5 Jahre „Wir schaffen das“ Syrer macht Einserabitur sechs Jahre nach Flucht

„Wir schaffen das“: Diesen inzwischen historischen Satz sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am 31.08.2015 und meinte damit die Bewältigung der Flüchtlingskrise. Ein junger Syrer aus Berlin sagt heute: Ja, wir haben es geschafft und zwar alle gemeinsam. Fünf Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland hat er ein Einserabitur gemacht.
Lehrerin Luise Kloss: Ammar hat Wissen aufgesaugt "wie ein Schwamm"
„Mach weiter so, du wirst immer besser“ steht unter einer alten Klassenarbeit, die Ammar Abo Hwach mitgebracht hat. Eine Drei bekam der Syrer damals für seine Leistung. Das war 2016. Im Juli dieses Jahres überreichte ihm Bundesfamilienministerin Franziska Giffey in Berlin sein Abiturzeugnis. Gesamtnote: 1,1. Geschafft hat Ammar das mit, kann man schon sagen, preußischer Disziplin, einem eisernen Willen und viel Hilfe von anderen.
Anfang 2014, während der Bürgerkrieg in Syrien tobte, verließ Ammar mit seiner Familie seine Heimat Homs. Sie kamen in der Türkei unter, doch dort wollte Ammar nicht bleiben. Er schlug sich allein bis nach Zypern durch, blieb dort ein Jahr, schaffte es 2015 irgendwie nach Berlin, wo die Familie seiner Mutter schon seit 20 Jahren lebt. Seine Eltern und die Geschwister kamen ein Jahr später nach.
Anfangs sei es für ihn schwer gewesen, sagt der 20-Jährige. „Ich habe mich ausgegrenzt gefühlt, auch wenn mich keiner ausgrenzen wollte, aber ich konnte mich nicht richtig ausdrücken, meine Gefühle nicht richtig ausdrücken. Es gab sehr viele Missverständnisse und das hat mich traurig gemacht.“ Also setzt er alles daran, möglichst schnell Deutsch zu lernen. Ammar hat Glück. Er kommt in der „Willkommensklasse“ am Neuköllner Albert-Schweitzer-Gymnasium unter, ist fleißig und schafft es schnell in eine Regelklasse.
Für seine Lehrerin Luise Kloss ist Ammar der erste Schüler aus der Förderklasse für Flüchtlinge. Sie habe sich am Anfang große Sorgen gemacht, sagt sie, weil das Sprachniveau noch sehr niedrig gewesen sei und sie keine Erfahrungen damit gehabt habe. Doch Ammar macht es ihr leicht, saugt alles neue Wissen „wie ein Schwamm auf“, nutzt jedes ihrer Lernangebote, liest alle ihre Randkommentare, reicht immer wieder freiwillig Texte ein und sucht das persönliche Gespräch.
DIW: Viele Syrer und Iraker gehörten schon in der Heimat zur Bildungs-Schicht
Doch nicht nur seine Lehrerinnen und Lehrer haben Ammar gefördert, auch von seinen Mitschülerinnen und Mitschülern habe er viel Hilfe erfahren. Zwei von ihnen hätten anfangs täglich ein bis zwei Stunden mit ihm telefoniert, „damit ich meine Sprachkenntnisse fördern kann“, erzählt Ammar. So arbeitete er sich von einer 3,4 in der 9. Klasse hoch zu einer 2, 1 in der 10. Klasse bis zu seiner Abiturnote von 1,1.
Mit seiner Top-Leistung ist Ammar an seiner Schule nicht allein. Neben ihm haben drei weitere Menschen mit Fluchtbiografien extrem gute Abschlüsse gemacht – vielleicht weil sie, wie Ammar, schon in ihren Herkunftsländern zur höher gebildeten Schicht gehörten.
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung haben in mehreren Studien untersucht, mit welchen Bildungshintergrund die 2015 nach Deutschland Geflüchteten gekommen sind. Ergebnis: Die meisten gehörten schon in ihren Ländern zur gebildeteren Hälfte. So zählen beispielsweise 75 Prozent der nach Deutschland geflüchteten Syrerinnen und Syrern in ihrer Heimat zur höher gebildeten Bevölkerungshälfte, bei den Geflüchteten aus dem Irak sind es 53 Prozent. Insgesamt zieht das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) eine weitgehend positive Zwischenbilanz zur frühen Phase der Integration von Geflüchteten.
„Die Entscheidung, die Grenzen nicht zu schließen und den Flüchtlingen zu helfen, war richtig“
Thomas de Maizière war 2015 Bundesinnenminister, als fast 900.000 Menschen die Zuflucht in Europa suchten, davon mehrere Hunderttausend in Deutschland. Fünf Jahre später ist er weiterhin von seinem Handeln überzeugt: „Die Entscheidung, die Grenzen nicht zu schließen… und den Flüchtlingen zu helfen, war richtig“, sagt er im Interview mit RTL. Das ganze Interview sehen Sie im Video.
"Ja, wir haben es geschafft. Alle zusammen“
Karin Kullick, Schulleiterin am Albert-Schweitzer-Gymnasium ist sehr stolz auf das, was ihre Schützlinge erreicht haben. Sie hatte das Konzept der „Willkommensklasse“ vor fünf Jahren an ihrer Schule initiiert, um den Kindern und Jugendlichen wieder eine Struktur zu geben und sie über das Erlernen der deutschen Sprache „zu einem Teil der Gesellschaft zu machen“. Das sei nicht immer einfach gewesen. „Manchmal war die Schulaffinität nicht da, viele waren noch mit ihrer Flucht beschäftigt.“ Wieder andere fehlten, weil sie für die Eltern bei Amtsbesuchen übersetzen mussten. „Da bin ich auch schon mal los mit dem Fahrrad und hab sie geholt“, erzählt Kullick lachend. Sie findet: Ja, wir haben es geschafft. Alle zusammen.“
Ammar sieht das genauso. Er will nun erstmal ein Freiwilliges soziales Jahre machen. Um mal wieder etwas Freizeit zu haben, sagt er. Anschließend möchte er in Berlin Medizin studieren und seine Familie unterstützen.
Luise Kloss, Ammars Lehrerin, ist stolz auf seine Leistungen. Den Satz „Wir schaffen das“ habe sie nie in Zweifel gezogen. Wenn man sich mit Menschen beschäftige, schaffe man es auch, etwas aufzubauen. Sie sieht das Ganze ohnehin vielmehr als Prozess. „Einige haben es jetzt schon geschafft und andere sind noch im Prozess und da müssen wir einfach weiter dranbleiben.“
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