Bei vielen Patienten muss Gewebe entfernt werden

"Schwarzer Pilz": Mukormykose bei indischen Covid-Patienten wird zur Epidemie

In Indien kämpfen die Menschen weiter gegen die zweite Welle der Corona-Pandemie - und einer neuen Epidemie, der Mukormykose.
In Indien kämpfen die Menschen weiter gegen die zweite Welle der Corona-Pandemie - und einer neuen Epidemie, der Mukormykose.
© © Pradeep Gaur / SOPA Images, dpa, Pradeep Gaur

24. Mai 2021 - 10:20 Uhr

Covid-19-Patienten mit Pilz-Infektionen

Kaum ein Land der Erde leidet zur Zeit so sehr unter dem Coronavirus wie Indien. Schreckliche Bilder von überfüllten Krankenhäuser und von Massenbestattungen erschüttern die Menschen weltweit. Jetzt bereitet ein weiteres Phänomen den Ärzten des Landes rasant wachsende Sorgen: Immer mehr Menschen, die an Covid-19 erkrankten, leiden zudem an einer sonst seltenen Pilzinfektion, einer sogenannten Mukormykose. Der Kölner Infektiologe und Mukormykose-Experte Dr. Oliver Cornely schätzt ein, ob wir in Zukunft auch in Deutschland vermehrt mit diesem Phänomen zu tun haben werden.

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Mukormykose-Fälle als neue Epidemie

Indische Behörden warnen schon länger vor einer sonst selteneren Pilzinfektion namens Mukormykose, die zu Verstümmelungen führt oder sogar tödlich sein kann. Sie wird durch eine Gruppe von Schimmelpilzen namens Mucormycetes verursacht und befällt meist die Nasennebenhöhlen oder die Lunge. Jetzt gibt die "Hindustan Times" die Zahl der Mukormykose-Fälle unter Berufung auf Regierungsdokumente mit mindestens 7250 an. Allein im Bundesstaat Maharashtra wurden mehr als 2000 Fälle gemeldet, Gujarat, Heimatstaat von Indiens Regierungschef Narendra Modi, zählte nach Angaben der Behörden rund 1200 Infektionen.

Einige Bundesstaaten des Landes haben die Mukormykose-Fälle zu einer Epidemie erklärt. In mehreren Städten wurden für die Betroffenen eigene Klinikstationen eingerichtet. Zur aktuellen Zahl der Todesopfer durch Mukormykose machen die Behörden bislang keine Angaben. Die "Hindustan Times" spricht von mindestens 219 Toten - man muss aber davon ausgehen, dass die Dunkelziffer wesentlich höher ist.

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Medikamente zur Behandlung fehlen

Das wichtigste Medikament gegen Mukormykose ist Amphotericin B – ausgerechnet das ist Indien zurzeit knapp. Die Regierung und die Pharmabranche des Landes, das als "Apotheke der Welt" gilt, haben Mühe, die Produktion hochzufahren, berichtet die Nachrichtenagentur AFP. Der Gesundheitsaktivist Amulya Nidhi kritisiert deswegen, die indische Regierung habe es bereits versäumt, genug von Corona-Medikamenten wie Remdesivir bereitzustellen. Nun wiederhole sich dieser Fehler beim Schwarzen Pilz. "Die Regierung hätte handeln müssen, als sie vom allerersten Fall erfuhr", sagt Nidhi. "Die Leute sollten nicht um lebensrettende Medikamente betteln müssen."

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Nicht selten müssen Augen entfernt werden

Laut Dr. Renuka Bradoo, Leiterin einer HNO-Abteilung in Mumbais Sion-Krankenhaus, gab es in den letzten zwei Monaten 24 Fälle der Pilzinfektion, im Vergleich zu sechs Fällen vor einem Jahr. "Wir sehen hier bereits zwei bis drei Fälle pro Woche. Es ist ein Albtraum innerhalb einer Pandemie", erzählt sie der BBC. Die Infektion ist zwar behandelbar, aber je nach Vorerkrankung, Art des Pilzes und der betroffenen Körperstelle in der Hälfte aller Fälle tödlich. Nicht selten müssen Ärzte bei den Patienten die Augen entfernen, um Lebensgefahr abzuwenden.

Diabetiker besonders gefährdet

In mehreren Medienberichten hieß es bereits vor einer Woche, dass Ärzte im Land vermehrt Fälle von Mukormykose unter genesenden oder genesenen Covid-19-Patienten in Bundesstaaten wie Maharashtra und Gujarat sowie in Delhi meldeten. Die gefährliche Pilz-Infektion kommt häufig bei Menschen mit Vorerkrankungen vor, vor allem bei Diabetikern. Bei 54 bis 76 Prozent der Mukormykosen war das der Fall, so indische Forscher. "In Indien haben wir eine andere Epidemie, die Diabetes", erklärt dazu der Kölner Infektiologe und Mukormykose-Experte Dr. Oliver Cornely. In allen Regionen und gesellschaftlichen Gruppen Indiens weisen die Menschen mittleren und höheren Alters hohe Raten an Diabetes auf. "Und die bereitet den Weg für eine Mukormykose."

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Covid-Therapie als Verstärker

Diabetiker hätten ein höheres Risiko, weil ihre Schleimhaut einen Rezeptor enthält, der von dem Pilz erkannt werde. "Zum Teil dürften auch Therapien ihren Teil dazu beitragen, die man aber nicht lassen kann, wenn man Covid erfolgreich bekämpfen will", so der Experte. In der Tat glauben auch die Ärzte in Indien, dass die Mukormykose möglicherweise durch den Einsatz von Kortison-Steroiden ausgelöst wird. "Diabetes senkt die körpereigene Immunabwehr, das Coronavirus verschlimmert das, und dann sind Steroide, die bei der Bekämpfung von Covid-19 helfen sollen, wie Öl in das Feuer", sagt der Mumbaier Arzt Dr. Nair der BBC.

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Fehlgeleitete Pilze zersetzen menschliches Gewebe

Wegbereiter einer solchen Mukormykose können grundsätzlich Infektionen sein, die die Schleimhäute schädigen, wund und so durchlässiger machen. "Wenn da jetzt so ein Schimmelpilz drauf kommt und Temperatur und Feuchtigkeit stimmen, was in einer Nase der Fall ist, dann äußert sich das erst als Sinusitis", so Cornely. Aber die fehlgeleiteten Pilze, die sonst Holz zersetzen, beginnen dann Gewebe, Gefäße und Nerven anzugreifen. "Das tut nicht weh und das blutet auch nicht, in den meisten Fällen", erklärt Cornely. Es sei schwer, dem Problem mit Medikamenten zu Leibe zu rücken, denn die Gefäße, die das Medikament an den Ort der Infektion bringen sollen, existieren nicht mehr. "Man braucht dann Chirurgen, die alles wegschneiden, was durch den Pilz befallen ist."

Experte sieht keine erhöhte Gefahr für Covid-19-Patienten in Deutschland

Müssen wir auch in Deutschland mit einer Zunahme von Mukormykose-Fällen in Zusammenhang mit Covid-19-Erkrankungen rechnen? "Nein", sagt Infektiologe Cornely uns, "davon ist nicht auszugehen, in Indien sind Mukormykose-Fälle auch sonst häufiger der Fall als bei uns. In Deutschland haben wir zirka 100 bis 150 Fälle im Jahr, aber eine Mukormykose ist schwer zu diagnostizieren." Hierzulande seien meist Leukämie- oder Transplantationspatienten betroffen – wegen des geschwächten Immunsystems. "In Indien ist eben Diabetes der Hauptrisikofaktor."

(ija)

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