Ein Jahr nach Fabians (†8) TodRTL-Reporter zieht Bilanz – was im Mordprozess gegen Gina H. ans Licht kam

Der Angeklagten wird vorgeworfen, am 10. Oktober 2025 heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen den zur Tatzeit achtjährigen Fabian aus Güstrow getötet zu haben (Archivbild)
Der Angeklagten wird vorgeworfen, am 10. Oktober 2025 heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen den zur Tatzeit achtjährigen Fabian aus Güstrow getötet zu haben (Archivbild)
Bernd Wüstneck/dpa

Eine trauernde Mutter will nur eins: Antworten.
Seit über fünf Monaten läuft der Prozess gegen die Angeklagte Gina H. vor dem Landgericht Rostock. Rund um den ersten Todestag des achtjährigen Fabians am Samstag (10. Oktober) ist ein Ende des Verfahrens abzusehen. Ich, RTL-Reporter Carsten Kulawik, berichte von Beginn an über den Mordfall. Für RTL.de analysiere ich die aktuellen Erkenntnisse.

Mord an Fabian (†8) jährt sich zum ersten Mal

Eine Szene hat sich neulich in mein Gedächtnis gebrannt: Vor dem Jugendclub „Alte Molkerei“ in Güstrow sehe ich ein Kinderfahrrad, das am Geländer angeschlossen ist. Vielleicht hat Fabian sein Fahrrad einmal genau hier abgestellt, bevor er stundenlang mit den anderen Kindern spielte. „Die Kinder haben einen Freund verloren“, sagt mir eine Mitarbeiterin sichtlich mitgenommen. Sie möchte namentlich nicht genannt werden. Wenn es um Interviews geht, sind sie hier vorsichtig geworden. Vielleicht auch, weil die Stadt mit 30.000 Einwohnern zur Ruhe kommen möchte. Fabians Tod beschäftigt die Menschen bis heute.

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Fabians Fußballverein stand kollektiv unter Schock. Niemand konnte verstehen, was dem arglosen Jungen zugestoßen ist. Niemand konnte sich vorstellen, wie ein Mensch zu so einer Tat fähig ist. Auch heute ist bei Mitspielern und Trainern der Tod ihres „Fabis“ präsent. Das merke ich bei meinem Besuch bei einem der abendlichen Trainings. Nach Fabians Tod wurden sie von Seelsorgern begleitet. Gina H.s Verteidigung hatte im Prozess vorgetragen, eine Jugendtrainerin habe geäußert, Fabian sei vor seinem Tod ängstlich gewesen und habe sich verändert. Die Vereinsmitglieder, mit denen ich spreche, widersprechen dieser Darstellung vehement. Sie hätten Fabian beim Training nicht als ängstlich oder verändert erlebt. Auch bestreiten sie, dass die Trainerin eine solche Aussage gemacht habe. „Fabian kam fröhlich zum Training und ist fröhlich wieder gefahren“, höre ich hier.

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RTL-Reporter Carsten Kulawik ist bei dem Prozess gegen Gina H. in Rostock dabei.
RTL-Reporter Carsten Kulawik berichtet seit dem ersten Verhandlungstag über den Prozess gegen Gina H. (Archivbild)

Fabians Mutter Dorina Lange trägt an diesem Donnerstag (8. Oktober) einen etwas dickeren Pullover. Es ist kalt geworden in Rostock. Kälte spielt an Prozesstag 32 auch inhaltlich eine große Rolle. Es geht um emotionale Kälte. Denn es wird schnell klar: Bei seinen Untersuchungen und insgesamt drei Besuchen in der JVA Bützow irritiert und wundert den langjährigen psychiatrischen Gutachter Peter Keiper die Emotionslosigkeit von Gina H. – wenn es um ihren Stiefsohn Fabian und dessen gewaltsamen Tod geht. „Zu keinem Zeitpunkt wurde eine echte Betroffenheit oder Traurigkeit erkennbar. Sie wirkte bei diesem Themenkomplex eher gleichförmig und kontrollierend“. Ein Jahr ist das Verbrechen nun her. Der achtjährige Fabian soll unter einem Vorwand aus dem Haus gelockt, mit sechs Messerstichen getötet und sein Leichnam anschließend angezündet worden sein. Das legt die Staatsanwaltschaft der 30-jährigen Angeklagten zur Last. Für sie gilt die Unschuldsvermutung.

Fall Fabian (†8) aus Güstrow – die Chronologie des Verbrechens

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Zentrale Frage: Ist Gina H. schuldfähig?

