50 Jahre Mondlandung

Erst bei den Nazis, dann bei der NASA: Der "Raketenmann" Wernher von Braun

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16. Juli 2019 - 14:38 Uhr

Umstrittenes Genie

"Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Schritt für die Menschheit", sagte der Astronaut Neil Armstrong bekanntlich, als er den Mond betrat. Der Mann, der Armstrong und der Menschheit diesen Schritt ermöglichte, der "Raketenmann" Wernher von Braun, war unbestritten ein Genie, aber ein umstrittenes. Schon als Teenager im Berlin der Weimarer Republik blickte er durch sein Teleskop in den Nachthimmel und träumte davon, zum Mond zu fliegen. Er wollte es schaffen, um jeden Preis. Seine Mitschüler hielten ihn für einen Freak.

Von der V2 zur Saturn V

Wernher von Braun im Kreise von Wehrmachtsoffizieren im Dritten Reich
Wernher von Braun im Kreise von Wehrmachtsoffizieren im Dritten Reich
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Von Braun aber verstand früh, wie das Spiel funktionierte, wie er an die finanziellen Mittel für seine Forschung und seinen Traum kam. Und damit rechtfertigte er sich stets, für ihn heiligte der Zweck die Mittel. So stellte er im Dritten Reich sein Wissen in den Dienst des Nazi-Regimes. Die Rakete, die schließlich Ende der sechziger Jahre den Weg zum Mond schaffte, beruhte auf einer Weiterentwicklung von Brauns Aggregat vier (A4). Diese Rakete war der erste von Menschen entwickelte Flugkörper, der es schaffte in den Weltraum vorzudringen.

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Das war im Jahre 1944 jedoch eher zweitrangig. Besser bekannt ist die Rakete A4 unter dem Namen, den ihr NS-Propagandaminister Joseph Goebbels gab: Vergeltungswaffe 2, kurz V2. Im Zusammenhang  mit dem Bau der V2 starben ca. 12.000 Zwangsarbeiter. Der Einsatz der Waffe am Ende des Zweiten Weltkriegs forderte rund 8.000, zum größten Teil zivile Opfer. Wernher von Braun stritt immer ab, von den Zwangsarbeitern gewusst zu haben. Damaligen Dokumenten und späteren Berichten zufolge, suchte er selbst Zwangsarbeiter aus. Eine Mitschuld an den Kriegstoten wies er ebenfalls zurück. Er sei lediglich verantwortlich für die Technik, auf die Verwendung als Waffe habe er keinen Einfluss gehabt.

Das Wissen von Wernher von Braun war wertvoll

ARCHIV - 12.06.2019, ---: Das undatierte Foto mit einem unbekannten Aufnahmeort zeigt den US-amerikanischen Raketenkonstrukteur deutscher Herkunft Wernher von Braun an einem Modell einer Rakete. (zu dpa «Von den Nazis zur Nasa: Der deutsche Anteil an
Wernher von Braun: Die Amerikaner wollten sein Wissen
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Was er jedoch wusste, war, dass seine Erkenntnisse für die Siegermächte wertvoll sein würden. Also stellte er sich zu Kriegsende den Amerikanern, die die Dienste von Brauns und seines Forscherteams gerne in Anspruch nahmen. Er setzte seine Forschungen im Dienste der US-Army fort und musste sich für seine Taten während des Krieges nie verantworten.

Im Kalten Krieg mit Russland setzten die Amerikaner auf die Wissenschaftler der Navy, die mit von Brauns Team um die Vormachtstellung innerhalb der USA kämpften. Doch plötzlich platzierten ausgerechnet die Russen den ersten Satelliten (Sputnik) in der Erdumlaufbahn. Nach diesem Schock wandte sich die US-Regierung wieder an von Braun, und er hatte Erfolg. Die auf der Rakete Aggregat vier (A4) basierende Jupiter-C-Rakete brachte schließlich den ersten US-Satelliten in den Weltraum. Die USA beendeten den internen Konkurrenzkampf und gründeten im Juli 1958 die NASA. Doch die Russen behielten zunächst die Nase vorn. Am 12. April umrundete der russische Kosmonaut Juri Gagarin erstmals die Erde. Er war der erste Mensch im All.

Erst der Mond dann der Mars

ARCHIV - 15.11.1963, USA, Cape Canaveral: Wernher von Braun (M), Raketenkonstrukteur aus Deutschland steht neben dem damaligen US-Präsidenten John F. Kennedy und erklärt ihm das Saturn-Startsystem. Foto: -/Nasa Headquarters HO/dpa - ACHTUNG: Nur zur
Wernher von Braun und John F. Kennedy
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Als Konsequenz gab der damalige US-Präsident John F. Kennedy das Ziel aus, vor Ende des Jahrzehnts einen Menschen auf den Mond zu schicken. Die NASA rief das Apollo-Programm ins Leben. Nach einigen Rückschlägen war es am 16. Juli soweit. Die Apollo-11-Mission startete, angetrieben von einer Saturn-V-Rakete, zum Mond. Die Saturn V beruhte auf der A4-Weiterentwicklung Aggregat Neun/Zehn (A9/10). Die Rakete, die von Braun zu Kriegsende entwickelte, um Amerika bombardieren zu können, trug die Crew der Apollo 11 (Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins) zum Mond. Und von Braun zum Ziel seiner Träume. Für ihn sollte es direkt weitergehen. Das nächste Ziel sollte der Mars sein, so schnell wie irgend möglich.

Mission erfüllt

Aber für die USA war das Thema erledigt, man hatte den Mond erreicht, und man hatte ihn vor allem vor den Russen erreicht. Wettrennen gewonnen, alles gut. Von Braun wurde weggelobt. Die NASA schuf ein Planungsbüro, dessen Direktor er wurde. Aber es gab nicht allzu viel zu planen. Die USA wandten sich wieder den Problemen dieser Welt zu. Statt den Kommunismus auf dem Weg zum Mars oder zur Venus zu schlagen, musste man ihn erstmal in Vietnam besiegen.

Ein neuer Krieg, der immer härter und brutaler werden sollte. Ein Krieg, den die USA verlieren sollten. Trotz größter finanzieller Anstrengungen, die auch zu Lasten der NASA gingen. Von Braun verließ – enttäuscht von den vielen Budgetkürzungen – die amerikanische Raumfahrtbehörde. Er starb am 16. Juni 1977 im Alter von 65 Jahren an Krebs. Den Mars, den von Braun nach der gelungenen Mondlandung ins Auge gefasst hatte, hat bislang noch immer kein Mensch betreten.