Harte Sanktionen und Druck aus der Bevölkerung

So teuer ist der Krieg: Wie lange hält Putin finanziell noch durch?

Vor der Invasion in die Ukraine war Putins Kriegskasse gut gefüllt - westliche Sanktionen haben deutliche Löcher hineingerissen.
Vor der Invasion in die Ukraine war Putins Kriegskasse gut gefüllt - westliche Sanktionen haben deutliche Löcher hineingerissen.
© deutsche presse agentur

10. März 2022 - 10:38 Uhr

von Valerie Dörner und Anne Heimer

Ausrüstung, Waffen, Kriegsgerät – und tausende Soldaten, die ernährt und bezahlt werden wollen. Jede Art von Krieg ist ein sehr teures Unterfangen. Aktuell stellt sich deshalb nicht nur die Frage, wie lange die Ukraine dem russischen Angriff militärisch noch standhalten kann, sondern auch, wie lange sich Russland seine Invasion überhaupt noch leisten kann. Ist Putin auf die Einnahmen von Öl- und Gasexporten in die EU angewiesen – oder lässt sich sein Krieg auch anders finanzieren?

Lese-Tipp: Alle aktuellen Informationen rund um den Angriff auf die Ukraine finden Sie jederzeit im Liveticker

Expertenschätzungen: Putin verliert durch den Krieg mehrere Milliarden Dollar am Tag

Wie sehr der Krieg gegen die Ukraine wirklich zu Buche schlägt, lässt sich aktuell nicht genau beziffern. Doch grobe Schätzungen mehrere Experten zeigen: Jeder Tag Krieg kostet Wladimir Putin wohl mehrere Milliarden Dollar. Die Expertin Marina Henke, Professorin für Internationale Beziehungen an der Hertie School of Governance in Berlin, geht von bis zu sieben Milliarden Dollar (ungefähr 6,5 Milliarden Euro) aus – und das beziffert nur den Verlust an Kriegsgerät, Waffen und Soldaten.

Riho Terras, ehemaliger Oberbefehlshaber der estnischen Armee und jetzt Abgeordneter für die konservative EVP-Fraktion im Europaparlament, schätzt die Kosten auf russischer Seite für jeden Kriegstag sogar auf bis zu 20 Milliarden Dollar – lässt aber offen, wie er auf diese horrende Zahl kommt.

In Sachen Kriegsgerät und Munition ist Putin nicht aufs Ausland angewiesen

Auch wenn sich das nach sehr hohen Verlusten anhört: Russland hat laut Expertin Marina Henke einen großen Vorteil. Russlands Militär ist das viertgrößte der Welt, allein 12.000 Panzer habe es in seinem Besitz, so Henke. "Wenn hier ein paar Panzer kaputt sind, hört sich das sehr, sehr teuer an, aber Russland kann einfach nachliefern, weil sie da sind. Diese Kosten sind also derzeit nicht so schwerwiegend."

Viel Kriegsgerät werde im Inland produziert, auch Munition komme hauptsächlich aus Russland und werde nicht importiert. Allein an fehlender Rüstung wird Putins Krieg also wohl eher nicht scheitern.

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 Russia Ukraine Military Operation 8128657 28.02.2022 Military trucks drive along a road near the border between Russia and Ukraine in Belgorod region, Russia. On February 24 Russian President Vladimir Putin announced a military operation in Ukraine
Das russische Militär ist das viertgrößte der Welt.
© imago images/SNA, Mikhail Voskresenskiy via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Westliche Sanktionen haben Putins Kriegskasse um Hunderte Milliarden erleichtert

Allerdings: Durch die gemeinsamen Sanktionen des Westens hat Putin bereits jetzt den Zugriff auf Hunderte Milliarden Dollar verloren. Maßgeblich hierbei: Die Entscheidung, Vermögenswerte der russischen Zentralbank Rossii in den USA, Großbritannien und der EU einzufrieren. Putin ist also nun auf das Geld angewiesen, das noch im Land ist. Auch Schulden kann er nicht aufnehmen, denn eine Finanzspritze aus dem Ausland ist derzeit ausgeschlossen.

"Die russische Zentralbank gilt als die Kriegskasse von Russland und von Putin. Man nimmt an, dass die Bank ungefähr 640 Milliarden Dollar an Reserven aufgebaut hat", erklärt Marina Henke im RTL/ntv Interview. Diese Reserven bestünden knapp zur Hälfte aus Devisen, also ausländischer Währung in Form von Euro und Dollar. "Mit den Sanktionen hat man de facto 300 bis 400 Milliarden dieser Reserven einfach eingefroren. Russland hat darauf keinen Anspruch mehr, kann dieses Geld nicht mehr benutzen. Das ist schon ein ganz schöner Schritt, weil es auch Einfluss darauf hat, wie Putin diesen Krieg überhaupt finanzieren kann", so Henke.

Denn mit den fehlenden Devisen könne Russland seine Währung, den Rubel, nicht mehr stabilisieren. Der Rubel hat zwischenzeitlich bis zu 40 Prozent an Wert verloren. Das bedeutet aktuell: Für einen Euro bekommt man derzeit knapp 132 Rubel, in der Woche vor dem Krieg schwankte der Wert noch zwischen 80 und 90 Rubel pro Euro. Für die nächsten Wochen wird eine massive Inflation erwartet.

Im Video: RTL-Reporter Rainer Munz erklärt, wie stark die Sanktionen schon bei den Menschen in Russland zu spüren sind.

