Missbrauchsfall Bergisch Gladbach

Diese Ermittler jagen die Kindervergewaltiger

16. Juli 2020 - 15:11 Uhr

Von Rebekka Kaiser

Der Missbrauchsfall von Bergisch Gladbach schockiert selbst erfahrene Ermittler. Kriminaldirektor Michael Esser leitet die Ermittlungen. Laut Polizei mindestens 94 Tatverdächtige und 48 Opfer – das ist bislang die erschütternde Arbeitsbilanz seines Teams. Weil die seelische Belastung enorm ist, werden die Ermittler von einer Polizeipsychologin betreut. Im Video berichtet eine Ermittlerin von ihrer Jagd auf die Pädokriminellen.

94 Tatverdächtige und 48 Opfer im Missbrauchsfall Bergisch Gladbach

Missbrauch Bergisch Gladbach: "BAO Berg"
Die "BAO Berg" ist die größte Ermittlungsgruppe in der Geschichte Nordrhein-Westfalens.
© RTL

Mit entschlossenen Schritten durchquert Michael Esser den grauen Konferenzraum, lässt sich auf einen Stuhl fallen und blickt erwartungsvoll in die Gesichter seiner Kollegen. Sie alle gehören zur Führungsriege der "BAO Berg", der größten Ermittlungsgruppe in der Geschichte Nordrhein-Westfalens. Alles, was in den nächsten Minuten an dem Tisch besprochen wird, ist streng vertraulich.

Michael Esser, ein besonnen wirkender Mann, hört seinen Kollegen aufmerksam zu. Der 52-jährige Kriminaldirektor leitet die Ermittlungen. Im Oktober ist die Sondereinheit gegründet worden, um den Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach zu zerschlagen – ein zuvor noch nie dagewesenes Dickicht von Kinder-Vergewaltigern.

"Kindesmissbrauch macht die Seele krank"

Missbrauch Bergisch Gladbach
Die Ermittlungen zum bundesweiten Kinderpornografie-Tauschring begannen in Bergisch Gladbach und erstrecken sich mittlerweile auf sämtliche Bundesländer.
© dpa, Dagmar Meyer-Roeger, dag

In seiner über 30 Jahre langen Karriere bei der Polizei hatte es Michael Esser vor allem mit Terrorbekämpfung zu tun. Der 52 Jahre alte Rheinländer leitet den Staatsschutz des Polizeipräsidiums Nordrhein-Westfallen. Zu einen seiner wohl bekanntesten Fällen zählt die Geiselnahme einschließlich Brandbombenanschlag im Oktober 2018 am Hauptbahnhof in Köln. Als Leiter der "BAO Berg" kämpft Esser nun gegen eine andere Form des Terrors – seine Gegner sind nun Pädokriminelle, die die Möglichkeiten des Internets virtuos ausschöpfen.

Als ginge es um banale Treffen in der Kneipe unter alten Freunden, verabredeten sich Familienväter in Chats offenbar zum gemeinsamen sexuellen Missbrauch ihrer Kinder. In den Chats sollen hunderte Teilnehmer gewesen sein, mehrere Terabyte Daten sind bei Verdächtigen beschlagnahmt worden und müssen nun von den Ermittlern gesichtet und ausgewertet werden. Ein Albtraum.

"Es ist eine belastende Situation, zu wissen, es gibt Kinder, die in Gefahr sind, die wir aber noch nicht identifiziert bekommen. Da setzen wir dann immer alles dran", erklärt Esser. Für ihn und sein Team hat die Rettung der Kinder oberste Priorität. Zwischen dem extremistischen Terror und Kindesmissbrauch erkennt Esser daher Parallelen: "Köpfungsvideos machen die Seele krank. Ich glaube, Kindesmissbrauch macht auch die Seele krank, wenn man sich die anschauen muss".

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Mütter sind oft ahnungslos

Die Zahl der Tatverdächtigen und der Opfer steigt laut Esser nahezu Tag für Tag. Als er das sagt, sieht er fast ein bisschen müde aus. Der Ermittler ist selbst Familienvater. In den vergangenen Monaten hat sein Ermittlerteam bei vielen fremden Familien angeklopft, scheinbar idyllische Häuser auf verräterische Spuren durchsucht, auf den ersten Blick geordnete Leben auf den Kopf gestellt. "Wenn wir dahinkommen, dann passiert da etwas.

In den meisten Fällen haben die Mütter der Kinder keine Ahnung, dass ihre Lebenspartner oder Ehemänner die Kinder missbrauchen. Wenn wir erst mal den Täter aus der Familie herausreißen, wird er mit uns zur Wache genommen. Die übrigen Familienangehörigen, die werden aber auch aus der Wohnung herausgeholt, die werden in Hotels untergebracht für die Dauer der Durchsuchung. Wir müssen Häuser teilweise komplett leerräumen, um auch sicherzustellen, dass wir alle Datenträger finden."

