel gezogen. Dem "Fridays for Future"-Protest hatten sich auch viele Schulklassen angeschlossen, trotz Kritik des Lehrerverbandes.

Nicht nur in Berlin, auch in Frankfurt, Hamburg und vielen weiteren Städten gingen Schüler auf die Straße. In Köln mischte sich sogar Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock unter die Demonstrierenden. Sie wurde sehr wohlwollend empfangen, einige fragten nach Autogrammen, andere nach Selfies. Dabei richtet sich der Protest hier gegen die Politik aller Parteien, auch der Grünen. Denn dass der Protest kurz vor der Bundestagswahl stattfindet, ist kein Zufall. Aktivistin Anna Kopal erklärt in Köln: "Die Forderungen sind einfach, dass noch mal drüber nachgedacht wird über die Wahl am Sonntag, dass Klimagerechtigkeit umgesetzt wird. Wir brauchen einfach ein Wahlprogramm, damit die 1,5 Grad eingehalten werden."

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FFF-Sprecher hält Hungerstreik für vertretbar

Unterstützt wurden sie von Künstlern wie Clueso oder Jan Delay. Der Rapper sagte in Hamburg über die Bewegung: "Seit es losgegangen ist mit Fridays for Future habe ich auf jeden Fall Licht an meinem Horizont und habe Hoffnung geschöpft. Ich war vorher immer verzweifelt und hab gedacht F***, das wird so schlimm. Man sieht einfach, was die Wissenschaftler sagen, man sieht, was passiert auf der Welt und denkt 'Ach du Kacke, das wird ganz grauenhaft.'"

In Berlin findet aktuell nur wenige Meter vom Klimastreik ein umstrittener Hungerstreik statt. Schon seit drei Wochen verweigert der Aktivist Henning Jeschke die Nahrungsaufnahme, ab Samstag will er auch nichts mehr trinken. Diese radikale und lebensgefährliche Form des Protests verteidigt "Fridays for Future"-Sprecherin Carla Reemtsma im Frühstart von RTL/ntv im Grundsatz: "Ich finde es vor allem erstmal erschütternd, dass junge Menschen in Anbetracht des politischen Versagens, das wir im Bereich der Klimakrise erleben, das Gefühl haben, zu diesem Mittel greifen zu müssen."

Die Bewegung selbst setzt auf die demokratische Form des Protests: Streiken, Demonstrieren, Versammeln. Auch 400 Beamte sind in Berlin vor Ort. Anders als beispielsweise bei den Querdenker-Demos, erwartet die Polizei keine Ausschreitungen oder Probleme mit der Einhaltung von Infektionsschutzregeln. (mit dpa)