Bahnbrechendes Experiment mit Schweinen

Wann sind Körper wirklich tot? US-Forscher reaktivieren tote Organe

Forscher stellen Organfunktionen bei Schweinen wieder her Wann sind Körper wirklich tot, Dr. Specht?
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Wann sind Körper wirklich tot, Dr. Specht?
Forscher stellen Organfunktionen bei Schweinen wieder her

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Wann sind wir wirklich tot? Wann stirbt unser Hirn – und wann unser Körper? Diese Fragen lassen sich gar nicht mal so einfach beantworten und rücken im Zuge von Fällen wie dem des zunächst hirntoten und nun verstorbenen Archie Battersbee (†12) erneut in den Vordergrund. Forscher der Universität Yale haben nun versucht, den Blutkreislauf und andere Zellfunktionen bei Schweinen eine Stunde nach dem Tod der Tiere wiederherzustellen – mit Erfolg! Was das Experiment für uns Menschen bedeutet und ob bereits tote Menschen so vielleicht sogar wieder reanimiert werden könnten, erklärt Allgemeinmediziner und Medizinjournalist Dr. Christoph Specht im Video.

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"Zellen funktionieren noch Stunden, nachdem sie eigentlich nicht mehr funktionieren sollten"

Bleibt unser Herz stehen, sterben auch unsere Zellen und Organe in kürzester Zeit ab. Das macht die Zeit für mögliche Organtransplantationen knapp – zumindest bisher. Denn das Forscherteam rund um die US-Mediziner David Andrijevic und Nenad Sestan konnte nun dank eines Perfusionssystems namens OrganEx die Zell- und Organfunktionen von toten Schweinen wiederherstellen.

Das System pumpte eine mit Blut vermischte Flüssigkeit, Perfusat genannt, durch die Blutgefäße der toten Schweine. Wie die Wissenschaftler in der im Fachjournal „Nature“ erschienenen Studie beschreiben, konnte der Schweinekörper so auch eine Stunde nach dem Herzstillstand durch OrganEx mit Sauerstoff versorgt und Zellen sowie einige Organe konserviert werden.

Im Gegensatz zu der extrakorporalen Membranoxygenierung (Ecmo), einer vor allem in der Intensivmedizin viel eingesetzten Herz-Lungen-Maschine, stellte das OrganEx-System den Blutfluss offenbar fast vollständig wieder her und stabilisierte zudem den Sauerstoffverbrauch, heißt es in einer Pressemitteilung des Science Media Center. Außerdem wurden bestimmte Muster beobachtet, die darauf hindeuten, dass im Körper Reparaturprozesse ablaufen.

„Diese Zellen funktionieren noch Stunden, nachdem sie eigentlich nicht mehr funktionieren sollten“, sagte Dr. Nenad Sestan, Professor für Neurowissenschaften und vergleichende Medizin, Genetik und Psychiatrie in Yale auf einer Pressekonferenz. „Und das sagt uns, dass das Absterben von Zellen aufgehalten und ihre Funktionsfähigkeit in mehreren lebenswichtigen Organen wiederhergestellt werden kann. Sogar eine Stunde nach dem Tod.“

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Organtransplantation in Deutschland nur nach Hirntod

Warum dieses Experiment so besonders ist? Bisher sind Organe, die nicht durchgehend mit Sauerstoff und Blut versorgt werden, nicht für eine Organtransplantation geeignet. Das Experiment der Forscher aus Yale zeigt nun aber, dass Organe durchaus reaktiviert werden können – zumindest bei Schweinen.

Inwiefern sich die Erkenntnisse der Studie auf Menschen anwenden lassen, muss nun noch weiter untersucht werden. Dennoch könnte das OrganEx-System die Zeit der explantierten Spenderorgane, in der diese nicht mit Blut und Sauerstoff versorgt (Ischämiezeit) werden, deutlich verlängern, erklärt Prof. Dr. Jan Gummert, Direktor der Klinik für Thorax- und Kardiovaskularchirurgie des Herz- und Diabeteszentrums NRW in Bad Oeynhausen.

Das gelte auch für die Hirntodspende. Im Gegensatz zu anderen Ländern sei eine Organtransplantation in Deutschland nämlich nur nach dem Hirntod erlaubt. „In anderen Ländern ist eine Organspende auch nach einem Herzstillstand zulässig. Das ist aus der Sicht der Patienten auf der Warteliste mehr als bedauerlich, weil dadurch viele potenzielle Spenderorgane verlorengehen“, so Gummert weiter.

Auch Prof. Dr. Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), erklärt: „Insbesondere außerhalb Deutschlands könnte ein System wie OrganEx im Bereich der Organspende verstärkt zum Einsatz kommen.“ Da Transplantationen hierzulande nur nach Hirntod gestattet seien, wäre der „Anwendungsbereich von OrganEx bei uns also limitiert“. (akr)

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