„Das erhöht natürlich die Verzweiflung": Warum streicht die Politik Gelder für Psychotherapien?
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Angststörungen, Depressionen, Süchte. Über ein Viertel der Erwachsenen, rund 18 Millionen Deusche, sind im Jahr von psychischen Leiden betroffen. Der zweithäufigste Grund für Krankheitstage im Job und die Hauptursache für Frührenten. Aber Therapieplätze sind knapp und monatelange Wartezeiten keine Seltenheit. Trotzdem wurden jetzt ausgerechnet für Psychotherapeuten die Honorare gekürzt. Was bedeutet das für Patienten? Unsere Reporterin Anke Reichardt hat lange recherchiert um Betroffene zu finden, die offen darüber sprechen...
Meine Mutter ist eine von 18 Millionen Deutschen, die psychisch erkrankt sind. Ich bin damit aufgewachsen, denn seit über 30 Jahren lebt sie mit Depressionen.
„Du hast keine Hoffnung mehr, du hast keinen Lebensmut mehr. Es ist so, das ganze Leben wird dadurch eben sozusagen … verpasst.“
Depressionen sind dabei nur eine von zahlreichen psychischen Erkrankungen.
„ … und obwohl die Zahl von Therapeuten und Therapeutinnen steigt, ist die Versorgungslage derer, die Hilfe benötigen, bis heute nicht ausreichend.“
Für diesen Film wollte ich mit denen sprechen, die Hilfe brauchen und keine finden. Laut einer Umfrage einer großen deutschen Versicherung fühlen sich 80 Prozent der Familien mental belastet. Dazu kommen dann ernsthafte Erkrankungen oder gar Depressionen, doch darüber sprechen – noch immer ein Tabuthema.
Die 40-jährige Zehra Türkgeldi aus Gelsenkirchen will offen sprechen, weil sie seit einem harten Schicksalsschlag einfach nicht mehr kann.
Mit 27 Jahren heiratet sie die Liebe ihres Lebens. Ihr Mann Mevlit bringt zwei Kinder in die Beziehung, sie bekommen noch eine gemeinsame Tochter. Zehra wird nochmal schwanger, mit Zwillingen – herausfordernd aber für sie das perfekte Familienglück. Doch dann erhält ihr Mann die Diagnose, die alles verändert. Hirntumor, fortgeschritten, unheilbar. Der inzwischen großen Familie bleiben nur wenige Wochen.
„Das war so ein Schlag ins Gesicht, ohne Hemmung. Dann dachte ich nur an Zeynep, die ja noch keine zwei war. Die Zwillinge im Bauch. Die anderen beiden Mikhail, der Bruder elf Jahre und die große Schwester 15 Jahre. Dann waren die ersten Gedanken von ihm: ‚Werde ich die Zwillinge noch erleben?‘“
Ihr Mann stirbt nur wenige Monate später. Zehra bleibt mit den sieben Monate alten Zwillingen und den Kindern allein zurück, versucht irgendwie zu funktionieren. Immer auf Autopilot. Ihre Eltern helfen, soweit es geht, doch die psychische Last liegt allein bei ihr.
„Ich hatte sonst wirklich das Gefühl, mir sitzt ein Riesenstein auf der Brust, ich kann nicht mehr atmen und die Kinder waren einfach der einzige Grund um noch am Leben zu bleiben. Sonst hatte ich auch Gedanken, einfach mit dem Auto, wenn ich über die Berliner Brücke gefahren bin, einfach gegen den Pfosten zu fahren und dann dachte ich mir aber: Moment A meine Religion und B, da gibt es drei Wesen, die dich brauchen. Die haben sonst niemanden außer dich.“
Zehra braucht eine Therapie, um den Verlust zu verarbeiten. „Wie dringend ist denn der Bedarf, was denken Sie denn?“ – „Schon sehr dringend. Schon sehr dringend. Zumal ich diese Rufe innerlich auch höre. Aber ich halte mir aktuell die Ohren zu.“
Bis heute hat die alleinerziehende Zehra keinen Therapieplatz. Sie hat im stressigen Alltag keine Kraft herumzutelefonieren und auf Wartelisten zu stehen und hofft, dass sie es irgendwie selbst schafft.
Und Zehra ist kein Einzelfall. Menschen wie sie sind psychisch extrem belastet und brauchen Unterstützung durch Psycho- oder Traumatherapie. Doch genau jetzt sollen die Honorare für Psychotherapie gekürzt werden. Grund: Im Vergleich zu anderen Fachgruppen würden die Kosten in der Psychotherapie explodieren. In der am schlechtesten bezahlten Facharztgruppe wird nochmal der Rotstift angesetzt. Viele Menschen aus dem Berufsfeld sind stinksauer.
„Dieser Beschluss ist ein Schlag ins Gesicht der Kollegen und Kolleginnen, die jeden Tag eine harte Arbeit in ihren Praxen vollbringen und die einen wertvollen Dienst an der Gesellschaft und an der Gesundheit für die Menschen in unserem Land leisten.“
Zusätzlich sei die Bedarfsplanung über 25 Jahre alt und nicht mehr zeitgemäß. Besonders in ländlichen Regionen mangele es an Therapieplätzen und die Nachfrage sei größer als das Angebot. Ich hake beim Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen nach, warum die Honorare gekürzt werden. Es werde nicht gespart, die Honorare würden nur im Vergleich zu anderen Facharztgruppen angepasst.