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Rubel verliert massiv an Wert – russische Bevölkerung bangt um ihr Erspartes

Für die russische Bevölkerung heißt das: Ihr Erspartes ist immer weniger wert, viele Russen versuchen derzeit verzweifelt, an ihr Geld zu kommen - und das möglichst nicht in Rubel, sondern in Währungen wie Euro oder Dollar. Vor den Geldautomaten in Russland bildeten sich letzte Woche deshalb lange Schlangen. Allerdings darf man seit kurzem sowieso nur noch 8.000 Rubel am Tag abheben. Aus Angst, dass viele Russen mit großen Vermögenswerten das Land verlassen, hat der Kreml außerdem verboten, ausländisches Bargeld mit Wert von mehr als 10.000 Dollar aus dem Land zu bringen.

Hinzu kommt: Hunderte Unternehmen aus dem Westen haben ihre Geschäfte in Russland bereits eingestellt – dazu zählen neben Technologiekonzernen wie Apple und Microsoft auch Modeketten wie H&M oder Zara sowie diverse große Automobilhersteller wie VW und Mercedes. Auf ein neues Smartphone oder die aktuellsten Trends aus Europas Modehauptstädten müssen die Russen darum nun verzichten. Auch die beiden Zahlungsnetzwerke Visa und Mastercard haben ihre Dienste für die meisten Banken im Land eingestellt.

27.02.2022, Russland, Moskau: Menschen stehen in einer Schlange, um Geld von einem Geldautomaten der Alfa Bank abzuheben.  Russische Truppen haben den erwarteten Angriff auf die Ukraine gestartet. Foto: Victor Berzkin/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Vor russischen Banken stehen die Menschen aktuell Schlange, um an ihr Erspartes zu kommen - wie hier in Moskau.
© dpa, Victor Berzkin, AZ sj nwi

Wie lange machen die Russen die harten Sanktionen mit?

Das alles trifft die russischen Bürger sehr hart, obwohl es nicht ihr Krieg ist. Trotzdem müssen sie Angst haben um ihr Geld, um ihr Lebenswerk – und auf vieles verzichten, was vor ein paar Wochen noch zum Alltag gehörte. Im Westen nährt sich deshalb die Hoffnung, dass Putin am Ende nicht von außen, sondern vielleicht sogar aus dem eigenen Land heraus gestoppt wird. Wie lange machen die Russen die einschneidenden Sanktionen mit?

Das lasse sich schwer sagen, so Expertin Henke – andere autoritäre Regime wie Nordkorea oder der Iran hielten sich schon sehr lange an der Macht, und das trotz extrem langer und harter Sanktionen. Die Expertin warnt deshalb davor, sich allzu große Hoffnungen auf einen Sturz Putins durch die eigene Bevölkerung zu machen. "Diese unglaubliche Propaganda, diese wahnsinnigen Repressionen. Das sind alles Schritte, die Putin unternimmt, um die Bevölkerung unter Kontrolle zu halten. Und man muss annehmen, dass er erfolgreich sein kann. Dass dieser Palast-Coup, den wir uns alle erhoffen, dass er nicht so schnell stattfindet oder vielleicht sogar gar nicht stattfindet", so Henke.

Verbot von Öl- und Gasexporten würde weiteres Loch in Kriegskasse reißen

Sollte der Westen also zum letzten Mittel greifen – und die Sanktionen auch auf den Energiesektor ausweiten, um Putin so die Kriegskasse auszutrocknen? Christoph Heusgen, Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz, sieht im RTL-Interview gute Gründe, über einen solch "dramatischen Schritt" nachzudenken – trotz der immensen negativen Folgen für Europa. Doch ein Stopp der Öl- und Gasexporte habe vor allen Dingen "Auswirkungen auf Russland, weil damit Putins Kriegskasse von heute auf morgen schon gewaltige, gewaltige Löcher bekommt."

Zumindest Deutschland schließt den Stopp der Energieexporte momentan noch aus. Zu abhängig sei man von russischem Öl und Gas, betonte Kanzler Olaf Scholz (SPD) am Montag nochmals. "Die Versorgung Europas mit Energie für die Wärmeerzeugung, für die Mobilität, die Stromversorgung und für die Industrie kann im Moment nicht anders gesichert werden." Energie aus Russland sei von essenzieller Bedeutung für das tägliche Leben der Bürgerinnen und Bürger. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters könnten die USA allerdings den Schritt alleine gehen – und ihrerseits russische Öl-Importe verbieten. Ob das ausreicht, um Putins Kriegskasse vollends auszutrocknen, ist allerdings unklar.

„Russland gibt nicht einfach so auf“

Sollte Putin mit seiner Invasion erfolgreich sein und die Ukraine einnehmen, könnten ihm die laufenden Kosten, eine Besatzung aufrecht zu erhalten, zum Verhängnis werden. Ein sogenannter Insurrektionskrieg bringe immense Kosten mit sich, es sei wahnsinnig teuer, so viele Soldaten im Land zu halten, dass man es kontrollieren könne, so Expertin Marina Henke. Dazu komme der große Widerstandswillen der Ukrainer und die Unterstützung durch Waffenlieferungen aus dem Westen. "Aber trotzdem heißt das nicht, dass Russland einfach so aufgibt. […] Es gibt viele Ressourcen, die Russland mobilisieren kann, um diesen Krieg auf eine ziemlich lange Zeit doch noch zu finanzieren."

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