Kommentar zum Rücktritt der neuseeländischen Premierministerin

Jung, Frau, Mutter, Mensch: Warum es schade ist, dass Jacinda Ardern ihren Posten aufgibt

Neuseeland-Chefin tritt zurück: "Tank ist leer" Rücktritt
02:17 min
Rücktritt
Neuseeland-Chefin tritt zurück: "Tank ist leer"

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von Kathrin Hetzel

Neuseelands Regierungschefin Jacinda Ardern hat überraschend ihren Rücktritt aus der Politik angekündigt. Seit sechs Jahren ist Ardern Premierministerin, zu ihrem Amtsantritt 2017 war die damals 37-Jährige die jüngste Regierungschefin der Welt.

Welches Signal sendet Ardern mit ihrem Rücktritt an die Welt? Für mich ist es vor allem eins: Es ist schade. Es ist schade, dass Ardern diese Entscheidung getroffen hat. Denn sie ist in ihrer Position ein riesiges Vorbild für viele Menschen auf der Welt. Und sollte womöglich auch ein Vorbild für einige andere Politiker sein.

Ein Rücktritt, weil „der Tank leer ist“, weil sie sich mehr Zeit für ihre Familie nehmen möchte, weil sie glaubt, dass andere es aktuell besser machen würden als sie. Starke, ehrliche und vor allem sehr persönliche Aussagen. Vermeintliche Anzeichen von Schwäche, die doch etwas ganz anderes zeigen: Stärke.

"Der Tank ist leer"

Nach sechs Jahren im Amt, nach sechs Jahren in der Öffentlichkeit, sechs Jahren hundertprozentiger Fokussierung auf ein Thema – das Regieren – kann man sich leicht vorstellen, dass „der Tank leer ist“, wie sie selbst sagt. Es ist menschlich. Doch dieses Eingeständnis von einem Politiker oder einer Politikerin zu hören, ist trotzdem neu. Auf die Schnelle fällt mir kein Politiker auf dieser Ebene ein, der sich ohne öffentlichen Druck eingestanden hat, seinen Job nicht mehr zu 100 Prozent gut machen zu können. Denn leider müssen Politiker das: Den Job immer zu 100 Prozent, wenn nicht zu 150 Prozent machen. Dafür sind sie in diesen Positionen.

Viel häufiger sieht man hingegen Politiker, die sich Fehltritt nach Fehltritt leisten und immer noch an ihren Posten klammern. Sich eben nicht eingestehen, dass sie aktuell nicht mehr in der Lage sind, ihren Job gut zu machen. Und ihrem Land damit nicht die Chance geben, mit jemand anderem zu wachsen und besser zu werden.

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Eine junge Frau als Regierungschefin

Beim Rücktritt Arderns spielt natürlich auch eine Tatsache eine Rolle: Ardern ist eine Frau, dazu für Politikerverhältnisse eine recht junge Frau. Ihr Rücktritt ist auch deshalb schade, weil sie eben eine der wenigen jungen Frauen an der Spitze eines Landes ist.

Dass Frauen in hohen politischen Positionen immer noch irgendwie „anders“ wahrgenommen werden als ihre männlichen Kollegen, zeigt ganz deutlich dieses Beispiel hier. Beim Treffen von Jacinda Ardern und ihrer finnischen Kollegin Sanna Marin im November letzten Jahres stellt ein Journalist den beiden Regierungschefinnen die Frage, ob sie sich nur wegen ihres ähnlichen Alters (Marin ist 37, Ardern 42) und ihrer anderen Gemeinsamkeiten hier treffen würden. Schlagfertig antwortet Ardern: „Hat irgendjemand jemals Barack Obama und John Key gefragt, ob sie sich wegen ihres gleichen Alters getroffen haben?.“ Marin beantwortet die Frage klar und deutlich: „Wir treffen uns, weil wir Ministerpräsidentinnen sind“.

Eine junge Frau als Regierungschefin scheint die absolute Ausnahme zu sein und gleich zwei grenzt anscheinend fast schon an eine gewisse „Exotik“. Es ist schade, dass es so wenig politische Repräsentanten von Ländern gibt, in dem ein Großteil der Bevölkerung ja auch weiblich und jung ist. Ohne das Vorbild von Ardern wird dieser Teil jetzt wohl noch weniger repräsentiert als vorher.

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Eine junge Mutter in der Politik - Kann das funktionieren?!

FILE - New Zealand Prime Minister Jacinda Ardern arrives holding her child Neve during the 73rd session of the United Nations General Assembly, at U.N. headquarters, on Sept. 25, 2018. Ardern became just the second world leader to give birth while ho
Jacinda Ardern zusammen mit ihrer Tochter bei einer UN-Sitzung.
CR, AP, Craig Ruttle

In ihrer Regierungszeit musste Ardern nicht nur mit der Corona-Pandemie und rechtsextremistischen Anschlägen auf zwei Moscheen in Christchurch umgehen, sie ist auch Mutter geworden. Damit ist sie die erste Regierungschefin seit Jahrzehnten, die während ihrer Amtszeit Mutter geworden ist.

Eine weitere „Auszeichnung“, die Ardern unter ihren politischen Kolleginnen und Kollegen „besonders“ macht, obwohl es unter anderen Umständen überhaupt nicht besonders ist. Doch scheint es eher die Regel zu sein, dass Politikerinnen und Politiker an der Spitze keine Kinder haben. Da brauchen wir ja nur auf unsere letzte Bundeskanzlerin und unseren aktuellen Bundeskanzler schauen.

Ist eine Frau, eine junge Mutter, an der Spitze eines Landes, findet die Öffentlichkeit immer ein gewisses „Geschmäckle“. Denn wer soll sich denn bitte um die Kinder kümmern, wenn Mama den ganzen Tag in der Politik unterwegs ist? Eine Nachricht, wie über unsere Außenministerin Annalena Baerbock, die trotz Kindern Karriere macht und ihr Mann seinen Job kündigt, um sich stattdessen um die Kinder zu kümmern, habe ich über männliche Politiker noch nicht gehört.

Dass Ardern jetzt eben auch aus diesem Grund zurücktritt, weil sie mehr Zeit für ihre Familie haben möchte, ihre Tochter zur Einschulung begleiten möchte, ist nicht nur nachvollziehbar, damit bleibt Ardern sich eben auch treu. Es zeigt ihre Menschlichkeit. Es würde viel mehr Politikerinnen und Politikern gut stehen, mehr Menschlichkeit in ihrem Job zu zeigen. Denn letztendlich sind sie genau für diese da: für Menschen.

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