Morgens, bevor Prozesstag 32 beginnt, spreche ich mit Christine Habetha. Sie ist die Anwältin von Fabians Mutter und vertritt die Nebenklage. Die erfahrene Juristin berichtet, wie sehr das Verfahren Dorina Lange mitnehme – auch wenn sie im Gerichtssaal Stärke demonstriere. Dass der monatelange Prozess auf der Zielgeraden ist, löst etwas in Fabians Mutter aus: „Es ist ein gewisses Maß an Erschöpfung bei meiner Mandantin zu verzeichnen. Aber auch ein erhebliches Maß an Erleichterung.“ Zu den Erwartungen an das psychiatrische Gutachten: „Seit Februar 2026 liegt von diesem Gutachter ein vorläufiges, schriftliches Gutachten vor. Knapp 70 Seiten. Da geht er von einer uneingeschränkten Schuldfähigkeit aus. Und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich dies im Ergebnis der Verhandlungstage der Beweisaufnahme geändert hat. Krankheitswertigkeit hat meine Mandantin nie im Blick gehabt. Es sind niedere, ganz niedere Beweggründe, die zu diesem Verbrechen geführt haben, die fernab einer Erkrankung sind.“

Während der Gutachter spricht, hört Dorina Lange aufmerksam zu, holt tief Luft und sitzt kerzengerade auf ihrem Platz. Immer wieder schaut sie zu Gina H. herüber und wirkt konsterniert. Eine zentrale Frage dieses Prozesstages lautet: War Gina H. zur mutmaßlichen Tatzeit voll schuldfähig? Konnte sie das Unrecht einer solchen Tat erkennen und ihr Handeln entsprechend steuern? Nach Einschätzung des forensischen Psychiaters Peter Keiper: ja. Ob sie Fabian getötet hat, ist eine andere Frage, die das Gericht beantworten muss. Mit Verwunderung habe Keiper festgestellt, dass Gina H. zu seinem ersten Besuch in der Justizvollzugsanstalt am 4. Dezember 2025 eine halbtransparente Reithose und eine enge Trainingsjacke mit weitem Ausschnitt getragen habe. Darauf angesprochen antwortete sie damals: „Naja, meine Haftkleidung ist zu weit“. An anderer Stelle war im Prozess bereits erwähnt worden, dass die Angeklagte männlichen Bediensteten in Unterwäsche die Tür geöffnet habe.

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Psychopathische Tendenzen und betrügerisch-manipulatives Verhalten

Zur Einschätzung psychopathischer Persönlichkeitsmerkmale zog Keiper die „Psychopathy Checklist–Revised“, kurz PCL-R, heran. Nach seiner Bewertung erreicht Gina H. 22 von 40 möglichen Punkten. Er spricht von „psychopathischen Tendenzen“. „Ich war beeindruckt, dass sie fünf Männer um sich geschart hatte, die sich um sie gekümmert haben“, sagt der Facharzt. „Einer fürs Herz, einer fürs Bett, einer fürs Geld …“

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Eine Person aus Gina H.s Umfeld erklärt mir, die Beschuldigte habe das Talent, Leute zu manipulieren und sei gern in der Opferrolle. Sie könne Männer auch ohne Sex und Körperkontakt vereinnahmen, um das zu bekommen, was sie wolle. Gina sei „bauernschlau“, manipulativ und habe auch in der Vergangenheit häufig Leute gegeneinander ausgespielt. Auch Keiper beschreibt in seinem schriftlichen Gutachten betrügerisch-manipulatives Verhalten ohne Rücksicht auf Konsequenzen. Im Hinblick auf die Tat gibt er als Hypothese ein „Konglomerat aus Egozentrik, Eifersucht und Rache“ an. Nach Keipers Einschätzung habe Gina H. Fabian als störend empfunden, weil sie dessen Vater Matthias R. mit ihm habe teilen müssen. „Liebe heißt für Frau H. besitzen. Mit echten Gefühlen, mit der Bereitschaft Kompromisse einzugehen, mit der Bereitschaft tolerant zu sein, wie das in Beziehungen üblich ist, hat das gar nichts zu tun.“

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Altes Umfeld distanziert sich teilweise von Gina H.

Was ich außerdem erfahre: Von Gina H. hing lange Zeit ein Dokument an ihrer früheren Schule in Zehna aus. Diese präsentiert an einer bestimmten Wand Bestzeiten ihrer Schüler. Darunter soll eine Laufurkunde von Gina H. gewesen sein, wohl als schnellste Läuferin. Inzwischen hat die Schulleitung die Urkunde abgehängt und das Dokument entsorgt. Die verantwortlichen Pädagogen wollten nicht, dass andere Schüler den Aushang fotografieren oder Nachfragen stellen.

Während manche Spuren der Angeklagten schon vor einer möglichen Verurteilung ausradiert werden, hoffen die Menschen, die Fabian nahestanden, dass er auch ein Jahr nach der Tat nicht in Vergessenheit gerät. Im Gericht nähert sich das Verfahren seinem Ende: An den kommenden beiden Prozesstagen sollen die beiden Staatsanwälte, die Anwältin von Fabians Mutter und die beiden Verteidiger ihre Plädoyers halten. Danach erhält Gina H. das letzte Wort.

Verwendete Quellen: RTL-eigene Recherche