Chefarzt rechnet ab„Ihr gehört nicht zu uns!“ Chefarzt platzt nach Medfluencer-Skandal der Kragen

Ein Arzt mit einem Stethoskop um den Hals (Symbolbild)
Ein Chefarzt rechnet mit Medizin-Influencern ab (Symbolbild)
Rolf Vennenbernd/dpa
von Philipp Petersdorff

„Ein Kind stirbt kläglich auf der Intensivstation an einer Tumorerkrankung.“
Mit diesen drastischen Worten beginnt Kinderarzt und Chefarzt Prof. Dr. Kai O. Hensel ein Video auf Instagram, das derzeit viel Aufmerksamkeit bekommt. Seine Botschaft ist eindeutig: Wer mit zweifelhaften Gesundheitsinhalten Reichweite generiert, gefährdet im schlimmsten Fall Menschenleben.

Medfluencer zerstören das Vertrauen ins Gesundheitssystem

Hensel schildert, dass das Kind erst sehr spät in eine Klinik gebracht worden sei, weil die Eltern das Vertrauen in das Gesundheitssystem verloren hätten. Für ihn ist das mehr als ein tragischer Einzelfall. „Medizin ist ein Vertrauensgeschäft“, sagt der Chefarzt. Menschen würden Ärzten und Pflegekräften ihre Gesundheit oder sogar das Leben ihrer Kinder anvertrauen. Genau dieses Vertrauen werde durch Falschinformationen in sozialen Netzwerken beschädigt.

Der Fall Alina Walbrun brachte das Fass zum Überlaufen

Besonders deutlich wird Hensel, als er auf sogenannte Medfluencer zu sprechen kommt. Ohne lange um den heißen Brei zu reden, richtet er sich direkt an Influencer wie Alina Walbrun und andere aus ihrer Szene. „Ihr gehört nicht zu uns. Ihr seid niemand von uns. Ihr wollt Fame und Geschichten erzählen und Likes und Geld dafür haben. Das ist nicht, warum wir Medizin machen.“

Für Patientinnen und Patienten sei es inzwischen kaum noch möglich zu unterscheiden, welchen Informationen sie vertrauen könnten und welchen nicht. Das bedauere er ausdrücklich.

Anlass für seine Wut ist unter anderem der Fall der Medizin-Influencerin Alina Walbrun. Sie war kürzlich durch eine Aktion von YouTuber Marvin Wildhage massiv in die Kritik geraten. Wildhage hat eine komplett frei erfundene Krankheit mit dem Namen „Post Viral Nose Hypersensitivity“ (PVNH) entwickelt. Damit der Schwindel möglichst glaubwürdig wirkt, erstellte er eine professionelle Website, ein vermeintliches Pharmaunternehmen und sogar eine angebliche Expertin. Auf die Kampagne reagierte schließlich Medizin-Influencerin Walbrun. In einem Video erklärte sie die erfundene Erkrankung und ihre Symptome.

Lese-Tipp: Medizin-Influencerin gibt Tipps zu erfundener Krankheit

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Seitenhieb auf Angeberei

Auch einen weiteren Trend kritisiert der Chefarzt scharf. Manche Influencer würden ständig mit prestigeträchtigen Stationen ihrer Ausbildung werben, statt durch Inhalte zu überzeugen. „Wenn jemand die ganze Zeit erzählt: Ich war in Harvard, ich bin in Harvard, dann ist es offensichtlich wichtiger, was draufsteht als was drinsteckt.“ Dann legt Hensel selbstironisch nach. Er sei ebenfalls Chefarzt und habe auch in Cambridge gearbeitet. Trotzdem müsse er das nicht in jedem Video betonen. „Ich kann auch im zerknitterten Shirt was erzählen. Am Ende des Tages geht es ja um den Inhalt.“

Große Zustimmung aus der Ärzteschaft

Unter seinem Video sammeln sich inzwischen zahlreiche Kommentare von Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften, die Hensels Kritik unterstützen. Eine Hausärztin schreibt, sie müsse sich nach mehr als 20 Jahren Berufserfahrung inzwischen häufig dafür rechtfertigen, wenn sie Untersuchungen nicht durchführe, die Medfluencer im Internet als unverzichtbar darstellten. Ihr Fazit: „Studium und Berufserfahrung sind wichtiger als Werbeverträge. Wir retten Leben, die Werbung nicht.“

Im Video: So schnell kann man zum Influencer werden

Auch eine Medizinstudentin berichtet, sie habe in Praktika immer wieder erlebt, wie Ärztinnen und Ärzte falsche Informationen aus sozialen Netzwerken bei Patientinnen und Patienten korrigieren mussten. Dass viele Menschen Aussagen aus dem Internet mehr vertrauten als medizinischem Fachpersonal, sei traurig.

Zum Schluss richtet Hensel seinen Dank an alle, die im Gesundheitswesen täglich Dienst leisten – auf Intensivstationen, in Notaufnahmen, auf Normalstationen oder in Arztpraxen. „Ihr macht die Arbeit, auf die es ankommt. Ihr kümmert euch um die Menschen. Dafür braucht es Dankbarkeit, Anerkennung, Respekt – und eben no Bullshit.“

Verwendete Quelle: Instagram/yeahmedics