Krisentreffen im Kanzleramt

Merkel verteidigt AstraZeneca-Notbremse: „Wir müssen dem Impfstoff vertrauen können“

01. April 2021 - 8:54 Uhr

AstraZeneca-Wende in Deutschland - Bund und Länder einigen sich auf gemeinsame Linie

Kein AstraZeneca-Flickenteppich in Deutschland! Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern haben sich auf eine gemeinsame Linie geeinigt. Ab Mittwoch sollen demnach nur noch Personen ab 60 Jahren mit dem Wirkstoff von AstraZeneca geimpft werden. RTL-Politikchef Nikolaus Blome spricht von einem Schlag für die deutsche Impfkampagne. Am Abend traten Kanzlerin Merkel und Gesundheitsminister Jens Spahn vor die Presse. "Wir müssen dem Impfstoff vertrauen können", betonte die Kanzlerin und verteidigte den AstraZeneca-Stopp.

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Spahn im Video: Impfstoffe werden in Deutschland "akribisch überwacht"

Und wieder mussten sich Bund und Länder wegen dem britisch-schwedischen AstraZeneca-Impfstoff zu einem Krisentreffen zusammenfinden. Immerhin konnten sie sich auf eine gemeinsame Linie im Umgang mit dem Wirkstoff einigen: Ab Mittwoch soll das Präparat nur noch bei Menschen ab 60 Jahren eingesetzt werden. Unter 60-Jährige sollen sich "nach ärztlichem Ermessen und bei individueller Risikoanalyse nach sorgfältiger Aufklärung" weiterhin damit impfen lassen können.

Die Erkenntnisse der StiKo könne man "nicht ignorieren", sagte die Kanzlerin nach dem Treffen. Deshalb habe man nach Rücksprache mit Medizinern so entscheiden müssen. Damit bestätigen Merkel und die Regierungschefs der Länder einen vorherigen Beschluss der Gesundheitsminister.

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Kanzlerin würde sich impfen lassen, wenn dran kommt

Zum weiteren Vorgehen sagte Merkel: "Wir werden Veränderungen an den Lieferplänen vornehmen müssen." Die Gesundheitsminister hätten bereits erste Empfehlungen abgegeben, was dieses Thema betreffe. Bei vielen Menschen sei das Vertrauen in AstraZeneca erschüttert. Man wolle aber "durch Transparenz, durch Information und durch Klarheit" dieses Vertrauen wiederherstellen. Man lerne jeden Tag etwas Neues über den "Charakter der Impfstoffe", fügt sie hinzu.

Auf die Nachfrage, ob sie sich nun mit AstraZeneca impfen lässt, antwortete die Kanzlerin: "Wenn ich dran bin, lasse ich mich impfen, auch mit AstraZeneca", so Merkel. Sie müsse aber noch abwarten, wie Berlin das handhabt.

Gesundheitsminister Spahn dankt den Experten für die sorgfältige Überprüfung. Der CDU-Politiker betont jedoch die Wirksamkeit des AstraZeneca-Impfstoffs. Unter den Jüngeren könne jeder selbst nach Rücksprache mit einem Arzt entscheiden, ob man sich impfen lassen möchte. Spahn zeigte sich zudem überzeugt, dass im Laufe des dritten Quartals jedem eine Impfung angeboten werden könne. "Nur die Kinder noch nicht", fügte Merkel hinzu.

StiKo reagiert nach Nebenwirkungen durch AstraZeneca-Impf

Grundlage der StiKo-Empfehlung seien derzeit verfügbare Daten zum Auftreten "seltener, aber sehr schwerer thromboembolischer Nebenwirkungen". Diese seien 4 bis 16 Tage nach der Impfung ganz überwiegend bei Personen im Alter unter 60 Jahren aufgetreten, teilte das beim Robert Koch-Institut (RKI) angesiedelte Gremium mit. Dabei geht es um Auffälligkeiten mit Fällen von Blutgerinnseln (Thrombosen) in Hirnvenen in zeitlichem Zusammenhang zu Impfungen, die vor allem bei jüngeren Frauen gemeldet wurden.

Einige Bundesländer, Kommunen und Kliniken hatten Impfungen mit Astrazeneca bereits für unter 60-Jährige ausgesetzt.

CSU-Chef Markus Söder plädiert für pragmatische Lösung

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder warnte in der Bund-Länder-Runde vor einem AstraZeneca-Desaster, wie RTL aus Kreisen erfuhr. Er habe bei dem ganzen "Hin und Her" kein gutes Gefühl und plädiert dafür, den Impfstoff bei der Priorisierung freizugeben. Man müsse "irgendwann mit sehr viel Freiheit operieren" und sagen: "Wer will und wer sich's traut, der soll auch die Möglichkeit haben." Die StiKo habe sich aber gegen einen solchen Umgang mit dem Impfstoff ausgesprochen.

Auch 60-69-Jährige sollen geimpft werden können

Laut dem Beschluss der Gesundheitsminister soll es den Ländern aber frei stehen, auch jetzt schon die 60-69-Jährigen für das Mittel von AstraZeneca mit in ihre Impfkampagnen einzubeziehen. "Dies gibt die Möglichkeit, diese besonders gefährdete und zahlenmäßig große Altersgruppe angesichts der wachsenden 3. Welle nun schneller zu impfen", erläutern die Ressortchefs. Derzeit laufen generell Impfungen in den ersten beiden Prioritätsgruppen, zu denen - bezogen auf das Lebensalter - Menschen ab 70 Jahre gehören.

Wenn Menschen unter 60 sich gemeinsam mit einem impfenden Mediziner für AstraZeneca entscheiden, sollen diese Impfungen grundsätzlich in den Praxen der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte erfolgen.

Europäische Arzneimittel-Agentur hatte AstraZeneca freigegeben

Deutschland - und zahlreiche andere Staaten - hatten die Impfung mit dem AstraZeneca-Stoff bereits Mitte März vorübergehend ausgesetzt. Danach aber wurde das Präparat wieder verabreicht. Zuvor hatte auch die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA die Sicherheit des Vakzins bekräftigt, auch die StiKo hatte sich für eine weiteren Einsatz den Mittels ausgesprochen. Anfangs war der Impfstoff in Deutschland nur für 18- bis 64-Jährige empfohlen worden, da für Ältere nicht genügend Studiendaten verfügbar waren.

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