Kinder werden in ein Gefühlschaos geworfen

Das Leben der Menschen – es verändert sich, wenn die Ermittler der "BAO Berg" kommen. Scheinbar harmlose Familienväter kommen dann in Verhörräume, Ehefrauen bleiben oft entsetzt zurück – und die Kinder, die Opfer des sexuellen Missbrauchs waren, sie scheinen in ein Gefühlschaos geworfen. "In dieser Situation werden die Kinder von ihrem Vater getrennt und für mich war sehr beeindruckend, als ein Kind dann nach dem zweiten Tag fragte: 'Wo ist der Papa, wo ist der Papa?' Das greift einen schon an, wenn man so etwas hört. Das erschreckende daran: Die Kinder wissen gar nicht, was ihnen passiert ist, was ihnen widerfahren ist – sie sehen es als normal an, diese Missbrauchshandlungen durchstehen zu müssen."

Angehörige realisieren die Taten oft erst später

Bislang konnten 48 Missbrauchsopfer identifiziert werden; es sind Kinder, die zwischen drei Monaten und 15 Jahren alt sind. Ihr Leid mussten sie offenbar zurückhalten, der sexuelle Missbrauch soll in vielen Familien im Verborgenen geschehen sein. "Erst mal zeigen die Angehörigen blankes Entsetzen, weil sie das vorher nicht erahnt haben. In der Folge realisieren sie dann die Taten. Spätestens auch dann, wenn die Kinder auch zugeben, was ihnen widerfahren ist und wenn sie von uns die Bilder gezeigt kriegen, dann ist die Reaktion unterschiedlich, manche unterstützen weiter den Ehemann, manche lassen sich scheiden oder trennen sich."

Ermittler stoßen an Grenzen

An ihre Grenzen stoßen aber auch die Ermittler. Jeden Tag schauen sie die kinderpornografischen Bilder und Videos an. Dabei suchen sie wichtige Hinweise im Bildraum, die Aufschluss zur Identität von Opfer und Täter geben. Der Blick für das Detail ist entscheidend, während zugleich grausige Handlungen über den Bildschirm flimmern. Um sich zu schützen, treffen die Ermittler bei ihrer Arbeit auch wichtige Schutzmaßnahmen. Welche, das weiß Ruth Emmerich. Sie arbeitet seit einem Jahr bei der Kölner Polizei als psychosoziale Fachkraft, betreut die Ermittler der "BAO Berg". Sie erklärt, dass manche Ermittler den Ton bei den Videos ausdrehen würden oder versuchten, sich auf schnitttechnische Elemente zu konzentrieren.

Das Sichten des kinderpornografischen Materials ist eine grausame Routine. Zugleich stünden die Ermittler aber wegen des großen öffentlichen Interesses unter Druck, erklärt Emmerich. Fehler wollen sich die Beamten offenbar nicht leisten, denn die könnten verheerende Folgen haben. "Das eine ist natürlich die Sorge, ein Menschenleben zu verändern, das normal hätte weitergehen können, das ist die eine Sorge. Die andere Sorge ist natürlich auch: Arbeite ich schnell genug? Habe ich den richtigen Riecher oder verrenne ich mich in die falsche Spur? Hätte ich schon viel eher ein Kind retten können? Diese Elemente spielen eine wichtige Rolle", sagt Ruth Emmerich.

Enorme seelische Belastung für Ermittler

Zu den absoluten Spitzenzeiten arbeiteten 350 Polizisteninnen und Polizisten bei der "BAO Berg", gerade sind es bis zu 140 Beamte, vor zehn Stunden geht oft keiner nach Hause. Die Arbeit ist für manche Ermittler eine enorme seelische Belastung. Ihnen stehen deshalb Betreuer zur Seite; mit ihnen können sie Strategien entwickeln, um im Arbeitsalltag besser zurechtzukommen und auch in der Freizeit wieder abzuschalten. Jeder Beamte sei aber freiwillig im Team, betont Esser. Wird die Arbeit für einen Ermittler zu belastend, sei es auch möglich, wieder in einen anderen Bereich bei der Polizei zu wechseln.

Seine Arbeit werde aber wohl noch lange nicht beendet sein, sagt Esser zum Schluss. "Wir sind definitiv nur an der Spitze des Eisberges tätig. Je mehr wir suchen, desto mehr werden wir auch finden, davon müssen wir ausgehen". Aufgeben kommt daher wohl für viele Beamte nicht infrage. Sie sichten weiter das Material, um die Opfer zu befreien und die Täter ihrer Strafe zuzuführen.