RTL-Reporter analysiert Vernehmungsvideo Darf Gina H. im Fabian-Prozess die Unwahrheit sagen?

Warum hat Gina H. in ihrer ersten Polizeivernehmung das meiste von dem verheimlicht, was sie jetzt vor Gericht vorgetragen hat? Hat sie Zeugen geschützt oder sind zahlreiche vermeintliche Zufälle und Widersprüche ein Beleg für eine konstruierte Geschichte? Was sind die neuen Erkenntnisse im Verfahren?
Kommt jetzt noch mehr von Gina H.?
„Nicht nur gucken, auch liken“ – mit dieser Aufforderung und einem Zwinkersmiley wirbt Gina H. in ihrer Instagram-Bio um Aufmerksamkeit. Dazu schreibt sie knapp: „29 Jahre, alleinerziehende Mama von einem tollen Sohn, Pferde & Hund“. Ihren 30. Geburtstag feierte sie inzwischen in Haft. Mithäftlinge sollen ihr einen Kuchen gebacken haben – eine Geste, die sie gerührt habe. Online konnte sie ihr Alter seitdem nicht mehr aktualisieren.
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Ihr Instagram-Profil dürfte das einzige sein, das seit ihrer Festnahme ruht: Fabians Vater Matthias R. kümmert sich zweimal täglich um ihre Pferde, erledigt Besorgungen für ihre betagten Großeltern und besucht sie nach RTL-Informationen weiterhin in der JVA Bützow – zuletzt am 27. August. Vor Gericht gab ihr Cousin am Freitag an, noch immer Bürge für ihren fünfstelligen Umschuldungskredit zu sein. Während ihr Umfeld ihren Alltag organisiert, steht Gina H. nun vor einer ganz anderen Entscheidung: Beantwortet sie vor Gericht erstmals Fragen?

