Vier Jahre nach den ExplosionenFührende Rolle bei Nord-Stream-Sprengung? Ukrainer Serhii K. steht in Hamburg vor Gericht

Die Nord-Stream-Anschläge beschäftigen die Hamburger Justiz.
Am Hanseatischen Oberlandesgericht beginnt am Mittwoch (14. Oktober) der Strafprozess gegen den Ukrainer Serhii K. Die Bundesanwaltschaft wirft dem 50-Jährigen vor, eine zentrale Rolle bei der Sprengung der Nord-Stream-Pipelines im September 2022 gespielt zu haben. Welche Indizien liegen gegen ihn vor – und warum wird der Fall ausgerechnet in Hamburg verhandelt?
Schwere Vorwürfe und strenge Haftbedingungen
Die Bundesanwaltschaft klagt den 50 Jährigen unter anderem als Mittäter eines Kriegsverbrechens durch Angriff auf zivile Objekte und wegen des Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion an. Zum Zeitpunkt der Anschläge ist K. Offizier der ukrainischen Armee. Nach Angaben von RTL-Investigativreporter Markus Frenzel gehen die Ermittler davon aus, dass K. die Aktion kommandiert habe und selbst mit an Bord des Bootes gewesen sei.
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Im August 2025 wird K. während eines Familienurlaubs an der italienischen Adriaküste festgenommen. Gegen ihn lag ein europäischer Haftbefehl vor. Nach seiner Auslieferung nach Deutschland sitzt er seit November 2025 in Hamburg in Untersuchungshaft – nach Angaben seines Verteidigers Jes Meyer-Lohkamp 23 Stunden am Tag in Einzelhaft. Der Anwalt kritisiert: „Das sind äußerst strenge Haftbedingungen, bei denen man sich fragen kann, ob sie noch verfassungsgemäß sind.“
Meyer-Lohkamp besucht seinen Mandanten wöchentlich und beschreibt ihn als diszipliniert. K. treibe täglich Sport in seiner Zelle, lese viel und beschäftige sich mit der deutschen und englischen Sprache.
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Eine Segelyacht im Fokus der Ermittler
Die Ermittler stützen ihren Verdacht, dass Serhii K. die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines kommandiert haben soll, nach RTL-Informationen auf eine Reihe von Indizien: Im Mittelpunkt steht die Segelyacht Andromeda. Nach ihrer Darstellung soll K. gemeinsam mit weiteren Tätern im September 2022 von Rostock aus mit der Segelyacht aufgebrochen sein, um Sprengstoff zu den Pipelines zu transportieren. Tatsächlich werden an Bord der Andromeda später Sprengstoffrückstände gefunden – DNA von Serhii K. allerdings nicht.
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Ein Telefonat, Seekarten und eine Smartwatch
Nach Recherchen des RTL-Nachtjournals gehören zu den Indizien gegen K. auch Seekarten auf seinem Handy, ein abgehörtes Telefonat und Daten seiner Smartwatch. Das Telefonat soll K. nach seiner Festnahme aus dem italienischen Gefängnis mit seiner Frau geführt haben. Die Ermittler gehen davon aus, dass er darin über seine Rolle bei der Operation gesprochen habe. Sie werten das als mögliche Selbstbelastung. Seine ansonsten regelmäßig getragene Smartwatch soll ausgerechnet im mutmaßlichen Tatzeitraum ausgeschaltet gewesen sein.
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RTL-Investigativreporter Markus Frenzel bezweifelt, dass die Indizien K.s Beteiligung ausreichend belegen. Auch dessen Verteidiger Jes Meyer-Lohkamp sieht offene Fragen. Er bezeichnet die Anklageschrift zwar als „handwerklich solide gemacht“, die Beweismittel will er aber erst im Gerichtssaal bewerten. Das Gericht muss nun prüfen, ob sie für eine Verurteilung ausreichen. Für Serhii K. gilt die Unschuldsvermutung.
Nebenklage nicht zugelassen
Bislang ist ebenfalls unklar, ob staatliche Stellen an den Anschlägen beteiligt waren. Dass K. zum ukrainischen Militär gehörte, bedeutet nicht, dass er im Auftrag des Staates handelte. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bestreitet eine Beteiligung seiner Regierung. Sollte K. in staatlichem Auftrag gehandelt haben, könnte im Prozess auch die Frage nach seiner Immunität aufkommen. Damit ist ein rechtlicher Schutz vor Strafverfolgung gemeint. Ob ein solcher Schutz in seinem Fall greift, müsste das Gericht ebenfalls prüfen.
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Die russisch kontrollierten Nord-Stream-Betreibergesellschaften wollten als Nebenkläger am Prozess teilnehmen. Die Verteidigung hatte davor gewarnt, dass über sie sensible Informationen aus den Ermittlungsakten nach Russland gelangen könnten. Das Hamburger Gericht hat die Anträge auf Nebenklage abgelehnt. Der russische Gaskonzern Gazprom, der hinter den Nord-Stream-Betreibergesellschaften steht, wollte sich trotz mehrfacher Anfrage gegenüber RTL dazu nicht äußern.
Warum Hamburg zum Schauplatz des Prozesses wird
Die Nord-Stream-Pipelines erreichen in Mecklenburg-Vorpommern die Küste. Dass der Prozess trotzdem in Hamburg stattfindet, liegt an einem Staatsvertrag zwischen den beiden Bundesländern. Hamburg übernimmt bestimmte Staatsschutzverfahren für Mecklenburg-Vorpommern. Dafür gibt es am Hanseatischen Oberlandesgericht spezialisierte Senate. Sie verhandeln unter anderem Anklagen wegen Kriegsverbrechen. Nicht jedes Oberlandesgericht verfügt über solche Senate, erklärt Gerichtssprecherin Marayke Frantzen im Gespräch mit RTL.
Mehr als 100 Medienvertreter haben sich für den Auftakt des international beachteten Prozesses angemeldet, der unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen stattfinden wird.
Verwendete Quelle: eigene RTL-Recherche

