„Wir erwarten keine Veränderung der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung durch die beschlossene Honoraranpassung. (…) Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten können auch nach der Absenkung der Bewertungen bei Vollauslastung* einen Jahresumsatz von über 190.000 Euro erzielen.“
Um das zu erreichen, müssten Therapeuten allerdings 36 Sitzungen pro Woche leisten. Völlig unrealistisch, sagt mir Dr. Natalie Michalik. Eine Therapiesitzung ist deutlich aufwändiger und nicht vergleichbar mit einem kurzen Besuch beim Hausarzt. Die Psychotherapeutin teilt sich aktuell einen 18-Stunden Kassensitz mit einer älteren Kollegin. Ein beliebtes Modell, das vielen die nötige Entlastung und weniger Bürokratie bietet aber das auch weniger gesetzlich versicherte Patienten im Monat versorgen kann. Für viele Betroffene bedeutet das lange Wartezeiten - trotz vorhandener Therapeuten und Therapeutinnen. Dass die Honorare auch noch gekürzt werden sollen, empfindet Natalie Michalik als Abwertung ihres Berufsstandes.
„Ich möchte nicht unterscheiden müssen, ob jetzt der Besserverdiener die Besserverdienerin kommt, die sich das privat leisten kann oder die Mama, die vierköpfige Familie mit vier Kindern vielleicht gerade so über die Runden kommt, akut belastet ist, eigentlich den Therapieplatz braucht und ich sie ablehnen muss, weil auch meine Praxismiete steigt. Ich habe selber Kosten, Berufsverbände, Strom, Internet, Inflation. Ich selber muss auch Miete zahlen. Und das führt dazu, dass wir halt in Zugzwang kommen und das ist sehr frustrierend und auch emotional einfach stark belastend.“
„Was macht es mit Ihnen, wenn Sie quasi mit diesem Idealismus in den Job gehen und jetzt merken – am Ende muss ich hier rechnen?“ – „Wenn ich die E-Mails lese, die teilweise wirklich lang sind, die Patientinnen und Patienten, die wirklich schon lange suchen, die wirklich Hilfe brauchen und ich sagen muss, ich kann den ich nehmen. Wenn jetzt jemand anfragt und sagt, er ist privat versichert oder sie ist privat versichert und ich dürfte noch mehr behandeln oder es wäre noch ein Platz frei. Dann bin ich quasi gezwungen, diese Person zu nehmen und das macht natürlich was mit einem.“
Die alleinerziehende Zehra hat in den letzten zehn Jahren nur eine Mutter-Kind-Kur gemacht. Bis heute hat sie ihre psychischen Probleme unterdrückt, obwohl der Leidensdruck hoch ist.
Das ist gefährlich, sagt auch Ute Trescher von der Deutschen Depressionsliga, die als Lehrerin mitten im Leben stand und schwer an einer Depression erkrankte. Sie sagt selbst: Ohne professionelle Hilfe können psychische Erkrankungen sogar tödlich enden. Und Erkrankungen wie Depressionen verursachen durch hohe Arbeitsausfälle und Leistungseinbrüche enorme volkswirtschaftliche Kosten in Milliardenhöhe. Inzwischen ist auch Frau Trescher in Frührente.
„Was bedeutet das, wenn man depressiv erkrankt ist und auf Plätze warten muss, abgelehnt wird..?“ – „Also, das erhöht natürlich die Verzweiflung und man kann auch davon ausgehen, dass diese Menschen irgendwann vielleicht sogar aufgeben, sich einen Platz zu suchen. Es geht ihnen immer schlechter. Irgendwann werden sie Hilfe bekommen. Vielleicht zu spät oder so spät, dass es noch länger dauert, sich daraus herauszuarbeiten. Es gibt natürlich Möglichkeiten, sich auch während der Wartezeit schon Hilfe zu holen.“
Zum Beispiel bei Vereinen, Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen aber auch in Form von Online-Therapie, die gibt es inzwischen sogar auf Rezept vom Hausarzt. Wenn also dringend benötigte Therapieplätze fehlen, warum wird dann genau hier gespart? Vielleicht also doch eine Milchmädchenrechnung? Psychische Erkrankungen kosten die Kassen ca. 63 Milliarden Euro im Jahr, Krebserkrankungen belasten das System deutlich weniger. Wer an der Psyche spart, zahlt also langfristig drauf und das geht uns alle an.
Weil Zehra jetzt schnell Hilfe braucht, wird sie für einen kurzfristigen Therapieplatz erst einmal selbst zahlen. Doch: Sie versucht positiv zu bleiben.
„Es ist nicht falsch und keine Schwäche, sich halt Hilfe zu holen, dass man zu sich gerade steht, in den Spiegel schaut und sagt: Okay, es geht jetzt an der Stelle ohne Hilfe nicht weiter und die Hilfe ist ja einfach nur da, um das Leben besser und schöner gestalten zu können, um glücklicher in die Zukunft schauen zu können.“
Und deshalb wird die zentrale Frage auch für die Politik immer drängender: Wie können die Kassen entlastet, aber psychische Erkrankungen trotzdem schnell und vernünftig behandelt werden? Für die alleinerziehende Zehra führt kein Weg an einer Therapie vorbei, damit sie lernt, mit dem Verlust ihres Mannes umzugehen und endlich wieder glücklich zu sein. Vor allem auch für ihre Kinder.

