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Nahtod-Bilder: In welchen Alltags-Situationen in unserem Hirn das Gleiche passiert

Neurologe erklärt Phänomen

Nahtod-Bilder: In welchen Alltags-Situationen in unserem Hirn das Gleiche passiert

Das passiert im Gehirn kurz vor dem Tod Neurologe erklärt

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Kurz vorm Tod sehen wir unser Leben nochmal an uns vorbeiziehen – von diesem Phänomen, mit dem Hollywood mitunter hin und wieder spielt, haben auch schon einige Überlebende mit Nahtod-Erfahrungen berichtet. Was dabei im Gehirn passiert, war bislang unklar. Eine Studie könnte jetzt etwas Licht ins Dunkel gebracht haben. Denn wie US-Forscher herausfanden, steigt eine bestimmte Form der Hirnwellen, die sogenannten Gamma-Oszillationen, kurz vor dem Tod noch mal an.

Es könnte sich laut der Forscher also ein letztes Erinnern an wichtige Lebensereignisse abspielen. Ein Phänomen, das wir nicht nur kurz vor dem Tod erleben können, wie Prof. Dr. Frank Erbguth, Neurologe und Chefarzt des Klinikum Süd in Nürnberg und Präsident der Deutschen Hirnstiftung, erklärt.

In welchen Situationen des Lebens können Nahtod-Bilder entstehen?

Im Rahmen ihrer im Fachmagazin "Frontiers" veröffentlichten Studie überwachten die US-Forscher eigentlich einen 87-jährigen Mann, der einen epileptischen Anfall hatte, um die Gehirnaktivität zu untersuchen. Während der Beobachtungen erlitt dieser allerdings einen Herzstillstand und starb. Die Wissenschaftler konnten so unverhofft etwa 15 Minuten Hirnaktivitäten rund um den Todeszeitpunkt aufnehmen.

Für die Neurologie sei diese Erkenntnis nicht überraschend und füge sich sehr gut in das ein, was man bisher wisse, erklärt Neurologe Prof. Dr. Frank Erbguth im Interview mit RTL. Allerdings habe man bisher wenig konkrete Beispiele. Sogenannte Nahtod-Bilder kenne man aber auch aus anderen Bereichen, bei denen die Betroffenen nicht kurz vor dem Tod stehen. Wer beispielsweise gut meditieren kann, kann auch so etwas wie Nahtod-Bilder produzieren, weiß Erbguth.

Nahtod-Bilder bei einer Narkose

Diese Bilder werden durch ein Wechselspiel aus Erregung und Botenstoffen im Gehirn produziert, erklärt Erbguth. Sie können unter anderem während einer Narkose bei einer Operation entstehen: „Wir wissen in der Narkose – entgegen der landläufigen Meinung, dass Gehirnzellen platt gemacht sind – passiert zum Teil das Gegenteil: bestimmte Hirnzellen werden hochgefahren. Und so ist das offensichtlich auch in der Sauerstoffnot des sterbenden Gehirns“, erklärt der Neurologe weiter.

„Da werden ganz bestimmte Rhythmen verschoben, die gehen zwar alle runter, aber zugunsten bestimmter Rhythmen, die zu tun haben mit Erinnerung und auch die gleichen sind, die zum Beispiel bei Meditation aktiviert werden können.“

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Visuelle Phänomene bei Epileptikern

Auch Epilepsie -Patienten können solche visuellen Phänomene haben. Auf den Fall aus der Studie bezogen, könnte man einwenden, dass der Patient Stunden vorher auch epileptische Anfälle hatte und damit ziemlich deutliche Störungen in der gesamten Gehirnerregung, sagt Erbguth.

„Sodass man kritisch sagen könnte, das was dann als todesassoziierte Hirnwellen kommt, das mag in dem Fall stimmen, aber gilt das wirklich für jeden?“ Der Neurologe halte es dennoch für plausibel, dass es generalisierbar sei. „Aber wenn man ganz streng ist, würde man sagen, ein Fall ist noch ein bisschen wenig, aber führt immerhin auf eine interessante Idee“, so Erbguth weiter.

Bilder während Kurzohnmachten

Dass unser Gehirn Bilder produziert, kennen womöglich auch Menschen, die schon mal in Ohnmacht gefallen sind. „Wenn man sehr gezielt Menschen mit Kurzohnmachten befragt, dann erinnern sich auch diese, allerdings nur an sehr kurze, traumartige Episoden, da für mehr die Zeit nicht reicht“, erklärt Erbguth.

Dies sei eine ähnliche Situation, weil auch bei einer Ohnmacht zu wenig Blut ins Gehirn komme. „Auch da gibt es solche Phänomene. Also gar nichts weit Entferntes, Sensationelles, sondern fast schon alltagsnah“, so der Neurologe.

Was sehen Menschen in solchen Situationen?

„Die Berichte sagen schon, dass es wie ein Schnelldurchlauf von längeren Perioden ist. Also, möglicherweise nicht die ganze Biografie, aber wie ein Schnelldurchlauf der Bilder von Kindheit bis ins Erwachsenenalter“, berichtet Erbguth.

Wichtig sei aber: „All diese Ereignisse sind nicht jenseits des Todes, sondern sie sind innerhalb des Lebens.“ Darum sei auch nichts Esoterisches und Mystisches daran. „Es zeigt einfach nur, wie intelligent unser Gehirn gebaut ist.“ (akr)