Gina H. erklärt sich – zunächst auf Papier
Über 21 Prozesstage hinweg hat sich die Angeklagte zurückgelehnt, mit dem Kopf geschüttelt und mit ihren Verteidigern getuschelt – kein Wort zu den schweren Mordvorwürfen. Damit ist jetzt Schluss: Auf 95 Seiten hat sie ihre Version des Leichenfunds dargelegt und Zeugen schwer belastet. So soll sie beispielsweise ihr Bekannter Christian D. am 13. Oktober 2025 zum Tümpel geführt haben, an dem Fabian tot lag. Eine Retourkutsche für seine Aussage, Gina H. habe ihn zielstrebig zum Tatort geführt?
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Aussage gegen Aussage – möchte man meinen. Doch Gina H.s Ausführungen sind zum Teil leicht überprüfbar. So ist bereits vor Gericht belegt, dass die Angeklagte Christian D. an diesem Tag eine Sprachnachricht schickte und für die abendliche Suche nach Fabian den Ort Klein Upahl selbst ins Spiel brachte. An diesem Ort will sie sich laut Einlassung aber nicht ausgekannt haben. Wie kam sie dann auf die Idee?
Nach eigener Aussage sei sie nie bei der Jagd gewesen, während ihr Cousin sich sicher ist, dass sie ihren Großvater, selbst Jäger, mehrfach begleitete. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft könnte sie deswegen den späteren Tatort als „Schweinekuhle“ gekannt haben. Noch gravierender: Gina H. hat während der polizeilichen Ermittlungen mehrfach neue Varianten erzählt, wie sich seit Fabians Verschwinden alles zugetragen habe. Davon gibt es sogar einen Videobeweis: Ihre erste Vernehmung nach ihrer Meldung des Leichenfunds ist dokumentiert und wurde während der Verhandlung in voller Länge vorgespielt.
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Gina H.s Versionen treffen auf die Ermittlungsakte im Fall Fabian
In drei Stunden und 15 Minuten intensiver Befragung am 14. Oktober 2025 hat Gina H. viel gesprochen, fast wie ein Wasserfall, hat geschmunzelt, gelächelt und wirkte auffallend gefasst. Kann jemand nach dem Tod einer geliebten Person – immerhin war Fabian ihr Stiefsohn – in so einer Verfassung sein? Und wieso erwähnt sie den grausamen Leichenfund in den ersten 50 Minuten der Vernehmung nicht ein einziges Mal?
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Die Verteidigung hatte im Vorfeld noch versucht zu verhindern, dass das Video im Gerichtssaal abgespielt wird. Außerdem auffallend: Sie nennt Fabian nicht beim Namen, sondern betont mehrmals am Tümpel „es“ bzw. „das“ gefunden zu haben, bei einem „verf*** Scheiß-Zufall“. Nur gelegentlich wirkt sie angespannt: Dann presst sie Daumen und Ringfinger der linken Hand zusammen. Ungeduldig weist sie die Polizisten zurecht, dass sie endlich nach Hause wolle und noch Sachen erledigen müsse. Sie geht einen Schritt weiter: „Das Universum wird sich denken, warum ausgerechnet ich ihn finden musste“.
In ihrer ersten Geschichte spielt nur ihre Freundin Heike M. eine Rolle. Sie hätten Fabian bei einem Spaziergang gefunden, weil die Hunde ausgerissen und zum Tümpel gelaufen seien. Als ein Ermittler sie forsch fragt, was „wirklich“ passiert sei mit den Worten: „Sie haben das Kind doch nicht einfach zufällig gefunden?“, ändert sie schnurstracks ihre Erzählung und ihre Erzählweise. Sie redet sich nun etwas in Rage und gestikuliert mehr. Sie räumt ein, nicht mit Heike M. Fabian gefunden zu haben, sondern bereits mit ihrem Bekannten Christian D. Ihn habe sie jedoch heraushalten wollen, damit er seine Jagdlizenz nicht verliere. Schließlich habe er in fremdem Jagdgebiet bei der Suche durch ein Nachtsichtgerät geschaut.
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Brisant: Auch die zweite Version stimmte nicht. An diesem Tag hat sie der Polizei gänzlich verschwiegen, in derselben Nacht mit ihrem Nachbarn Olaf K. bei der Leiche gewesen zu sein. Das soll sie nach RTL-Informationen erst einen Tag später nachgeholt haben. „Das letzte Mal, dass Fabian in meinem Auto saß, war in der dritten Ferienwoche. Ich putze auch nicht mein Auto. Das ist ewig und drei Tage nicht geputzt“, beteuert Gina H. Allerdings hat sie ihr Auto nachweislich am Tag von Fabians Verschwinden nachmittags gereinigt und Christian D. ein Foto des sauberen Innenraums geschickt. Bei Ansicht des Videos kommt automatisch die Frage auf: Wie kann sie lügen, ohne mit der Wimper zu zucken?
Ihre letzte Chance auf Erklärung im Fabian-Prozess?
„Die Arbeit überlasse ich Ihnen. Finden Sie raus, was passiert ist“, bittet Gina H. die Ermittler in ihrer ersten Befragung. Das über dreistündige Video ist nur ein Puzzleteil von vielen in der 3,6 Terrabyte großen Ermittlungsakte. Unzählige Videos, Sprachnachrichten und Chats gehören ebenfalls dazu. Früh im Verfahren drängte sich der Eindruck auf, Gina H. habe ihr Leben in Sprachnachrichten verpackt.
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Würde man allein die Dokumente ausdrucken, wären es 45.000 Seiten. Weil der Richter sagte, es sei nicht glaubwürdig, wenn die Angeklagte nur eine Einlassung vorlese und keine Fragen beantworte, soll sie ins Grübeln gekommen sein. Sie soll seitdem viel weinen und aufgelöst sein. Ihr Verteidiger Thomas Löcker sagte in der Verhandlung, ihr sei womöglich „zum ersten Mal konkret bewusst geworden ist, was hier auf dem Spiel steht“. Im RTL-Interview bestätigt ihr zweiter Verteidiger Andreas Ohm, die Angeklagte sei jetzt „nachdenklicher“.

Nun möchte Gina H. doch Fragen beantworten. Ob sie das tatsächlich tun wird, müssen ihre Verteidiger noch entscheiden. Da das Gericht das Urteil verschoben und inzwischen Termine bis Anfang Oktober festgesetzt hat, dürfte ihr mehr Zeit bleiben, aber nicht unendlich viel. Entweder wird Gina H. tatsächlich Licht ins Dunkel bringen – oder erneut eine Version schildern, die nicht zu den Akten passt. Ihr 95-seitiger Text in Schriftgröße 14 und jede Formulierung waren gut vorbereitet. Jedes neue, spontane, unbedarfte Wort kann überprüft und verglichen werden – mit Videos, Chats, Sprachnachrichten und Zeugenaussagen. Zeugen müssen vor Gericht die Wahrheit sagen. Die Besonderheit: Gina H. ist als Angeklagte die einzige Person, die im Prozess lügen darf. Es wäre nicht das erste Mal.
Quelle: eigene RTL-Recherche






























