Immer wieder bekommen wir Punkt-12-Reporter verzweifelte Hilferufe von Familien, deren Kinder vom Jugendamt in Obhut genommen werden sollen – also raus aus der Familie. Diese Fälle sind immer hoch emotional – doch dieser hier ist für mich einzigartig. Ich bin ins polnische Bytòw gefahren, eine Kleinstadt in der Nähe der polnischen Ostsee. Hier lebt eine deutsche Familie seit über zwei Jahren – illegal aus Sicht von deutschen Behörden.
O-Ton Anke Reichardt
„ Das Brisante ist….die Familie hat rechtswidrig die Kinder aus dem Land verbracht, dass die polnische Seite den Fall erneut geprüft hat und zu einem ganz anderen Ergebnis gekommen sind als die deutsche Seite.“
Ich besuche den 47-jährigen Daniel und die 44-jährige Monika Mori in ihrem Haus, in dem sie zur Miete wohnen. Die Kinder, die 13jährige Sophie und den 16jährigen Joel, zeigen wir zu ihrem Schutz nicht offen, aber später wollen auch sie mit mir sprechen.
Auf der Flucht seien sie nicht, sagen mir die Eltern – aber nach Deutschland wollten sie vorerst nicht zurückkehren. Im Gespräch wirken beide auf mich sehr angespannt, fast ängstlich, etwas Falsches zu sagen. Sie erzählen mir, wie alles begonnen habe.
O-Ton Daniel Mori
„ Das war in der Corona Pandemie, wo wir eben diesen Lockdown auch hatten. Wir sind viel aufeinander gesessen, die Arbeiten fielen weitestgehend weg, die Kinder waren sehr viel zu Hause. (…) Ich will es nicht verharmlosen, dass wir uns stark gestritten haben und wir jetzt in große Details reinzugehen. Aber es wäre jetzt nicht so gewesen, dass er sagt, man muss jetzt die Kinder unbedingt mitnehmen. Es wäre auch noch der Opa da gewesen, der das hätte abfedern können, das war aber gar keine Option.“
Die Familie habe sich selbst ans Jugendamt gewandt, auch Nachbarn hatten offenbar anonym von Streitigkeiten und auch Gewalt unter den Eltern berichtet. Die Familienhilfe unterstützt. Dann habe das Jugendamt 2020 entschieden, die Kinder vorübergehend aus der Familie zu nehmen. Sie kommen in ein Kinderheim. Die Eltern hätten in dieser Zeit, so erzählen sie mir, eng mit dem Jugendamt zusammengearbeitet, sich auch einer Paarberatung unterzogen – alles, um ihre Kinder zurückzubekommen, was nach gut vier Monaten auch genehmigt wird.
Doch dann - drei Jahre später - habe plötzlich ein Gutachten auf dem Tisch gelegen.
O-Ton Daniel Mori
„ …Das Gutachten ist ein Vernichtungsgutachten, und zwar in allen Facetten. Dieses Gutachten hat uns hilflos gemacht. Es hat uns sämtlicher Stimme beraubt und sämtlicher Glaubwürdigkeit vor Gericht und das hat mich wütend gemacht.“
Es habe zwischendurch erneute anonyme Meldungen an das Jugendamt gegeben, so eine Begründung. Dabei haben auch Jugendamtsmitarbeiter zuvor viel Positives über die Familie berichtet, wie ich selbst nachlesen kann. Trotzdem wird erneut eine Inobhutnahme angeordnet, diesmal offenbar unbegrenzt. Die Moris wollten in einen letzten gemeinsamen Urlaub nach Polen fahren, behaupten sie.
O-Ton Monika Mori
„ Ich war davon fest überzeugt, dass wenn wir zurückgehen, sie uns alles wegnehmen., das Sorgerecht, das Aufenthaltsbestimmungsrecht, Umgangsrecht, Sorgerecht. Ich war davon überzeugt, dass wir die Kinder nie wieder sehen. Die haben über Jahre gesagt, was sie wollen und Leute sagen, das meinen die Kinder nicht ernst..deswegen war es eher Wut…aber es gab keine Alternative. (…) Die Familie sollte zerstört werden und das musste um jeden Preis verhindert werden.“
Nach deutschem Recht sind die Kinder widerrechtlich in Polen. Das deutsche Jugendamt wendet sich an die polnischen Behörden. Die wollen sich selbst einen Eindruck verschaffen.
Vorübergehend kommen die Kinder vor Ort zu einer Pflegemutter, doch dann entscheidet ein Gericht im polnischen Danzig völlig anders als das in Straubing: Sophie und Joel dürfen bei ihren Eltern bleiben, auch in Polen zur Schule gehen – die Familie darf bleiben.
Eine verwirrende Situation. Ich will versuchen zu vermitteln, und wende mich erst einmal an den polnischen Anwalt der Familie. Der verweist auf den angeblich schlechten Ruf deutscher Jugendämter in Polen.
