Expertin erklärt, was Eltern gegen Misshandlungen tun können

RTL-Umfrage: Seelische und körperliche Gewalt in Kitas wird systematisch vertuscht

Gewalt wird in deutschen Kitas vertuscht! Schock-Ergebnis bei RTL-Umfrage
09:08 min
Schock-Ergebnis bei RTL-Umfrage
Gewalt wird in deutschen Kitas vertuscht!

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Heftige Vorwürfe! Kinder, die nicht essen wollen werden zwangsernährt, Kinder werden zur Strafe eingesperrt oder öffentlich vor den Augen der anderen Kinder gedemütigt. Offenbar werden in deutschen Kitas genau solche Fälle von seelischer und körperlicher Gewalt vertuscht. Das belegt eine monatelange Recherche sowie eine Umfrage unter Kita-Mitarbeitern, die RTL mit in Auftrag gegeben hat und exklusiv vorliegt. 75 Prozent der Erzieher gaben an: Wir haben solche Dinge beobachtet, 65 Prozent wiederum sagten: Meldungen darüber an die Vorgesetzten seien ignoriert worden. Wir haben mit einer Expertin gesprochen, die wichtige Tipps für Eltern parat hat.

Zudem hat uns ein Hilferuf eines Vaters erreicht, dessen dreijährige Tochter Opfer einer ähnlichen Demütigung wurde: Nachdem sich das Mädchen in der Kita in die Hose gemacht hat, erntete sie Spott vom Erzieher. Welche Auswirkungen der Vorfall noch immer auf das Kind hat, berichtet RTL-Reporterin Ann Heigl im Video.

Umfrage: 75 Prozent der Erzieher gaben an, Zeuge von Misshandlungen geworden zu sein

Insgesamt haben 211 Erzieher und Erzieherinnen an der nicht repräsentativen Umfrage, die anonym ausgefüllt werden konnte und zwei Monate lang online war, teilgenommen. Das Ergebnis ist erschreckend. 75 Prozent sind sich einig: Sie sind bereits Zeuge davon geworden, wie Kollegen seelische oder körperliche Gewalt an Kindern ausgeübt haben. Doch ernst genommen wurden nicht alle, die Fälle gemeldet haben. „Ich war am Ende die Petze, die ihren Kolleginnen in den Rücken gefallen ist“, erzählt beispielsweise ein Teilnehmer. Viele haben daher lieber erst gar nichts gemeldet. Erschreckend, wenn man bedenkt, dass jeden Tag 3 Millionen Kinder in Deutschland in Kitas betreut werden.

Dennoch gilt prinzipiell: Erzieherinnen und Erzieher in Deutschland machen einen guten und extrem wichtigen Job. Dass nur eine kleine Minderheit seelische und körperliche Gewalt an den Kindern ausübt, liegt auf der Hand. Aber es gibt einige Momente, in denen Eltern besonders wachsam sein sollten. Im Zweifel sollten sie den Mut haben, Missstände anzusprechen. Aber wie stellt man das am besten an?

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"Überforderung und Belastung kann zur Bedrohung für Kinder werden"

Josefine Barbaric bei Punkt 12.
Josefine Barbaric spricht als Expertin über die Zustände in deutschen Kitas.
RTL

Josefine Barbaric, Vorsitzende des Kinderschutzvereins „Nein, lass das!", erklärt im RTL-Interview: „Die Überforderung, Belastung von erwachsenen Personen, gerade auch von pädagogischen Fachkräften, kann eben auch zur Bedrohung für Kinder werden. Wenn wir einen Bereich haben, der seit Jahren stiefmütterlich – auch aus dem politischen Raum – behandelt wird [...], dann ist klar: Wir haben hier ein ernstzunehmendes Problem. Und darüber muss gesprochen werden.“

Das Thema Erzieher-Wertschätzung sollte eine größere Rolle spielen, „denn die fehlt“. „Die Schraube, die wir drehen müssen, ist Personal. Ausbildung und Vergütung“, so die Trainerin für Gewaltprävention, die auch Kita-Erzieher und -Erzieherinnen schult.

Als problematisch bewertet Barbaric auch die Tatsache, dass es keine Standards gebe, wie man mit Beschwerdemeldungen umgeht. Auf dem Papier gebe es zwar sogenannte Schutzkonzepte, aber: „Was wir seit Jahren fordern, sind vollumfängliche gelebte Schutzprozesse. Und ein solcher Schutzprozess beinhaltet eben auch ein Beschwerdemanagement.“ Beschwerden sollte eigentlich positiv aufgenommen werden und ein Qualitätsmerkmal sein – „und eben keine Abwertung der Einrichtung oder des Trägers. Und das ist häufig die Angst.“

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Was Eltern wissen müssen

Wenn Eltern die Befürchtung haben, dass etwas nicht stimmt oder sie generell Angst davor haben, selbst zum Buhmann zu werden, dann gilt: „Das Problem ist: Mit dem Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz sind die Bundesländer zwar sozusagen unter Druck gekommen, die Kita-Quantität auszubauen. Aber die Kita-Qualität ist hinten runtergefallen. Und jetzt haben wir die Situation, dass manche Eltern schon Dinge melden, dass ihr Kind möglicherweise Gewalt in einer Einrichtung erlebt, aber Plätze sind rar.“ Barbaric erzählt, dass Eltern teilweise eine Kündigung des Kita-Platzes ihres Kindes ausgesprochen bekommen haben. Und das könne nicht die Lösung des Problems sein. Stattdessen müsse man an einem Tisch sitzen, insgesamt als Team zusammenrücken: Die Eltern, die Träger und die pädagogischen Fachkräfte, sodass alle Fälle individuell besprochen und bewertet werden können.

Ein wichtiger, praktischer Tipp der Expertin lautet daher: „Es wird häufig merkwürdig wahrgenommen, wenn Eltern im Voraus nach Qualitätsmerkmalen fragen. Aber ich kann immer nur die Eltern ermutigen: Fragen Sie nach! Fragen Sie nach einem Schutzkonzept, fragen Sie danach, wie häufig die Mitarbeiter geschult werden und vor allem: Was ist mit dem Beschwerdemanagement?“ (vdü)

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