Wurden sie bewusst getäuscht?Traumhaus wird zum Albtraum: Familie entdeckt Giftstoffe im Eigenheim

von Martina Lewinski und André Goltzsche

Plötzlich dürfen sie nicht mehr in ihr eigenes Zuhause.
Für Jacqueline und Felix Kappai sollte der Hauskauf der Beginn eines neuen Familienkapitels werden. Doch ihr Traum vom Eigenheim wird zum Albtraum: Das Haus ist mit Schadstoffen belastet. Die Familie muss raus – und sogar ihre Möbel zurücklassen. Jetzt kämpfen Jacqueline und Felix vor Gericht. Und eine RTL-Recherche zeigt: Ihr Fall könnte längst kein Einzelfall sein.

Familie muss ihr Traumhaus verlassen

Vor vier Jahren kauften Jacqueline und Felix Kappai ein Haus aus den 1970er-Jahren. Hier wollten sie mit ihren Kindern glücklich werden. Doch schon bald bemerkten sie einen ungewöhnlichen Geruch. „Dann haben wir gemerkt, irgendwas ist da nicht richtig. Es riecht ja. Und dann haben wir uns auf die Suche gemacht, woran das liegen kann“, erzählt die Familie.

Schließlich stellt sich heraus: Das Haus ist mit Schadstoffen belastet. Nach Angaben der Familie wurde sie beim Kauf nicht darüber informiert.

Besonders bitter: Die Besichtigung fand während der Corona-Pandemie statt. Weil alle Beteiligten FFP2-Masken tragen mussten, sei der unangenehme Geruch zunächst nicht aufgefallen. Heute steht das Haus leer. Die Familie lebt in einer Ausweichwohnung.

Lese-Tipp: Schimmel in der Wohnung? So werdet ihr ihn mit nur einer Zutat los!

„Da kommt Trauer hoch“

Bei einem erneuten Besuch in ihrem Haus wird deutlich, wie tief die vergangenen Monate ihre Spuren hinterlassen haben. „Jedes Mal, wenn ich jetzt hier bin, kommt Trauer hoch, weil ich denke, ich könnte hier wohnen. Ich könnte hier meine Kinder aufwachsen sehen“, erzählt Felix Kappai.

Statt Familienalltag verbinden die beiden mit ihrem Zuhause inzwischen vor allem Sorgen. Jacqueline erinnert sich besonders an den starken Geruch im Haus. Der habe sich nach ihren Schilderungen überall festgesetzt – in der Kleidung, in den Haaren und sogar in den Sachen ihrer Kinder. „Es hat einfach alles gerochen. Der Autositz, Kinderwagen, alles.“

Hinzu kommt die Angst vor möglichen gesundheitlichen Folgen. Im Haus wurde unter anderem Formaldehyd nachgewiesen. Der Stoff, der früher beispielsweise in Spanplatten und Lacken eingesetzt wurde, kann die Gesundheit belasten und gilt als krebserregend.

Lese-Tipp: Unglaublich günstig! In diesem Ort zahlen Mieter nur 3,86 Euro pro Quadratmeter

Anzeige:
Empfehlungen unserer Partner

Streit vor Gericht: Wurden die Schadstoffe verschwiegen?

Jacqueline und Felix Kappai sind überzeugt, dass sie beim Hauskauf nicht ausreichend über die Belastung informiert wurden. Deshalb verklagten sie die Verkäufer. Der Makler beteiligte sich als Streithelfer am Verfahren. „Er behauptet, er hat es uns felsenfest gesagt. [...] Und das stimmt einfach nicht. Er hat es nicht gesagt“, schildert die Familie. Vor Gericht setzt sich ihre Darstellung allerdings nicht durch. Die Klage wird abgewiesen.

Grundsätzlich gilt: Immobilienmakler dürfen ihnen bekannte erhebliche Mängel nicht einfach verschweigen. Ob eine Aufklärungspflicht verletzt wurde, hängt jedoch von den Umständen des Einzelfalls ab.

Video-Tipp: Hauskauf treibt Familie Casanova in den Ruin

RTL-Recherche: Gutachter entdeckt Asbest bei Hausbesichtigung

Wie leicht können Schadstoffe beim Immobilienkauf übersehen werden? Um das herauszufinden, besucht ein RTL-Reporter gemeinsam mit Gutachter Stefan Lange ein weiteres zum Verkauf stehendes Haus. Beide geben sich als Kaufinteressenten aus und filmen mit versteckter Kamera.

Schon bei der Besichtigung fallen dem Experten mögliche Probleme auf. Im Keller entdeckt er Feuchtigkeit. Außerdem wecken bestimmte Bodenplatten seinen Verdacht. Solche sogenannten Flexplatten wurden früher häufig verwendet und können Asbest enthalten. Auf die Frage nach einer möglichen Asbestbelastung erklärt der Makler, ihm sei davon nichts bekannt.

Der Reporter nimmt daraufhin ein Stück einer beschädigten Bodenplatte zur Untersuchung mit. Das Ergebnis kommt knapp eine Woche später: Das Material enthält tatsächlich Asbest.

Gutachter Lange kritisiert die fehlende Aufklärung, will dem Makler aber keine bewusste Täuschung unterstellen. Auf Nachfrage von RTL reagiert der Makler nicht.

Lese-Tipp: Kälte in der Wohnung – ab wann lohnt es sich zu heizen?

Worauf sollten Käufer bei älteren Häusern achten?

Wer ein älteres Haus kaufen möchte, sollte nicht nur auf Lage, Preis und Zustand schauen. Je nach Baujahr können in Baustoffen oder der Innenausstattung auch Schadstoffe wie Asbest oder Formaldehyd stecken. Das bedeutet nicht automatisch, dass von einem Gebäude eine akute Gesundheitsgefahr ausgeht. Entscheidend ist unter anderem, wo die Stoffe verbaut wurden, in welchem Zustand sie sind und ob sie freigesetzt werden können.

Vor dem Kauf kann es deshalb sinnvoll sein, einen unabhängigen Bausachverständigen hinzuzuziehen. Besonders aufmerksam sollten Interessenten bei ungewöhnlichen oder stechenden Gerüchen, alten Bodenbelägen, Wand- und Deckenverkleidungen oder verdächtigen Baustoffen werden. Besteht ein konkreter Verdacht, können Fachleute gezielt Material- oder Raumluftproben untersuchen lassen.

Auch beim Gespräch mit dem Verkäufer lohnt es sich, konkret nach bekannten Schadstoffbelastungen, früheren Untersuchungen und Sanierungen zu fragen. Wichtige Angaben sollten sich Käufer möglichst schriftlich geben lassen und vorhandene Gutachten oder Bauunterlagen einsehen. Denn mögliche Schadstoffe können nach dem Kauf nicht nur gesundheitlich relevant werden – eine notwendige Sanierung kann auch erhebliche zusätzliche Kosten verursachen.

Ein Gutachter kann vor bösen Überraschungen schützen

Für Familie Kappai ist der Traum vom Eigenheim vorerst geplatzt. Ihr Fall zeigt, wie teuer unentdeckte Schadstoffe werden können. Wer vor dem Hauskauf einen Experten hinzuzieht, kann sich viel Ärger, hohe Kosten und möglicherweise gesundheitliche Risiken ersparen.

Verwendete Quelle: eigene RTL-Recherche, Umweltbundesamt