Reporterin berichtet aus Mumbai

Corona-Katastrophe in Indien - ein Land erstickt: "Überall Hilferufe nach Sauerstoffflaschen"

29. April 2021 - 12:20 Uhr

So erlebt die Journalistin Natalie Mayroth die Corona-Lage in Indien

Bilder aus Indiens Hauptstadt Neu Delhi gehen um Welt. Videos von Masseneinäscherungen, Schlangen vor Krankenhäusern und Menschen, die auf der Straße behandelt werden, zeigen das katastrophale Ausmaß der Coronavirus-Pandemie. Durch die Corona-Mutante B.1.617 ist die Lage in Indien außer Kontrolle. Bereits den fünften Tag in Folge hat es dort einen weltweiten Rekord bei den Corona-Neuinfektionen gegeben und das Gesundheitssystem droht unter der Last zusammenzubrechen. Die deutsche Reporterin Natalie Mayroth lebt in Mumbai und berichtet seit 2017 aus Indien und Südasien. Wie erlebt sie die Lage vor Ort? Die Arbeit der Totengräber und wie immer mehr provisorische Krematorien errichtet werden müssen, um der vielen Toten Herr zu werden – im Video.

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Wegen Corona-Lockdown haben Supermärkte nur bis 11 Uhr auf

Reporterin Natalie Mayroth lebt in Mumbai
Reporterin Natalie Mayroth lebt in Mumbai
© RTL

Die Millionenmetropole Mumbai im Westen des Landes ist eine der bevölkerungsreichsten Städte der Welt. Dennoch ist die Lage dort noch nicht so dramatisch wie in der Haupstadt Neu Delhi. Das hat vor allem mit dem schnellen und konsequenten Handeln der Lokalregierung zu tun: "Ich lebe in Westindien und hier hat sich sehr früh abgezeichnet, dass die Pandemie wiederkommt", erzählt die Natalie Mayroth. Deshalb habe die Lokalregierung gehandelt und neue Lockdowns angeordnet: "Mittlerweile ist es so, dass man Lebensmittel nur noch bis 11 Uhr morgens kaufen kann." Ansonsten habe abgesehen von Apotheken alles geschlossen.

Dieser frühzeitige Lockdown scheint ausschlaggebend für den glimpflicheren Verlauf der Pandemieausbreitung zu sein: "Hier konnten wir nicht mehr in Restaurants essen gehen, aber in Dehli konnten sie noch ins Fitnessstudio. Das macht natürlich einen Unterschied. Wenn sehr viele Leute infiziert sind und sie schließen nicht, dann breitet sich das (Virus) sehr stark aus", erklärt Mayroth.

Dennoch wird auch in Mumbai an allen Ecken Hilfe dringend benötigt: "Sie hören überall Hilferufe nach Sauerstoffflaschen und dass vor allem Betten in den Krankenhäusern knapp sind", berichtet die deutsche Reporterin. Allerdings sind die Todeszahlen in Mumbai weit unter denen aus der Hauptstadt. "Der größte Unterschied wenn Sie sich die Statistiken ansehen ist, dass in Neu Delhi etwa 350 Leute am Tag sterben und in Mumbai sind es etwa 70 Menschen. Das macht auf jeden Fall einen sehr großen Unterschied."

Hitze und hohe Bevölkerungsdichte erschweren Corona-Lockdown

 MUMBAI, INDIA - APRIl 23: People lined up to receive a dose of COVID-19 vaccine at Dahisar Vaccination Centre, on April 23, 2021 in Mumbai, India. Photo by Satish Bate/Hindustan Times 4th Phase Of Covid-19 Vaccination PUBLICATIONxNOTxINxIND
Menschen im Mumbai warten auf ihre Corona-Impfung.
© imago images/Hindustan Times, Hindustan Times via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Natalie Mayroth selbst ist vor dem Virus bisher verschont geblieben, doch die dramatischen Szenen aus Neu Delhi bereiten ihr Sorgen: "Ich habe auch mit Kolleginnen vor Ort gesprochen. Sehr viele Korrespondenten hatten schon Corona oder sind eben jetzt erkrankt. In Mumbai passiert das auch, aber man sieht nicht Leute vor dem Krankenhaus sterben."

Trotz Lockdowns in Mumbai und den geschlossen Geschäften kann die Regierung die Einwohner jedoch nicht davon abhalten ihr Haus zu verlassen. Das habe zu einen mit der Hitze und zum anderen mit der hohen Bevölkerungsdichte vor allem in den Slums des Landes zu tun: "Wenn ich hier ums Eck gehe, sehe ich die Leute draußen sitzen, weil sie einfach nicht den ganzen Tag zu fünft oder zu siebt in ihrer Wohnung sitzen können. Wir haben hier über 30 Grad. Das ist einfach zu viel", erklärt Mayroth.

