Prozess um den Tod von Zugbegleiter Serkan Çalar„Der Motherf...r hätte mich halt nicht anfassen sollen“

von Emilio Nigrelli und Martina Lewinski

Keine Reue, keine Emotionen.
Im Prozess um den gewaltsamen Tod des Zugbegleiters Serkan Çalar haben am Mittwoch (1. Juli) Polizeibeamte und die Schwester des Angeklagten ausgesagt. Während die Ermittler einen Mann schilderten, der selbst nach dem Tod des Opfers kaum Mitgefühl gezeigt haben soll, zeichnete die Schwester unter Tränen das Bild eines Menschen, der nach schweren Rückschlägen zunehmend den Halt im Leben verlor.

Polizisten schildern auffälliges Verhalten nach der Festnahme

Eine Polizeibeamtin der Polizeiinspektion Homburg, die am Mittwoch als Zeugin aussagte, gehörte zu den ersten Einsatzkräften am Tatort. Als sie am Regionalexpress eintraf, lag der schwer verletzte Zugbegleiter bereits am Boden. Während Rettungskräfte versuchten, Serkan Çalar zu reanimieren, kümmerten sich die Beamten um den Angeklagten und befragten die Fahrgäste.

Die Polizistin schilderte, der 26-Jährige sei sowohl im Streifenwagen als auch später auf der Dienststelle auffällig ruhig gewesen. Nachdem die Ärzte mitgeteilt hätten, dass der Zugbegleiter vermutlich hirntot sei, habe sie dem Angeklagten erklärt, dass gegen ihn nun wegen eines Tötungsdelikts ermittelt werde.

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Seine Reaktion habe sie überrascht: Er habe lediglich mit den Schultern gezuckt und sich nicht weiter geäußert. Auf Nachfrage habe er nur erklärt, der Zugbegleiter hätte ihn nicht berühren dürfen.

Auch die Aussagen der Fahrgäste seien laut der Polizeibeamtin eindeutig gewesen. Mehrere Zeugen hätten übereinstimmend berichtet, dass sie durch Lärm auf die Situation aufmerksam geworden seien. Der Angeklagte habe plötzlich mehrfach auf den Zugbegleiter eingeschlagen.

Eine Berührung durch den Bahnmitarbeiter vor den Schlägen habe hingegen niemand beobachtet. Nachdem Serkan Çalar bewusstlos zu Boden gegangen sei, habe sich der Angeklagte laut den Zeugen wieder auf seinen Platz gesetzt.

„So ist das nun mal. Es hätte auch andersrum laufen können”

Ein Kriminalkommissar, der ebenfalls am Einsatzort war, schilderte anschließend den Transport des Angeklagten zur Haftvorführung. Noch vor der Fahrt hätten ihn Kollegen darauf hingewiesen, dass sich der 26-Jährige aggressiv und provokativ verhalten könne.

Während der Fahrt habe er dem Angeklagten erklärt, dass der Zugbegleiter möglicherweise sterben werde: „Ich habe ihm gesagt, dass der Zugbegleiter versterben könnte. Der Angeklagte sagte dann: ‚Der Motherfucker hätte mich halt nicht anfassen sollen.‘“

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Zuvor habe der Angeklagte bereits erklärt, es wäre ihm auch egal, wenn das Opfer sterbe. Er glaube ohnehin nicht daran. Außerdem habe er gesagt: „So ist das nun mal. Es hätte auch andersrum laufen können. Auch ich hätte im Krankenhaus landen können.“

Der Beamte schilderte den Angeklagten als uneinsichtig und empathielos. Immer wieder habe dieser Respekt eingefordert und erklärt, Behörden oder andere Menschen hätten nicht das Recht, ihn anzufassen. Gleichzeitig sei er immer wieder aggressiv geworden, habe versucht, die Autotür des Polizeifahrzeugs zu öffnen und sich über die Handschellen lustig gemacht.

Auf die Bemerkung des Beamten, er habe offenbar ein Aggressionsproblem, soll der Angeklagte geantwortet haben: „Ja, das gibt es schon länger. Ich habe es aber inzwischen im Griff.“

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Schwester: „Er hat sich verloren gefühlt“

Mehr als eineinhalb Stunden sagte anschließend die Schwester des Angeklagten aus. Zu Beginn wandte sie sich unter Tränen direkt an die Familie des getöteten Zugbegleiters: „Mein aufrichtiges Beileid an die Familie. Ich wünsche, dass Allah Ihnen die Kraft gibt“, sagte sie mit zitternder Stimme.

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Danach schilderte sie die Entwicklung ihres Bruders. Er sei gemeinsam mit ihr in Griechenland aufgewachsen, habe später in Großbritannien studiert und sei früher ein sozialer Mensch gewesen. Einen Wendepunkt habe es gegeben, nachdem sein Arbeitsvertrag in Luxemburg nicht verlängert worden sei. „Er hat sich verloren gefühlt und wusste nichts mit seinem Leben anzufangen, er war sehr depressiv.“

Bereits 2021 habe er einen Suizidversuch unternommen und sei anschließend mehrere Wochen psychiatrisch behandelt worden. Die Familie habe ihn immer wieder gedrängt, psychologische Hilfe anzunehmen.

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Familie hatte Angst um sein Leben

In Untersuchungshaft habe er ihr gesagt, „dass er suizidgefährdet ist und sterben möchte“, berichtete sie unter Tränen. Die Leiterin der Justizvollzugsanstalt habe die Familie deshalb gebeten, mit ihm Kontakt aufzunehmen.

„Ich habe ihm gesagt, dass er für uns leben soll, wenn er es nicht für sich tun will. Und er soll essen und trinken“, sagte die Schwester. Zeitweise sei sogar eine Zwangsernährung im Gespräch gewesen. Bei einem späteren Videotelefonat habe die Familie ihn kaum wiedererkannt, weil er stark abgenommen habe.

Über den Tod von Serkan Çalar habe ihr Bruder mit ihr jedoch nie gesprochen. „Ich kenne keine Einzelheiten“, sagte sie.

Der tödliche Angriff auf Serkan Çalar

Serkan Çalar war Anfang Februar bei einer Fahrkartenkontrolle in einem Regionalexpress zwischen Landstuhl und Homburg angegriffen worden. Der damals 36-jährige Zugbegleiter erlitt durch mehrere Faustschläge gegen den Kopf eine schwere Hirnblutung und starb zwei Tage später im Krankenhaus.

Die Staatsanwaltschaft hatte den 26-jährigen Griechen ursprünglich wegen Mordes angeklagt. Das Landgericht Zweibrücken ließ die Mordanklage jedoch nicht zu und verhandelt derzeit wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Sollte sich im Prozess doch ein Tötungsvorsatz ergeben, wäre auch eine Verurteilung wegen Mordes weiterhin möglich.

Verwendete Quelle: eigene RTL-Recherche