Öffentlichkeits-Offensive beider Staatschefs

300 Tage Krieg: Putin und Selenskyj auf PR-Tour

ARCHIV - 08.07.2022, Ukraine, Dnipro: Das vom Pressebüro des ukrainischen Präsidenten zur Verfügung gestellte Foto zeigt, Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, der bei einem Besuch in der vom Krieg betroffenen Oblast Dnipropetrowsk zu Militärve
Wolodymyr Selenskyj reist am Mittwoch nach Washington D.C.
XB aju alf, dpa, -

von Arne Draheim

Wolodymyr Selenskyj reist in die USA, Putin spricht vor dem Verteidigungsministerium um Bilanz zur russischen „Spezialoperation“ zu ziehen. Beide Staatsoberhäupter verfolgen damit sehr öffentlichkeitswirksame Auftritte. Was ist die Strategie dahinter?

Baldiges Kriegsende wohl vorerst nicht in Sicht

Schon länger wird über ein baldiges Kriegsende im Ukraine-Krieg spekuliert. Das ist aktuell zwar noch nicht abzusehen, dennoch zeigen die derzeitigen Auftritte beider Staatschefs einen hohen Symbolwert für die jeweils andere Seite. Zwischen Propaganda und PR, Notwendigkeit und Provokation – der Zeitpunkt für eine diplomatische Lösung zwischen beiden Parteien scheint spätestens jetzt vom Tisch.

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Russland kritisiert die Selenskyj-Reise nach Washington D.C. scharf. Laut Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sind aufgrund des Besuches jedwede Verhandlungen ausgeschlossen. Die Ukraine bemüht sich um weitere Unterstützung bei ihren Partnern – mit symbolischen Charakter.

Welche Botschaft steckt hinter dem Selenskyj-Besuch?

Der USA-Besuch des ukrainischen Präsidenten ist aus vielen Perspektiven höchst spannend. Primär wirbt Selenskyj um weitere Waffenlieferung der Vereinigten Staaten. Ziel sei demnach eine Stärkung der Stabilität und Verteidigungsfähigkeit seines Landes, wie er am Mittwochmorgen via Twitter mitteilte. Am selben Abend findet ein Treffen mit US-Präsidenten Joe Biden statt, ehe eine gemeinsame Pressekonferenz und ein Auftritt vor dem US-Kongress geplant sind.

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„Immerhin kann es sich der ukrainische Präsident jetzt erlauben, das Land zu verlassen. Das hat er in den ganzen Monaten bisher nicht gemacht“, erklärte Professor Thomas Jäger von der Uni Köln gegenüber ntv. Besonders der Auftritt von Selenskyj vor dem US-Kongress ist von hoher Symbolkraft begleitet, wie Jäger bestätigt: „In Russland hatte man gehofft, dass die Übernahme des Repräsentantenhauses durch die Republikaner die Unterstützung für die Ukraine einschränkt.“ Der Politikwissenschaftler geht davon aus, dass beide US-Parteien die Ukraine unterstützen werden.

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Selenskyjs USA-Reise stiehlt Putin die Show

Nun ließe sich der US-Besuch so deuten, als hätte die Ukraine die russischen Angriffsbemühungen im Griff. Allerdings erwiesen sich die Luftangriffe in den vergangenen Wochen als schwer kalkulierbar. Abgeschlossen dürften sie wohl auch noch lange nicht sein. Umso überraschender ist der Zeitpunkt der Reise. Während Putin in Moskau spricht, reist Selenskyj in die Vereinigten Staaten. Politikwissenschaftler Thomas Jäger spricht deshalb von einem „PR-Coup“.

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Die USA-Reise des ukrainischen Präsidenten wurde öffentlichkeitswirksam terminiert. Während Putin im Verteidigungsministerium in Moskau über das weitere Vorgehen der „Spezialoperation“ spricht, nimmt ihm Wolodymyr Selenskyj einen Großteil der Aufmerksamkeit.

