Sachbuch „Seelenprügel" von Anke Elisabeth Ballmann rüttelt auf

Was kann ich tun, wenn mein Kind in der Kita psychisch misshandelt wird?

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23. Oktober 2019 - 15:52 Uhr

Autorin Anke Elisabeth Ballmann gibt besorgten Eltern Tipps

Ein Buch, das aufrütteln will! Autorin Anke Elisabeth Ballmann legt den Finger in eine Wunde, die in Deutschland noch größtenteils ein Tabu ist: Seelische Misshandlung von Kita-Kindern durch Erzieher, aber auch durch Eltern und Verwandte. Ihre Behauptung: "Die meisten Kinder werden in ihren ersten sechs Lebensjahren in Kitas psychisch misshandelt." Ballmann muss es wissen: Als Beraterin und Lehrende hat die promovierte Pädagogin jahrelang hinter die Kulissen deutscher Kitas geblickt. Mittlerweile ist ihr Ende September erschienenes Buch "Seelenprügel - Was Kindern in Kitas wirklich passiert"* bei Online-Buchhändlern schon in den Toplisten.

Bei der Lektüre stockt jedem Vater oder jeder Mutter eines kleinen Kindes der Atem - und man fragt sich: Wie kann ich erkennen und dann verhindern, dass mein Kind Opfer von Seelenprügel wird? Im RTL.de-Interview gibt Autorin Ballmann besorgten Eltern Tipps, wie sie mit der Situation umgehen sollten.

Das direkte Gespräch suchen

  • Frau Ballmann, wie erkenne ich als Elternteil, ob mein Kind Opfer seelischer Prügel geworden ist oder sogar regelmäßig wird?

Leider ist emotionaler Missbrauch schwieriger zu erkennen als körperlicher Missbrauch. Zudem neigen Kinder dazu, körperliche Beschwerden anzugeben, die sie nicht haben, um auf psychische Schmerzen aufmerksam zu machen. Mögliche Anzeichen für Misshandlungen sind schon ab dem vierten Lebensmonat feststellbar. Kinder zeigen sich dann zum Beispiel besonders ängstlich, abweisend, regungslos, schreckhaft oder aggressiv.

In jeder Altersklasse und jeder Art von Beziehung kann es zu emotionalem Missbrauch kommen. Weitere Hinweise auch bei älteren Kindern wären beispielsweise Ess- oder Schlafprobleme, Aufmerksamkeitsstörungen, Entwicklungsverzögerungen oder Verlustängste.

Emotionaler Missbrauch in der Kindheit kann schwerwiegende Folgen haben und stellt ein hohes Risiko für die psychische Entwicklung des Kindes dar. In Fällen von kindlichem emotionalem Missbrauch sollte immer und sofort professionelle Hilfe gesucht werden.

  • An wen wende ich mich, wenn ich den begründeten Verdacht habe, dass mein Kind Opfer von Seelenprügel wurde? Soll ich die Erzieherinnen direkt ansprechen? Das Gespräch mit der Kita-Leitung suchen?

Der erste Schritt ist tatsächlich ein Gesprächstermin mit der Erzieherin direkt. Dabei sollten die Eltern höflich und wertschätzend die eigenen Beobachtungen schildern und von dem bestehenden Verdacht berichten. So zeigen Eltern, dass sie informiert sind und emotionale Gewalt nicht dulden. Drohungen und Anklagen wären nicht zielführend.

Der nächste Schritt wäre ein Gespräch mit der Kita-Leitung oder mit dem Träger. Falls sich nichts ändert, können sich Eltern an die Aufsichtsbehörde wenden.

Anke Elisabeth Ballmann
Autorin Anke Elisabeth Ballmann, selbst promovierte Pädagogin, legt den Finger in eine Wunde, die in Deutschland noch größtenteils ein Tabu ist: Seelische Misshandlung von Kita-Kindern, auch durch Eltern und Verwandte.
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Diese rechtlichen Schritte sind möglich

  • Wenn ich den ängstlichen und nicht begründeten Verdacht habe, dass mein Kind psychisch misshandelt wird: Wie gehe ich dann mit diesen Ängsten um?

Ein Gespräch mit der entsprechenden Erzieherin steht immer am Anfang. Wichtig ist, in diesem Fall nicht von Beobachtungen zu sprechen, sondern von den eigenen Gefühlen und Ängsten. Fragen an die Erzieherin könnten dann etwa folgende sein: Gibt es Strafen in der Einrichtung?  Welche Konsequenzen hat es für ein Kind, wenn es nichts essen möchte oder nicht schlafen kann?

Wie werden die Rechte der Kinder in der Praxis umgesetzt? Gibt es ein Schutzkonzept oder gibt es Fortbildungen und Selbstverpflichtungserklärungen in der Einrichtung?

  • Mit welchen rechtlichen Schritten kann ich notfalls dafür sorgen, dass die Seelenprügel unterbunden werden?

Da in der Regel das konkrete Verhalten einer Erzieherin im Fokus steht – und nicht etwa eine gesamte Einrichtung – führen Gespräche mit der Kita-Leitung und mit dem Träger üblicherweise dazu, den Vorwürfen auf den Grund zu gehen. Wenn weder Leitung noch Träger tätig werden, kann als letzter Ausweg eine Beschwerde bei der Aufsichtsbehörde, dem Landesjugendamt, helfen. Dazu können sich Eltern aus dem Sozialgesetzbuch auf den § 47 SGB VIII beziehen. Dort geht es um "Ereignisse oder Entwicklungen, die geeignet sind, das Wohl der Kinder und Jugendlichen zu beeinträchtigen." Im schwersten Fall kann das nach § 48 SGB VIII Beschäftigungsverbote zur Folge haben.

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