Wenn plötzlich alle Haare ausfallen

Veronique (34) hat Alopecia: "Ich wollte nicht, dass andere Leute die Löcher auf meinem Kopf sehen"

Veronique Kieffer hat Alopecia.
Wie fühlt es sich an, wenn man plötzlich seine Haare verliert?
privat / Veronique Kieffer

von Vera Dünnwald

Ihr Leben lang hat Veronique Kieffer (34) lange blonde Haare. Bis sie 2021 merkt, dass sich im Nacken kahle Stellen bilden. „Ein Jahr vorher, bevor mein Sohn geboren wurde, hatte ich schon mal festgestellt, dass an ein paar Stellen Haare fehlen. Aber ich dachte mir: ‘Wird schon nicht so schlimm sein, vielleicht steckt ein bisschen Stress dahinter’.“ Das sagt ihr auch der Hautarzt. Doch es kommt alles anders.

Heute hat die gebürtige Luxemburgerin eine Glatze. Auch wenn sie sich mittlerweile wohl damit fühlt, sich „oben ohne“ an die Öffentlichkeit getraut zu haben: Ganz mit ihrem neuen Aussehen arrangiert habe sie sich noch nicht, wie sie im RTL-Interview erklärt. Warum sie sich trotzdem nicht unterkriegen lassen will.

"Die Haare offen zu tragen, ging nicht mehr": Veronique Kieffer leidet unter dem plötzlichen Haarausfall

Hinter Veronique Kieffer liegen zwei Jahre voller Auf und Abs: Ihr Sohn, ihr „Ein und Alles“ wird 2020 geboren, beruflich und privat läuft alles gut. So bekommt sie im Juni 2022 einen Heiratsantrag, die Zukunft könnte rosiger nicht aussehen. Bis sich plötzlich ihr Aussehen verändert. Die 34-Jährige bemerkt, dass ihr Haare ausfallen: „Am Anfang ging es noch ziemlich langsam, später sind es dann richtige Büschel geworden“, erzählt sie.

Mental geht es ihr zu der Zeit miserabel, jeden Tag macht sie sich Gedanken: Was ist nur mit mir los, was steckt hinter dem plötzlichen Haarausfall? „Ich war erschöpft und müde, die Zusammenhänge waren mir einfach nicht klar.“ Weil die Coronavirus-Pandemie zu der Zeit ihren Höhepunkt hat und auch Kieffers Schwangerschaft und Geburt noch nicht allzu lange zurückliegt, vermutet sie diese beiden Faktoren als Ursache.

Doch es wird schlimmer: Sie kaschiert ihre kahlen Stellen mit Puder, trägt nur noch einen Zopf oder Mützen. „Die Haare offen zu tragen, ging nicht mehr. Irgendwann bin ich in den Perückenladen gegangen, weil es mich doch sehr belastet hat. Ich habe mich jeden Tag damit beschäftigt, alles hinterfragt und so viel Zeit investiert, den Haarausfall zu verstecken. Ich wollte unter keinen Umständen, dass andere Leute die Löcher auf meinem Kopf sehen.“

Außerdem geht sie zum Arzt und lässt sich durchchecken. Die Werte sehen gut aus, alles scheint wie immer: „Man versucht damit klarzukommen, weil man ja scheinbar nichts hat. Aber ich wusste, dass irgendwas nicht stimmt.“ Obwohl sie mit ihrer Perücke soweit zufrieden ist, muss Kieffer sich schon bald auch von dieser Alternative verabschieden: „Das hat zwar super geklappt und es hat so gutgetan, aber weil mir immer mehr Haare ausgefallen sind, wurde mir die Perücke irgendwann zu groß.“

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Veronique fasst den Entschluss: So eingeschränkt will sie nicht mehr leben!

Jetzt ist für Kieffer, die lange in Köln gewohnt hat und mittlerweile in Krefeld lebt, Schluss: „Ich habe mir gesagt: ‘Ich will nicht mehr und ich kann nicht mehr.’ Es hat mir so viel Kraft geraubt. Aber man muss sich halt erst einmal damit arrangieren, wenn man plötzlich kaum noch Haare auf dem Kopf hat und quasi von heute auf morgen sein Selbstbewusstsein verliert. Natürlich hätte man gerne seine Haare zurück.“

Am 1. Januar 2023, pünktlich zum neuen Jahr, wagt sie den Schritt in die Öffentlichkeit und postet, gemeinsam mit ihrem Verlobten, ein Bild von sich auf ihrem Instagram-Kanal. Zum ersten Mal sehen Freunde, Bekannte und Follower keine lange blonde Mähne mehr – sondern Veronique mit Glatze. Auch wenn der Moment alles andere als leicht ist: „Mir ging es vorher so schlecht, aber es hat sich einfach richtig angefühlt. Es war eine große Erleichterung! Ich hab gar nicht damit gerechnet, so einen krassen Zuspruch zu bekommen. Die positiven Nachrichten haben mir so viel Kraft gegeben und es ging mir super.“ Denn: Selbst in ihrem engeren Umfeld sind bis dato nicht alle eingeweiht: „Ich wollte das alles mit mir selbst ausmachen. Ob das wirklich richtig war, weiß ich nicht. Aber ich konnte einfach nicht anders.“

