Glühweinstand statt Kaffeekränzchen

Aerosolphysiker: "Wir müssen uns draußen aufhalten! Draußen passiert nichts!"

01. Dezember 2021 - 13:19 Uhr

Ansteckungen in Innenräumen sind das Problem

In Deutschland wird weiter diskutiert: Sollte man alle Weihnachtsmärkte schließen, das Publikum bei Fußballspielen einschränken, Ausgangssperren verhängen? Nach Ansicht des hessischen Aerosolphysikers Dr. Gerhard Scheuch führen diese Diskussionen zu einer Verschiebung des Corona-Problems, denn Ansteckungen würden vor allem in Innenräumen und nicht draußen geschehen.

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Schulen, private Feiern und Kneipen sind Ansteckungsherde

So gehören z.B. auch Schulen zu den Innenräumen, in denen derzeit die meisten Ansteckungen stattfinden, so Dr. Gerhard Scheuch, Aerosolphysiker aus Gemünden (Hessen). "Viele unter 15 Jahren sind betroffen. Schulen, Kindergärten sind durchaus leider wieder Ansteckungsherd." Aber auch private Feiern, Kneipen, Diskotheken – wo sich mehrere Leute in schlecht belüfteten Innenräumen aufhalten – seien das Problem.

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Aerosolwissenschaftler Dr. Gerhard Scheuch verfasste seine Doktorarbeit 1991 über die Abscheidung von Aerosolteilchen in der Lunge und die Reinigung der Teilchen aus der Lunge.
Aerosolwissenschaftler Dr. Gerhard Scheuch verfasste seine Doktorarbeit 1991 über die Abscheidung von Aerosolteilchen in der Lunge und die Reinigung der Teilchen aus der Lunge.
© RTL

Schulen müssen auf jeden Fall offen bleiben!

"Die wichtigsten Maßnahmen sind in Schulen die häufige Lüftung, Raumluftfilter, möglicherweise sollte man die Unterrichtszeiten verkürzen", so Scheuch. Die Zeit mit einem Infizierten ist ein wichtiger Faktor bei der Ansteckung. Auch wenn die Kommunikation besonders bei Kindern dann schwierig sein, empfiehlt der Experte eine Maskenpflicht im Unterricht – gerade einer hoher Inzidenz. Gelegentlicher Unterricht im Freien sei eine weitere Alternative, um Ansteckungen einzudämmen. Doch die Überzeugung des Physikers bleibt trotz Innenraum: "Auf keinen Fall würde ich für eine Schulschließung plädieren, Kinder müssen sich treffen können".

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Ansteckung auf dem Weihnachtsmarkt - Übertriebene Ängste?

"Hier glaube ich, dass kaum Infektionen stattfinden", sagt Dr. Gerhard Scheuch im RTL-Interview. Ganz im Gegenteil: Man solle die Menschen motivieren, ins Freie zu gehen. "Die Motivation der Leute, raus zu gehen halte ich für wichtiger als die Weihnachtsmärkte abzusagen. Den Fokus müssen wir auf Innenräume lenken." Kleine Weihnachtsmärkte hätten die Situation eher entzerrt: Hier treffen sich weniger Leute, gehen zu Fuß hin. Wenn sie für den Weihnachstmarkt nach Frankfurt oder Kassel müssen, ist die Ansteckungsgefahr viel größer, das die Anfahrt länger ist und oft mit öffentlichen Verkehrsmitteln stattfindet.

2/3G-Regeln u.a. auf Weihnachtsmärkten helfen seiner Meinung nach sicher ein bisschen, aber "sie schießen etwas über das Ziel hinaus", da die Gefahr der Ansteckung ja nicht so immens sein und davon abgesehen, ja bekanntlich auch Geimpfte ansteckend sein können.

Öffentliche Verkehrsmittel sind "durchaus gefährlich"

Die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln sei laut Scheuch "durchaus gefährlich". Untersuchung hätten auch zu seiner Überraschung gezeigt, das die CO2-Werte sehr, sehr hoch in Bussen und Bahnen seien, es gäbe wenig Luftaustausch. "Das Öffnen der Türen scheint nicht auszureichen. Und das gilt z.B. auch im Fahrstuhl. Dort gute Masken nutzen", empfiehlt der Experte.

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Volle Stadien - alles gar nicht so schlimm?

"Die Bilder aus den Stadien sehen furchtbar aus, die Veranstaltungen werden aber wahrscheinlich nicht viele Infektion hervorgerufen haben", so Scheuch. Bei der EM in England seien Großveranstaltungen erforscht, in diesen Stadien sei "gar nicht so viel passiert". Die Ansteckungen habe es bei An- und Abreise und im Umfeld von Stadien, z.B. in Kneipen oder auch in den Logen gegeben. "Ein Hochinfizierter steckt eventuell ein, zwei Nachbarn an, aber große Cluster-Infektionen finden nicht im Freien statt."

Also übertriebene Diskussion um und Maßnahmen in Stadien? "Ich halte Maskenpflicht dort für fast überflüssig. Sie hilft vielleicht ein klein wenig, aber man überschätzt dort den Schutz durch die Maske", so die Ansicht des Aerosolphysikers.

20.11.2021, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Fußball: 2. Bundesliga, Hansa Rostock - Erzgebirge Aue, 14. Spieltag, Ostseestadion. Fans von Hansa Rostock. Die Begegnung endet 1:2. Foto: Danny Gohlke/dpa - WICHTIGER HINWEIS: Gemäß den Vorgaben der DFL
Ein volles Stadion zu einem Bundesligaspiel - müssen wir uns über solche Bilder etwa gar keine Sorgen machen?
© dpa, Danny Gohlke, dgo kde

Politik sendet falsche Signale

Scheuchs Empfehlung für das weitere Vorgehen: "Ich halte überhaupt nichts vom Lockdown. Die Leute müssen sensibilisiert werden, weniger und kürzere private Treffen durchzuführen. Sie sollten sich lieber mal auf dem Weihnachtsmarkt am Glühweinstand treffen als im Wohnzimmer mit 15 Mann zum Kaffeetrinken. Nur so ließe sich das Risiko einer Ansteckung reduzieren

Die Politik signalisiere mit Ausgangssperren und Schließung der Weihnachtsmärkte, dass die Gefahr draußen sei. "Dadurch entsteht ein falscher Eindruck.Die Gefahr liegt in Innenräumen, nicht auf dem Weihnachtsmarkt. "Da stimmt was nicht"mit der Kommunikation der Politik, so Scheuch. "Wir müssen uns draußen aufhalten! Draußen passiert nichts!"

(gmö)