Polizisten brachen ihr den Arm

Nach Brutaler Festnahme: Demente Frau (73) bekommt Millionen-Entschädigung

09. September 2021 - 19:06 Uhr

Karen Garner hatte selbstgepflückte Blumen in der Hand, als ein Polizist sie zu Boden drückte

Die 73 Jahre alte Karen Garner lief mit einem selbstgepflückten Strauß Blumen in der Hand an einer Straße in Loveland im US-Bundesstaat Colorado entlang, als ein Streifenpolizist sie ansprach. Die demenzkranke Frau hatte versucht, ein Kaufhaus mit Gegenständen im Wert von umgerechnet 11,50 Euro zu verlassen – ohne zu bezahlen. Die Anwältin der Rentnerin veröffentlichte die Aufnahmen, die zeigen, wie brutal Garner von dem Polizisten zu Boden gestoßen, gefesselt und in das Polizeiauto gezwungen wird. Die beklemmenden Aufnahmen zeigen wir im Video.

Die Tochter ging gerichtlich dagegen an und erreichte jetzt, dass ihrer traumatisierten Mutter eine satte Entschädigung zugesprochen wurde.

Tochter erzählt weinend von dem brutalen Polizeieinsatz gegen demente Mutter

"Sie war verwirrt und ängstlich. Sie hat überhaupt nicht verstanden, was da passierte", erzählt die Tochter der 73-Jährigen unter Tränen in einem Fernseh-Interview mit dem Sender CBS. "Er hat ihr überhaupt nicht zugehört", wirft Allisa Swartz dem Beamten vor. Denn sonst hätte er merken können, dass etwas mit der Rentnerin nicht stimmte. Garner lief schulterzuckend weiter, als der Polizist sie ansprach. Während der brutalen Festnahme ging sie auf nichts ein, was der Beamte zu ihr sagte, wirkte desorientiert, versuchte, sich aus dem festen Griff des Mannes zu winden und widerholte immer wieder: "Ich gehe nach Hause."

Die Reaktion des Polizeibeamten darauf: "Nein, das werden Sie nicht." Zusammen mit einer Kollegin drückte er die demente Frau gegen den Streifenwagen. Er verdrehte der nur 36 Kilo leichten Seniorin so stark den Arm, dass auf den Body-Cam-Aufnahmen ein lautes Knacken zu hören ist. Die Beamten brachten die 73-Jährige auf die Polizeiwache und sperrten sie dort gefesselt in eine Zelle. Dass Garner mehrfach sagte, "die haben mir and der Schulter weh getan", wurde offenbar einfach nicht beachtet.

Immer wieder kommt es in den USA zu extremen Fällen von Polizeigewalt. Im Februar machte der Fall einer Neunjährigen Schlagzeilen, die mit Pfefferspray besprüht und in ein Polizeiauto gezwungen wurde.

Demente Frau von Polizei festgenommen
Karen Garner zuckte mit den Schultern und lief weiter, als sie von einem Streifenpolizist angesprochen wurde.
© Reuters

Verletzte Rentnerin wurde sechs Stunden lang nicht medizinisch versorgt

Wie sich später herausstellte, wurde der dementen Frau bei der brutalen Festnahme die Schulter ausgekugelt. Außerdem zog sich die Frau einen Bruch im Oberarmknochen zu, ein verstauchtes Handgelenk sowie blaue Flecken und Kratzer am ganzen Körper. Statt die Verletzte medizinisch versorgen zu lassen, ließen die Beamten sie aber sechs Stunden lang allein in einer Zelle eingesperrt, klagt die Familie. Wie auf weiteren Überwachungsaufnahmen aus der Polizeiwache zu sehen ist, verhöhnten die Polizisten, die an der Festnahme beteiligt waren, Garner dann sogar noch.

"Hast du das Ploppen gehört", fragte der Polizist seine Kollegin. "Ich habe gedrückt und gedrückt und gedrückt und auf einmal höre ich – Plop", prahlt er. Dann schauen sich die Beamten das Video der Festnahme gemeinsam an und amüsieren sich dabei sichtlich. Die weibliche Beamtin dreht sich zwar angeekelt weg und sagt immer wieder "Ich hasse das". Ihr Kollege erwidert darauf: "Ich liebe das." Alle drei brechen in Gelächter aus. Ein weiterer Kollege gibt dem Beamten sogar einen anerkennenden "Fist Bump" für sein hartes Durchgreifen gegen die ältere Dame. Keiner scheint auf die Idee zu kommen, dass die Frau mit der verletzten Schulter in ihrer Zelle Hilfe benötigen könnte.

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:
Brutale Festnahme in Colorado
Der Beamte drückt die 73-Jährige brutal zu Boden und legt ihr Handschellen an.
© Reuters

Rentnerin bekommt Millionen-Entschädigung

Der Vorfall ereignete sich bereits im Juni 2020. Nachdem sich herausstellte, dass Karen Garner dement ist, wurden alle Vorwürfe gegen sie fallen gelassen. Sie wurde für den Vorfall im Kaufhaus nicht angeklagt. Die Beamten wurden für den überzogenen Einsatz gegen die Frau aber nicht zur Rechenschaft gezogen und waren weiterhin im Dienst. Erst als die Anwältin die brutalen Videos nun veröffentlichte, kam Bewegung in die Sache. Polizeichef Robert Ticer sagte bei einer Pressekonferenz, dass drei Beamte nicht mehr für die Polizei Loveland arbeiten würden. "Alle drei waren an der Festnahme von Frau Garner beteiligt", erklärte er.

Außerdem zahlt die Stadt Loveland im US-Bundesstaat Colorado der dementen und schwer traumatisierten Frau drei Millionen Dollar Entschädigung. In einem Interview sagte die Tochter von Garner: "Es ist beruhigend zu wissen, dass wir uns jetzt der Behandlung meiner Mutter widmen können, aber in dieser Polizeidienstelle muss sich was ändern, keine Familie soll das durchmachen, was wir erleben mussten. " (jgr)