Zum ersten Mal seit Langem fühlt sich die 34-Jährige wieder einigermaßen wohl in ihrem Körper. „Auch, weil ich mich nicht mehr rechtfertigen muss, was denn mit mir los sei, wenn anderen meine kahlen Stellen aufgefallen sind. Jetzt ist es raus und es ist mir egal, was andere denken. Ich will für mich, dass ich kein Geheimnis mehr drauf machen muss und mich einfach wohlfühlen.“

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Mittlerweile fallen auch Veroniques Haare an Armen und Beinen aus

Veronique Kieffer mit ihrem Sohn und Verlobten.
Ihr Verlobter und ihr 2020 geborener Sohn haben Veronique viel Kraft gegeben.
privat / Veronique Kieffer

Doch wie lautet denn nun Veroniques Diagnose? „Ein Arzt hatte die Vermutung, dass ich meine Haare für Aufmerksamkeit rausreiße. Doch ich habe verschiedene Ärzte aufgesucht und alles Mögliche ausprobiert, wie Cortison-Cremes und Spritzen, habe Massagebürsten genutzt und eine Eigenbluttherapie gemacht, um das Haarwachstum wieder anzuregen – aber es hat nichts gebracht. Die Diagnose Alopecia stand schnell im Raum, da die kreisrunden Stellen eigentlich eindeutig waren. Nur wusste niemand, wie weit die Krankheit fortschreiten würde, noch woher sie kommt.“

Fest steht: Kieffer hat Alopecia totalis, eine Krankheit, bei der alle Haare ausfallen. Mittlerweile, so erzählt sie, sei es jedoch in die noch krassere Form Alopecia universal übergegangen: „Da fällt auch die Körperbehaarung aus, man verliert Haare an Armen und Beinen. Ich bemerke auch, dass die Haare an den Wimpern und Augenbrauen weniger werden. Ich gehe davon aus, dass ich sie auch dort bald verlieren werde, was noch einmal schlimm für mich werden wird.“

Mut gemacht habe ihr neben ihrer Familie auch „Bachelorette“ Sharon Battiste, die offen mit ihrer Alopecia areata umgeht. „Mittlerweile weiß ich, dass meine Krankheit nicht mein Leben bestimmen sollte, auch wenn es schwer ist. Natürlich haben andere Menschen schlimmere Probleme, aber wenn man sich selbst in einer solchen oder ähnlichen Situation befindet, dann ist es eben auch schlimm für einen“, so Kieffer. Sie glaubt, dass viele sich für ihren Haarausfall schämen und es mit sich selbst ausmachen. „Aber ich glaube, das Schlimmste ist, nicht offen zu sein und die Leute nicht mehr an sich heranzulassen. Man darf die Hoffnung nicht verlieren, Haare sind nicht alles. Es gibt viel mehr, das einen auszeichnet. Und das möchte ich anderen Betroffenen mit auf den Weg geben.“

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Das hat es mit der Krankheit Alopecia auf sich

Von krankhaftem Haarausfall spricht man, wenn der tägliche Haarverlust über einen längeren Zeitraum hinweg 120 Haare überschreitet. Besonders auffallend ist dieser abnormale Dauerzustand, wenn es sich nicht um diffusen, sondern um partiellen Haarverlust an bestimmten Kopfpartien handelt. Die Konsequenz von Haarausfall besteht auf längere Sicht in einer sichtbaren Lichtung des Haars bis zu kahlen Stellen oder gar vollständigem Haarverlust.

Bei einer Sonderform des kreisrunden Haarausfalls (Alopecia areata atrophican), ist der Haarverlust an den betroffenen Stellen irreversibel. Laut „Orpha.net“, einer Datenbank, die Ressourcen zu seltenen Krankheiten bereitstellt, ist Alopecia totalis eine Form der Alopecia areata. Hier seien die Haarfollikel krankhaft entzündet, die Form sei gekennzeichnet „durch Haarverlust an der Kopfhaut, bis zu vollständiger Haarlosigkeit.“

Die schwerste Form der Alopecia areate ist die Alopecia universalis: „Kennzeichnend ist ein vollständiger Verlust der Kopfhaare und aller haartragenden Bereiche des Körpers.“

Wieso die Krankheit entsteht und ausbricht, ist bisher nicht bekannt. Mediziner gehen jedoch davon aus, dass sie auf eine Fehlfunktion des Immunsystems zurückgeht.