O-Ton Pawel Szmurło, Rechtsanwalt in Polen
Original:
„ I have seen the documents, from the case, before the first instance. And they were when I was admitted, they were surprising because everything went well for family and memory or the experts had a good opinion about them, had good opinion about their skills as parents.
And they had some very minor incidents in the past, but it sounded to me like a one case event before the verdict on the first instance.“
„Ich habe die Unterlagen aus dem Fall vor der ersten Inobhutnahme gesichtet und die waren ehrlich gesagt überraschend, weil eigentlich alles gut für die Familie Mori lief. Alle Experten äußerten sich positiv, die Eltern seien erziehungsfähig gewesen. Sie hatten ein paar Probleme in der Vergangenheit aber das klang eher nach einem Einzelfall, nicht nach einem generellen Familienproblem.“
„ The most important issue was that well-being of the children and they had no problems and I think this is why they won at the very end.“
Am Allerwichtigsten war, dass es den Kindern gut gehen sollte und man stellte hier in Polen keinerlei Auffälligkeiten oder Probleme fest. Ich glaube auch, dass sie deshalb schlussendlich vor Gericht gewonnen haben.“
Die deutschen Behörden wollen eine erneute Anhörung der Kinder – auf deutschem Boden. Für die Moris undenkbar. Zu groß ist die Sorge vor einer nachträglichen Inobhutnahme ihrer Kinder.
Auch ich bin Mutter und mir geht dieser Fall nah. Wir holen Sophie von der Schule ab, zu ihrem Schutz zeigen wir sie nicht offen.
O-Ton Sophie Mori, geht in die 5. Klasse einer Grundschule in Polen
„ Wie ist es für dich…Ist es schön, mit mir Deutsch zu sprechen..? Ja ist schon schön..ist schwierig..weil die Sprache etwas schwierig ist..ich würde es schön finden, wenn ich deutsche Freunde hier zu Besuch sind..aber in Deutschland mit den Freunden eher nicht.“
Ich merke, dass sie sehr belastet, was in Deutschland passiert ist. Warum ihre Eltern Probleme mit dem Jugendamt hatten oder sie ins Heim musste, habe sie nie richtig verstanden, sagt sie mir. Sophie geht zweimal pro Woche zur Polnisch-Nachhilfe, ich begleite sie.
Nach Sophie hat ihr Bruder Nachhilfe, der 16-jährige Joel. Er kommt hier gut zurecht, erzählt er mir, habe Freunde gefunden und sei froh, dass er bei seinen Eltern bleiben darf.
O-Ton Joel Mori, geht in Polen zur Schule
„ In Deutschland wurde ich paar Mal… hat mir normale Fragen gestellt, hat mich normal reden lassen…was ich sagen möchte, ob ich was hinzufügen möchte.“…Richtig gehört wurde ich das erste Mal in Polen.“
Ich frage mich: Warum musste es so weit kommen, dass eine Familie aus Deutschland nach Polen zieht, nur um zusammen zu bleiben?
Eins ist mir aber auch wichtig an dieser Stelle zu sagen: In Deutschland werden täglich tausende Kinder misshandelt. Auch wir müssen immer wieder über Fälle berichten, bei denen wir uns fragen, warum hier nicht früher jemand hingeschaut hat. Wir brauchen Jugendämter und Familiengerichte, die unsere Kinder schützen. Doch was ist nun hier das Beste für die Kinder – und wie soll es weitergehen? Ich bitte die beteiligten Behörden in Deutschland um Stellungnahme. Das Oberlandesgericht Nürnberg antwortet mir, dass das Verfahren noch nicht abgeschlossen sei.
Justizpressestelle OLG Nürnberg, Leiterin Tina Haase
„Wir bitten um Verständnis, dass es uns als Gerichtspressestelle nicht möglich ist, wertende Angaben zu einer im Ausland getroffenen Entscheidung zu machen.“
Daniel und Monika Mori arbeiten im Homeoffice für deutsche Firmen, erzählen sie mir, auch die Kinder hätten sich an den Alltag in Polen gewöhnt. Ich verstehe, dass die Moris die Rückkehr nach Deutschland scheuen. Die Kinder könnten sofort in Obhut genommen werden, den Eltern könnte sogar Ordnungshaft drohen. Aber ich finde, dass für die Kinder jetzt auch Stabilität und eine Perspektive her müssen.
O-Ton Daniel Mori „ Was wünschen Sie sich durch die Öffentlichkeitsarbeit?
„ Letzten Endes wäre es gut, wenn man mal nach Deutschland reisen könnte, als Besuch und dann wieder zurückkommen.“
Und dann, ganz am Ende meiner Dreharbeiten, gibt es immerhin einen kleinen Fortschritt. Die Moris hatten über ihren Anwalt gefordert, dass ihre Kinder von deutschen Behörden über Videoschalte angehört werden sollen. Das soll jetzt tatsächlich passieren. Ich kann nicht beurteilen, wer in diesem Fall Recht hat und wer nicht, das steht mir auch nicht zu. Aber ich drücke vor allem Sophie und Joel die Daumen, dass in diese verfahrene Situation endlich etwas Ruhe einkehrt.