Grünen-Chefin Annalena Baerbock auf Sommertour

Merkel in Grün: Kann Annalena Baerbock Kanzlerin?

07. August 2020 - 10:14 Uhr

von Philip Scupin

Zehn Minuten reden sie schon, der Leiter der Oberförsterei und der Waldbrandschutzbeauftragte. Doch Annelena Baerbock hat immer noch ein paar Fragen. Wie lang ist der Brandschutzstreifen genau? Warum häuften sich die Feuer hier in der Gegend zuletzt? Die Grünen-Vorsitzende ist in ihrem Element. So geht das eigentlich den ganzen Tag, wenn man mit ihr unterwegs ist. Im Umspannwerk von "50Hertz" in Neuenhagen bei Berlin, im Waldbrandgebiet der Lieberoser Heide im Süden Brandenburgs: Annalena Baerbock hört zu und fragt und hört zu und fragt und hört noch mal zu. Der straffe Zeitplan an diesem ersten Tag ihrer Sommertour fällt ständig in sich zusammen. Die Bilder ihres Waldbesuchs – in unserer Videoreportage oben.

Baerbock gilt als Inhalteherz der Grünen

dpatopbilder - 04.08.2020, Brandenburg, Lieberose: Andreas Meißner, Geschäftsführer der Stiftung Naturlandschaften, unterhält sich mit Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen, am Rand eines verbrannten Moores in der Lieberoser Heid
Annalena Baerbock auf Sommerreise in Brandenburg
© ZB, Patrick Pleul, ppl

So eine Tour soll immer auch Aufmerksamkeit erzeugen. In der nachrichtenschwachen Zeit zeigen: Hey, liebes Volk, ich, der Politiker, höre euch gerade auch in der Sommerpause zu. Das Erstaunliche bei Baerbock aber ist: Ihr geht es in Brandenburg offenbar wirklich mehr darum als um knallige Bilder. Sie ist mit ihren Alltags-Ballerinas in den Wald gekommen – nicht gespielt volksnah in Wanderstiefeln. Sie klopft dem Oberförster nicht spontan auf die Schulter und krault seinem Hund nicht kameratauglich das Fell. Das hat den Nachteil, dass sie in ihrer Außenwirkung distanzierter rüberkommt als sie ist. Aber es hat den Vorteil, dass sie aufmerksam ist. Nicht umsonst gilt die 39-jährige Baerbock als das inhaltliche Herz der Grünen-Spitze – und nicht Robert Habeck, der andere Parteivorsitzende.

Auf Merkels Spuren?

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Heute habe ich Orte in #Brandenburg besucht, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Und doch lassen sie sich unter dem Dach unserer Sommertour vereinen: „zu achten und zu schützen“. In der Lieberoser Heide sollen Brandschutzschneisen & Löschbrunnen gegen Waldbrände helfen, von denen es in Brandenburg jedes Jahr etwa 500 bis 600 gibt — unter anderem auch bedingt durch die zunehmende Trockenheit der Klimakrise. Eine solche Schneise, wie ich sie heute besucht habe, zu pflegen ist aufwändig. Aber es schützt Natur und Bevölkerung. Helfen würden Löschflugzeuge, die vom ehemaligen russischen Militärflugplatz in #Welzow starten und in 10 Minuten die Lieberoser Heide im Krisenfall erreichen könnten. Diese Idee im Rahmen der europäischen Löschflugzeugstaffel des „rescEU“-Programms zu verwirklichen sollte die Bundesregierung dringend unterstützen. Wir leisten uns in den Städten & Gemeinden ja auch eine Feuerwehr, in der Hoffnung, dass es nicht brennt. Im Pinnower See dagegen ist das Wasser knapp: Seit Jahren sinkt der Pegel — und das obwohl seit Kurzem sogar Wasser in den See eingeleitet wird. Seit Jahren verzeichnen Gewässer in der Umgebung des Tagebaus Jänschwalde (Landkreis Spree-Neiße) einen massiven Wasserrückgang. Um die Braunkohle im Tagebau Jänschwalde abbauen zu können, müssen über 100 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr abgepumpt werden. Der Tagebau rückt immer näher an die natürlichen Seen heran, daher wird der Wasserverlust immer stärker. Im schlimmsten Fall ist dieser Schaden nicht rückgängig zu machen. Dies wäre ein trauriges Beispiel dafür, dass Vorsorge besser ist als Nachsorge. Die Coronakrise macht sehr deutlich, dass wir verwundbar sind. Wir müssen Sicherheit neu definieren. Sie wird an so vielen Orten gebraucht, zum Beispiel bei der Stromversorgung. Die nötige Digitalisierung macht uns verwundbarer, aber zugleich auch durch mehr Dezentralität und Erneuerbare sicherer. Gut, dass der nordostdeutsche Übertragungsnetzbetreiber sich als Ziel gesetzt hat bis 2032 100 Prozent erneuerbar zu sein. Ich werde noch mehr solcher sensibler Orte besuchen. Eine Lehre, die wir aus Corona ziehen sollten ist es, diese Orte besser zu schützen. 📷 @dominikbutzmann