Im Herzen Mumbais liegt der Dharavi, der größte Slum des Landes. Angaben zur Einwohnerzahl schwanken zwischen 500.000 und 1 Million Menschen. Trotz der engen Bevölkerungsdichte ist die Situation dort wider Erwarten einigermaßen stabil. Es gibt sogar ein eigenes Impfzentrum. Doch wie so oft trifft auch diese Pandemie die Ärmsten des Landes am stärksten. Gerade diejenigen, die keinen Arbeitsvertrag und kein Einkommen haben, kämpfen ums Überleben. Durch ihren finanziellen Notstand und die Angst vor dem Virus werden die Menschen im Slum Opfer von Quacksalbern, die unwirksamen Mitteln eine schnelle Heilung versprechen.

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200 Euro für eine Sauerstoffflasche: Der Schwarzmarkt boomt

 NEW DELHI, INDIA - APRIL 26: Relatives of a Covid-19 victim performing the last rites, at Sarai Kale Khan crematorium, on April 26, 2021 in New Delhi, India. India has registered 2,762 new deaths and 319,315 new infections recording more than 300,00
Angehörige nehmen Abschied von einem Covid-19-Opfer.
© imago images/Hindustan Times, Hindustan Times via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Angesichts des Mangels an Sauerstoff und Medikamenten boomt der Schwarzmarkt im Land. Gerade Remdesivir, ein Medikament, das zur Behandlung von Covid-19 genutzt wird, wird für viel Geld angeboten. Lokale Politiker versuchen mittlerweile selbst Medikamente für ihre Wahlbezirke zu organisieren: "Das Problem ist: Wer hat bessere Kontakte? Deshalb sind Preise auch gerade so hoch und das ist problematisch", verdeutlicht die Journalistin.

Ähnlich sei es mit Sauerstoff. Für manche Einwohner geht beim Kauf von Medikamenten ihr gesamtes Erspartes drauf: "Ich war draußen und habe einen Herrn von der Apotheke getroffen, der eine Flasche Sauerstoff hatte. Für die hat er 200 Euro gezahlt. Das ist sehr sehr viel für indische Verhältnisse", sagt Mayroth. Dies beunruhige vor allem die Leute, die sich solche hohen Summen nicht leisten können: "Ich habe gestern mit jemanden gesprochen, der in Mumbai Sauerstoff organisiert und er meinte seitdem seine Nummer draußen ist, klingelt das Telefon nonstop."

Doch wie bei der ersten Welle zeige sich eine große Solidarität im Land. Von vielen Seiten werde sich um Hilfe bemüht.

Die Corona-Impfkampane in Indien läuft nur schleppend

 NEW DELHI, INDIA APRIL 24: Multiple funeral pyres of people who died of Covid-19 burning simultaneously at Gazipur crematorium on April 24, 2021 in New Delhi, India. Photo by Amal KS/Hindustan Times  Covid Death Toll Continues To Rise In India PUBLI
Mehrere Opfer der Corona-Pandemie werden gleichzeitig verbrannt.
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Neben der Mutation B.1.617 dürfte auch eine länger verbreitete Sorglosigkeit Grund der schnellen Verbreitung der Seuche sein. Es gab lange Massenveranstaltungen für anstehende Regionalwahlen und religiöse Feste, bei denen Menschen weder Masken trugen noch Abstand hielten. Nun folgt die Quittung: " Es gibt Wissenschaftler, die davon ausgehen, dass bis August eine Millionen Menschen an den Folgen von Corona sterben werden. Wir hoffen natürlich, dass es nicht so weit kommt", sagt die Reporterin. Jetzt wo die Weltgemeinschaft den Ernst der Lage gesehen habe, hoffe Indien auf Hilfe aus dem Ausland. Einige Länder haben bereits Hilfe angekündigt. Dazu gehören unter anderem Singapur, Großbritannien, die USA und auch die EU beteiligt sich.

Die Impfkampagne im Land lief zunächst schleppend. Durch die kritische Lage wollen sich nun aber viele Menschen impfen lassen, was zu langen Schlangen vor den Impfzentren führt. Indien hat mittlerweile 140 Million Dosen Impfstoff in die Oberarme gebracht. Ab Mai sollen bereits Leute ab 18 geimpft werden dürfen. Ein Plan, den Natalie Mayrot in der aktuellen Situation kritisch sieht: "Ich bin mir sicher, dass das etwas chaotisch wird, weil es jetzt gerade schon chaotisch ist, die Leute zu versorgen, die berechtigt sind."

Video: Wie Mutationen entstehen und sich verbreiten

Hygieniker Dr. Zinn: Die Lage in Indien muss beobachtet werden

In einem Interview mir RTL erklärte Hygieniker Dr. Zinn, was die indische Mutation B.1.617 für Deutschland bedeutet: "Der erste Schritt wäre erstmal zu gucken, wie wirksam unsere Impfstoffe gegen die indische Mutation sind. Wenn das nicht der Fall ist, hat Biontech-Chef Prof. Sahin schon ganz klar gesagt, er könne innerhalb von 6 Wochen die Impfstoffe anpassen."

Zudem sei es erforderlich die Reisebeschränkungen sowie die strengen Hygienemaßnahmen weiter einzuhalten und das Infektionsgeschehen in Indien extrem gut im Auge zu behalten. Nur so könne die Corona-Mutante aus Indien im Zaum gehalten werden. Die Lufthansa fliegt nach eigenen Angaben derzeit zehn Verbindungen pro Woche zwischen Frankfurt und Indien.