Viele Hinweise entpuppen sich als Sackgasse

Rebecca Reusch seit zwei Jahren vermisst: Das sagt der Staatsanwalt zum Stand der Ermittlungen

19. Februar 2021 - 10:00 Uhr

"Den Fall möchte ich vor meiner Pensionierung aufklären"

Seit dem 18. Februar 2019 gibt es von Rebecca Reusch aus Berlin kein Lebenszeichen. Die damals 15 Jahre alte Schülerin verschwand spurlos. Der einzige Verdächtige ist nach wie vor ihr Schwager Florian R. – doch die Familie der Vermissten hält zu ihm, glaubt bis heute an seine Unschuld und daran, dass "Becci" noch lebt. RTL hat am zweiten Jahrestag von Rebeccas Verschwinden mit dem Leitenden Staatsanwalt gesprochen. Wie ist der Stand der Ermittlungen? Und gibt es tatsächlich noch Hoffnung? Das Interview – im Video.

Spur zu Internetflirt von Rebecca Reusch "hat sich zerschlagen"

Die wichtigste Frage vorweg: Ist der Fall Rebecca ein "Cold Case", also ein Fall, der zu den Akten gelegt und alle paar Jahre herausgeholt wird? "Nein, soweit sind wir noch nicht", sagt Martin Glage. "Es werden weiterhin noch Hinweise abgearbeitet." Zwei bis drei Ermittler der 3. Mordkommission in Berlin seien an dem Fall dran, aber auch mit anderen Fällen betraut. "Es werden noch Ermittlungen geführt, gerade auch im Moment im Ausland, ob das Handy von Rebecca (...) seit ihrem Verschwinden, irgendwo aufgetaucht sein könnte." Doch das sei ein langwieriges Unterfangen. Man versuche, die Frage zu klären, ob sich das Smartphone "irgendwo im Ausland eingeloggt hat, sei es durch Rebecca selbst - eher unwahrscheinlich - oder durch irgendwelche Dritte, die dann möglicherweise als Zeugen oder als Tatverdächtige in Betracht kommen".

Entsprechende Gesuche hatten die Ermittler bereits im Mai 2020 gestellt. "Einige wurden schon beantwortet mit negativem Ergebnis. Einige wurden noch nicht beantwortet." Es gebe Strohhalme, nach denen Polizei und Staatsanwaltschaft greifen, "aber wirkliche neue Ermittlungsansätze im Moment nicht". Einer dieser Strohhalm war eine Internetbekanntschaft, die Rebecca Reusch via Instagram kennengelernt hatte. Das Profil von "Max oder Maximilian" wurde am 20. Februar gelöscht. Auch hier: eine Sackgasse. "Diese Spur hat sich tatsächlich zerschlagen. Das ist überprüft worden und hat nicht weitergeführt." Florian R. wolle nicht mit der Polizei sprechen, derzeit werden Spuren ausgewertet. "Es gibt einige Hinweise, die ganz erfolgsversprechend sind, denen gehen wir noch nach. Aber was da rauskommt, kann man nicht sagen", so der Ermittler. Ein Ende sei jedenfalls nicht in Sicht. "Das wäre jetzt Kaffeesatzleserei zu sagen, wie lange das noch dauert."

Ermittler glaubt nicht an angebliche Drogengeschäfte

Schwager
Der Schwager von Rebecca Reusch ist noch immer der einzige Verdächtige in dem Vermisstenfall.

Nach wie vor stehe der Schwager von Rebecca Reusch im Fokus der Ermittlungen. "Das Verfahren wird offiziell hier wegen Totschlags geführt und zwar weiterhin gegen den Schwager der Vermissten." Andere Verdächtige gebe es nicht, das Verfahren gegen Florian R. sei "noch nicht eingestellt". Doch weshalb konzentrieren sich die Ermittler auf den Mann von Rebeccas älterer Schwester Jessica? "Er war verdächtigt, weil er nachgewiesenermaßen mit Rebecca Reusch zum Zeitpunkt ihres Verschwindens allein in seinem Haus dort im Mauerweg war und wir davon ausgehen, dass Rebecca in dem Haus ums Leben kam." Es gebe bislang keine Anhaltspunkte, die diese Theorie in "irgendeiner Weise erschüttern" würden. Man habe "in alle Richtungen ermittelt".

Ebensowenig gebe es Hinweise darauf, dass Rebecca Reusch das Haus freiwillig verlassen habe oder von Dritten entführt worden sei. "Alles spricht dagegen und insofern blieb letztlich nur der Schwager als Tatverdächtiger übrig." Florian R.s himbeerroter Renault Twingo war zudem einmal am Morgen des 18. Februar um 10:47 Uhr und am Tag danach um 22:39 Uhr vom Brandenburger Kennzeichenerfassungssystem auf der A12 Frankfurt (Oder) registriert worden. Zu diesen Fahrten habe der Schwager widersprüchliche Aussagen getätigt und sich damit verdächtig gemacht. Die Ermittler sind sicher: Nur der Schwager hatte zu diesen Zeitpunkten Zugriff auf das Auto. Wohin er genau fuhr, ist unklar. Was er der Polizei über die beiden Tage erzählt habe, passe nicht zu den Bewegungsdaten seines Wagens. "Diese Fahrten konnte er letztlich nicht plausibel erklären", sagt Glage im Gespräch mit RTL. "Zunächst wollte er gar nichts sagen. Dann soll er wohl, wie wir gehört haben, gegenüber Dritten angegeben haben, es sei um irgendwelche Drogengeschäfte gegangen. Das erscheint uns aber auch nicht sehr plausibel."

