Aktionswoche Alkohol will wachrütteln

Alkohol im Job: Kollegen leiden häufig mit

© imago/Westend61, imago stock&people

18. Mai 2019 - 17:01 Uhr

Gravierende Folgen von Alkohol am Arbeitsplatz

Der Kollege riecht nach Alkohol und jeder weiß, dass er reichlich trinkt. Das Problem: Der Elektriker hantiert auch in nicht-nüchternem Zustand mit Starkstrom und wird immer mehr zum Risiko für alle im Unternehmen. Woanders ist eine Verwaltungsangestellte ihrer Aufgabe als Gruppenleiterin nicht gewachsen, sie greift zum Alkohol, arbeitet noch schlechter und ist nicht mehr entscheidungsfähig. Ihr Verhalten bietet reichlich Gesprächsstoff in ihrem Arbeitsumfeld, das Team funktioniert nicht mehr. Zwei Fälle, die Arbeitsmedizinerin Adelheid Kraft-Malycha schildert. "Eine Fülle von Arbeitsenergie wird dadurch lahmgelegt", sagt sie.

10 Prozent der Beschäftigten trinken zu viel

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) geht davon aus, dass bis zu 10 Prozent der Beschäftigten bundesweit - vom Azubi bis zum Chef - Alkohol in problematischen Mengen trinken. In der Gesamtbevölkerung seien es rund 15 Prozent mit riskantem Alkoholkonsum.

"Wir haben es mit erheblichen Ausmaßen zu tun. Es ist wichtig zu handeln - für Betriebe und für uns als Gesellschaft", betont Peter Raiser von der DHS, die die Aktionswoche Alkohol ins
Leben gerufen hat, in diesem Jahr ab dem 18. Mai mit dem Schwerpunkt "Kein Alkohol am Arbeitsplatz".

Auf Warnsignale achten

"Gefährdet sind alle gleichermaßen, Mitarbeiter wie Vorgesetzte", betont Kraft-Malycha, Leitende Ärztin der Arbeitsmedizinischen und Sicherheitstechnischen Dienste in Dortmund.

Jobs mit hohem Stressfaktor oder leichtem Zugang zu Rauschmitteln - Kliniken, Gastronomie oder Nahrungsmittelproduktion - könnten Alkoholkonsum womöglich befördern. Gravierende Folgen alkoholbedingter Fehler drohten vor allem bei sensiblen Tätigkeiten oder in Hochsicherheitsbereichen.

Aber wie erkennt man, dass Mitarbeiter problematisch trinken? Als Warnsignale nennt Kraft-Malycha: "Jemand reagiert überaffektiv, ohne ersichtlichen Grund stark aufbrausend, beleidigend auch gegenüber Kunden. Das äußere Erscheinungsbild ändert sich von ungepflegt bis überkandidelt."

Suchtexperte Raiser stellt klar: "Alkohol am Arbeitsplatz ist ein Sicherheitsrisiko. Schon geringe Mengen führen zu sinkender Konzentration, zu abnehmender Leistungsfähigkeit und erschweren die Koordination." Die Unfallgefahr steige, nicht nur beim Bedienen von Fahrzeugen oder Maschinen. Die Qualität der Arbeit leide.

Alkohol verursacht Kosten in Milliardenhöhe

Trinkt ein Kollege zu viel Alkohol, ist er nicht der einzige Geschädigte. Denn: Andere Mitarbeiter müssen dessen Ausfälle häufig auffangen. Die Fehlzeiten bei Beschäftigten mit Alkoholproblemen
liegen durchweg deutlich höher als bei den anderen, weiß Raiser.

Jährlich komme es zu sozialen Kosten in zweistelliger Milliardenhöhe vor allem durch alkoholverursachte Produktionsausfälle und Ausgaben im Gesundheitswesen.

Alkohol in der Arbeitszeit werde zu häufig toleriert, kritisiert Kraft-Malycha. Beispiel Geschäftsessen: "Es gibt einen Aperitif, zwei drei Gläser Wein passend zum Gang, einen Digestiv - da werden womöglich weitreichende Entscheidungen bei 1,0 Promille getroffen."

Video: Alkohol in der Schwangerschaft

Wie fatal es für das Baby sein kann, wenn die Mutter während der Schwangerschaft Alkohol trinkt, zeigen wir im Video.

"Alkohol hat am Arbeitsplatz nichts zu suchen"

"Warum wird mit Sekt angestoßen - und nicht mit Schorle oder Kaffee? Alkohol hat am Arbeitsplatz nichts zu suchen. Schon ein Glas Sekt oder Bier verlangsamt die Funktion des Gehirns."

Raiser spricht von einem Tabuthema, aber auch einem wachsenden Bewusstsein: "Immer mehr Unternehmen haben die Risiken erkannt, gehen Prävention an oder machen Hilfeangebote." Vor allem bei mittleren und kleinen Betrieben sei noch viel zu tun.

Falle im Betrieb auf, dass jemand heimlich trinkt und alkoholisiert arbeitet, solle man das ansprechen, appelliert der stellvertretende DHS-Geschäftsführer. "Je früher, desto besser. Das sagen auch ehemalige Alkoholabhängige."


Quelle: DPA/ RTL.de​