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Fachsimpelei statt großem Auftritt, Wissen statt Show: Diesen Politikansatz hat Baerbock mit einer Frau gemeinsam, die ihn zu ihrem Erfolgsgeheimnis gemacht hat: Angela Merkel. Baerbock in den Fußstapfen der Kanzlerin? Auf unsere Frage, ob sie so detailverliebt sei wie Merkel, muss Baerbock schmunzeln und sagt nur: "Der Teufel liegt im Detail. An diesem Sprichwort ist wirklich was dran und deshalb ist es mir auch wichtig, Details zu kennen." Merkel hat ihr Fachwissen oben gehalten. Nach oben gebracht hat sie aber ihr unbedingter Machtwille. Hat die Grünen-Chefin den auch?

Habeck bleibt Favorit auf Kanzlerkandidatur

Spätestens 2021 werden wir es wissen, denn dann müssen die Grünen klären, ob sie einen Kanzlerkandidaten oder eine -kandidatin aufstellen. Und: Wer das sein wird. Habeck ist der Favorit. Im Gegensatz zu Baerbock steht er auf den großen Auftritt. Dabei aber macht er in seiner Flapsigkeit Fehler. Zuletzt behauptete er, die Bankenaufsichtsbehörde BaFin sei gut darin, Mittelständlern falsch gebuchte Handwerkerrechnungen nachzuweisen. Dabei ist sie dafür gar nicht zuständig. Seine Instagram-Fotos, die ihn auch mal beim Kuscheln mit Wildpferden zeigen, finden einige Parteifreunde peinlich.

Ob sie ein Foto mit dem Försterhund machen wolle, wurde Baerbock im Brandenburger Wald gefragt. Ihre Antwort: "Politiker und Tiere kommt gerade nicht so gut." Eine nicht böse gemeinte Spitze gegen Habeck.

Kandidatur bei Grünen weiter offen

Die Kanzlerkandidaten-Frage blocken beide weiter ab. Baerbock sagt in unserem Gespräch in Brandenburg: "Wir werden definitiv nicht jetzt, wie andere, um irgendwelche Personenfragen kreisen." Gemeint sind CDU und CSU, die schon ordentlich über mögliche Kanzlerkandidaten diskutieren. Die Grünen-Chefin mag noch nicht einmal verraten, nach welchen Kriterien sie und Habeck entscheiden werden, ob überhaupt einer von ihnen antritt. "Das wichtige an Kriterien ist, dass diejenigen, die es entscheiden, die Kriterien für sich wissen, aber wenn man die vorher in die Welt hinausposaunt, dann ist es ja nicht mehr spannend." Ein schöner Schachtelsatz. Er hätte von Angela Merkel sein können.

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