Dazu, dass es zwei Fahrten gab, haben die Ermittler verschiedene Theorien. RTL hatte damals erfahren, dass die Polizei es für möglich hielt, dass Florian R., nachdem er die Leiche von Rebecca Reusch versteckt hatte, seinen Ehering vermisste und noch einmal losfuhr, um ihn zu suchen. Glage äußert einen weiteren Verdacht: "Es könnte auch sein, dass, wenn wir annehmen, dass er möglicherweise Rebecca irgendwohin gebracht haben sollte, dass er sie dann vielleicht nochmal woanders verstecken wollte. Dass er meinte, das sei nicht gut genug gelungen." Alles Mutmaßungen und Indizien, jedoch fehlt der eine handfeste Beweis. "Die Ermittlungen haben bislang keinen hinreichenden oder dringenden Tatverdacht ergeben. Das muss man ganz klar sagen. Seit anderthalb Jahren tritt man da auf der Stelle."

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Wahrscheinlichkeit, dass Rebecca Reusch noch lebt "sehr sehr gering"

Dass Familie Reusch von Tag 1 an hinter Florian R. stand und steht und nach wie vor an seine Unschuld glaubt, kann der Staatsanwalt nachvollziehen. "Man kann es sich vielleicht so erklären, dass wenn sie sich von dem Beschuldigten abwenden würde, dass sie sich dann natürlich eingestehen müsste, dass Rebecca ziemlich sicher tot sein dürfte", sagt Glage. "Das will sie nicht und deswegen (...) versammeln sie sich so eindeutig hinter dem Beschuldigten." Eine Vermutung, die er und seine Kollegen hegen, denn "manchmal wundern wir uns schon, wie sich die Familie verhält". In der Vergangenheit hatten Bernd und Brigitte Reusch und ihr Anwalt die Ermittlungen der Polizei häufig kritisiert. Man habe sich zu früh auf Florian R. eingeschossen und alternative Möglichkeiten nicht ausreichend in Betracht gezogen.

Das große mediale Interesse sieht der Staatsanwalt zwiespältig. "Wir wollten natürlich gerne die Öffentlichkeit miteinbeziehen, um möglicherweise Hinweise zu erlangen." Dass das Interesse jedoch über eine so lange Zeit aufrecht geblieben sei, habe "die Sache arbeitsintensiver" gemacht, "weil man unter einem gewissen Druck steht. Aber letztlich können wir damit umgehen und ich denke mal, das stört die Ermittlungen nicht großartig". Der Druck, so sagt Glage, wäre auch ohne das Echo der Medien dagewesen. "Wir würden uns ja freuen, wenn Rebecca lebend wieder auftaucht, aber wir halten eben die Wahrscheinlichkeit für sehr, sehr gering und deswegen ist der Druck natürlich da." Auch den Staatsanwalt selbst nehme der Fall mit. "Es wäre wirklich schade und schlimm, wenn nicht aufgeklärt werden könnte, was mit Rebecca passiert ist. Das würde mich persönlich auch sehr betrüben", so Glage. "Ich habe noch neun Jahre Dienst vor mir und habe mir gesagt: Den Fall möchte ich in dieser Zeit, zumindest vor meiner Pensionierung, aufklären. Aber ob es so kommen wird, das weiß ich nicht."

Wie die Suche "nach der Nadel im Heuhaufen"

Die vermisste Rebecca Reusch im Frankreich-Urlaub mit ihrer Familie
Rebecca habe immer gern Fotos und Videos von sich gemacht und machen lassen - so wie hier in einem Frankreich-Urlaub mit ihrer Familie.
© privat

Rund 2.700 Hinweise sind im Lauf der zwei Jahre bei der Polizei eingegangen. Immer wieder melden sich auch Zeugen, die Rebecca Reusch irgendwo gesehen haben wollen, an einer Bushaltestelle, im Ausland. Die meisten Hinweise entpuppen sich jedoch als Sackgasse. "Dann wird erstmal überprüft, wie glaubhaft diese Angaben sind und da fällt schon einiges in sich zusammen, wenn man die Zeugen mal genauer fragt: War das wirklich an dem Tag?", sagt Martin Glage. Bisher hätte noch kein Hinweis dieser Art zu weiteren Ergebnissen geführt.

Über Monate hinweg hatte die Polizei immer wieder das Gebiet um die A12 zwischen Berlin und der polnischen Grenze durchsucht, Wälder durchkämmt und mit Tauchern in Seen nach dem Teenager gesucht. Mantrailer-Hunde und Hubschrauber waren im Einsatz, sogar Autobahnabfahrten wurden kurzzeitig gesperrt. Doch die Suche habe sich in dem weitläufigen und dünn besiedelten Areal sehr schwierig gestaltet, resümiert Glage. "Wenn man mal berücksichtigt, wie groß Brandenburg ist und das Gebiet zur polnischen Grenze, wie die Landschaftsstruktur dort aussieht mit ausgedehnten Wäldern, mit Seen, mit teilweise alten Schächten aus der sowjetischen Besatzungszeit… Da ist es natürlich die Suche nach der Nadel im Heuhaufen, wie man so schön sagt, dort jemanden zu finden, wenn man keine konkreteren Anhaltspunkte hat."

Hier zieht er einen Vergleich zum Mordfall Peggy, die vor fast 20 Jahren im oberfränkischen Lichtenberg verschwand. Erst nach 15 Jahren entdeckten Ermittler die sterblichen Überreste des Kindes. "Da wurde jahrelang nach ihr gesucht und dann lag sie tatsächlich irgendwo im Wald, gar nicht so weit entfernt von ihrem Wohnort." Mit anderen Worten: "Becci" könnte noch immer irgendwo da draußen sein. "Wir haben nicht ganz Ostbrandenburg abgesucht und können jetzt sagen: Da kann auf keinen Fall mehr was sein." Die Hoffnung bleibt.