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Putin verlässt die vermeintliche Isolation nun doch

Erst in der vergangenen Woche brach Russlands Staatschef mit einer langen Tradition. Insgesamt 17 Mal in Folge hielt Wladimir Putin seine Jahrespressekonferenz ab – ein 18. Mal wird es in diesem Jahr nicht geben. „Was die große Pressekonferenz angeht, nein, die wird es bis Neujahr nicht geben“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow in der vergangenen Woche der Agentur Interfax. Einen Grund für die Absage nannte er aber nicht. Das sorgte für Spekulationen unter den britischen Boulevardmedien Mirror und Metro.

Lese-Tipp: Versteckt sich "Hypochonder" Putin jetzt im Bunker?

Von einer Flucht vor der im Kreml grassierenden Grippewelle war die Rede. „Hypochonder“ Putin solle sich laut der britischen Metro wegen der Ausbreitung der Grippe von Menschen fernhalten. Die Jahrespressekonferenz stünde dem entgegen. Stattdessen soll sich der Despot über die Weihnachtsfeiertage und das Silvesterfest in völliger Isolation befinden. Hierfür sollte sich der 70-Jährige zusammen mit seiner Lebensgefährtin Alina Kabajewa in einem Bunker im Osten des russischen Ural-Gebirges verschanzen. Das berichteten Mirror und Metro übereinstimmend.

Der Grund der Absage könnte ein anderer sein

Offenbar hat Putin seine Isolation nun verlassen oder er war gar nicht erst in einem Bunker. Eine Bestätigung dieser Theorie gab es schließlich seitens des Kremls nicht. Offiziell bestätigt wurde nur, dass die Grippewelle lediglich den Kreml erreicht hat. RTL-Russland-Korrespondent Rainer Munz ist deshalb davon überzeugt, dass Putin mit seiner Absage die Fragen der internationalen Journalisten in diesem Jahr vermeiden will.

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Insbesondere in Hinblick auf die wiederholten Niederlagen der russischen Armee im Krieg gegen die Ukraine wächst der Druck auf ihn. „Wie es dort weiter geht, warum dieser Krieg überhaupt noch nötig ist? Warum ist die russische Armee nicht erfolgreich? Darauf gibt es Antworten, die Wladimir Putin einfach nicht geben will“, erklärt Munz. Allerdings verkündet der 70-Jährige nun öffentlich seine Kriegsbilanz. Ob Nachfragen erlaubt sind, bleibt offen.

"Putins Verhalten ist wirklich erstaunlich" RTL-Reporter Rainer Munz
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RTL-Reporter Rainer Munz
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Was wird das Ziel von Putins Zwischenbilanz sein?

Um die Mittagszeit leitete Putin zunächst die Sitzung des Verteidigungsministeriums bei der per Videoschalte knapp 15.000 Kommandeure und andere militärische Führungskräfte zugeschaltet waren. Währenddessen tobt der Krieg weiterhin parallel in den umkämpften Gebieten der Ukraine. Daran wird sich wohl auch von russischer Seite nichts ändern. Im Gegenteil. Putin kündigte an, seine Ziele in der Ukraine zu erreichen. Zugleich schwor er Bevölkerung und Streitkräfte auf einen anhaltenden Konflikt ein, bei dem es laut ihm keine finanziellen Grenzen gebe.

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Medienberichten zufolge soll Russland bereits erneut Truppen in Belarus stationiert haben. Das ukrainische Militär spekuliert schon länger darüber, ob es zu einer erneuten Offensive Russlands aus Belarus kommen könnte. In den ersten Wochen des Krieges rückten die russischen Truppen bereits in Vororte von Kiew vor, konnten aber von den Verteidigern zum Rückzug gezwungen werden. Ein erneutes Manöver könnte demnach ein künftiges Ziel Putins werden, um seine Ziele zu erreichen. Trotz dieser Drohungen blickt die Welt nun gespannt nach Übersee. Dort könnte der ukrainische Präsident Selenskyj erneut für mehr Aufmerksamkeit sorgen. (dpa, reuters)

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