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Abzocke beim Zahnarzt?: Zähne gesund, trotzdem Karies! Wie Zahnärzte trotzdem bis zu 1.000 Euro kassieren
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Von wegen Karies oder kaputte Füllungen! Laut unabhängigem Gutachter sind die Zähne unseres Lockvogels völlig gesund – trotzdem stellen drei getestete Zahnarztpraxen Behandlungsbedarf fest. In einer Praxis soll er am Ende sogar knapp 1000 Euro zahlen. Mit versteckter Kamera decken unsere Reporter auf, wie aus einem Kassenpatienten plötzlich ein teurer Privatpatient werden kann. Den erschreckenden Zahnarzt-Test seht ihr im Video.
Wenn manche Zahnärzte behandeln, dann geht es bei einigen scheinbar um alles andere als um unsere Gesundheit.
„Das ist das Geschäft mit der Angst. Das ist Panikmache zulasten der Gesundheit des Patienten."
Mit versteckter Kamera wollen wir belegen, wie wir auf manchen Behandlungsstühlen regelrecht abgezockt werden.
„Sie müssen mit 180 bis 200 Euro pro Zahn rechnen. Die Krankenkasse zahlt da leider nichts."
Patienten sind ahnungs- und machtlos.
„Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie man sich da fühlt. Ich dachte einfach: Wow, solche Menschen gibt es, die dich einfach für ihr Geld ausnutzen."
Zunächst bin ich in München. Prof. Dr. Eberhardt Riedel möchte mich bei meinem großen Zahnarzttest unterstützen. Als unabhängiger Gutachter für Krankenkassen kämpft er selbst jeden Tag gegen die Machenschaften dubioser Zahnärzte. Und da hat er schon viel erlebt.
„Dass Zähne vorschnell überkront werden, dass Zähne vorschnell entfernt werden, um Implantate zu setzen, dass man einen Zahnersatz lieber ein bisschen größer macht, anstatt ihn kleiner, zierlicher und besser für den Patienten zu machen. Und das letztlich mit dem Ziel, den Umsatz der Praxis zu erhöhen."
Und Ärzte sollen noch weitergehen. Dem Patienten werde erzählt, dass er Behandlungen selbst zahlen soll. Dabei gibt es vergleichbare Leistungen, die eigentlich vollständig von der Krankenkasse getragen werden.
„Oft, ohne es zu merken. Er bekommt ein Formular, das er unterschreibt, eine Mehrkostenvereinbarung. Und schwuppdiwupp gelten private Gebührensätze, mit denen der Patient so nicht gerechnet hat und über die er letztlich in vielen Fällen auch nicht aufgeklärt wurde."
Kann das alles sein? Wir wollen jetzt mit versteckter Kamera testen, ob auch wir solche Praktiken erleben. Mein Kollege Tim wird bei mehreren Zahnärzten vorgeben, einfach eine Routinekontrolle machen zu wollen. Zunächst untersucht Professor Dr. Riedel Tims Zähne gründlich.
„Behandlungsbedarf kann ich bei Ihnen jetzt klinisch, also beim Blick in den Mund, nicht erkennen."
Seine Diagnose am Ende: Tims Zähne sind völlig gesund. Wir starten unseren Test. Werden die Zahnärzte, die wir testen, zu demselben Ergebnis kommen? Oder soll Tim plötzlich kräftig zahlen?
„Ich habe dir drei Termine organisiert und ein Earpiece, sodass ich dich jederzeit über Funk erreichen kann. Kannst du mich hören?"
„Ja."
„Super."
Wir sind vor der ersten Praxis. Ich werde im Auto warten und alles verfolgen.
Tim nimmt den ersten Kontrolltermin wahr. Zur Erinnerung: Kurz zuvor hat er von unserem Experten die Diagnose bekommen, dass alles in Ordnung ist. Doch diese Ärztin kommt zu einem völlig anderen Befund.
„Rechts oben, der Backenzahn, da ist auf jeden Fall Karies. Das muss gemacht werden."
„Jetzt frag sie doch noch mal, ob das eine Kassenleistung ist oder ob du da eine Zuzahlung leisten müsstest."
„Was wir machen, ist eine Kassenleistung mit Zusatzleistung, die Sie bezahlen. Für eine Füllung, die die Kasse nicht bezahlt ..."
116 Euro Zuzahlung soll das am Ende kosten. Und das für einen Zahn, der absolut gesund ist. Diese Abrechnung entspricht grundsätzlich dem Maximum der kassenärztlichen Gebührenordnung und ist rechtens. Der erfundene Kariesbefund hingegen nicht. Wir unterschreiben hier nichts und verlassen die Praxis.
Bevor wir die nächste Praxis testen, treffe ich eine Frau, die noch dramatischere Erfahrungen machen musste.
„Also, ich hatte akute Zahnbeschwerden und aktuell keinen Zahnarzt. Ich dachte mir, ich brauche jetzt sofort jemanden. Ich habe online einfach den Erstbesten in der Nähe gefunden, der auch einen Termin frei hatte."
Der Arzt wirkte auf die 22-Jährige vertrauenswürdig. Er stellt fest: Karies. Und zwar gleich an vier Stellen.
Für die vier anfallenden Füllungen berechnet er ein teures, aufwendiges Verfahren. Unterm Strich: über 520 Euro private Zuzahlung.
„Ich war erst mal ein bisschen verzweifelt, ehrlich gesagt. Ich war noch in der Ausbildung und 500 Euro jetzt einfach mal so zu zahlen, war natürlich sehr viel."
Ein Gutachter vergleicht die Röntgenbilder, die einmal vor und einmal nach der Behandlung aufgenommen wurden. Das Ergebnis: Sie sind beinahe identisch.
Keine Spur von den angeblich aufwendigen Füllungen, die berechnet wurden. Und schlimmer: Zwei der vier behandelten Zähne hatten laut Gutachter überhaupt keine Karies. Der Befund war frei erfunden.
„Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie man sich da fühlt. Ich dachte einfach: Wow, solche Menschen gibt es, die dich einfach für ihr Geld ausnutzen."
Der Fall wird aktuell von der Ärztekammer geprüft. Was bleibt, ist die Frage: Wie verbreitet sind solche Methoden?
Zurück zu unserem Test.
Mein Kollege Tim geht in eine zweite Praxis und gibt an der Rezeption seine Krankenkassenkarte ab. Dann soll er einen Bogen ausfüllen. Auf der letzten Seite entdeckt er eine Vereinbarung über eine Privatbehandlung. Darin sind unter anderem Extrakosten für eine Zahn- und Zungenreinigung aufgelistet. Private Zuzahlung für all das: 150 bis 200 Euro. Auch hier hatte Tim klar gesagt, dass er lediglich eine Routinekontrolle machen will.
„In dem Anamnesebogen stand drin, dass der Zahnarzt mich aufgeklärt hat. Ich bin gespannt, ob meine Ärztin das machen wird oder ob man hier unwissentlich mit einer Unterschrift zum Privatpatienten gemacht wird."
Tim unterschreibt. Wir wollen wissen, was weiter passiert. Wird sie ihn darüber aufklären? Zunächst nicht. Doch dann folgt die nächste Überraschung. Nach einem kurzen Blick in Tims Mund lässt die Ärztin ein Röntgenbild machen.
Und ihre Auswertung macht uns sprachlos.
„Wir lassen jetzt noch mal die KI drüberlaufen, ob die auch das sieht, was ich sehe. Ja, genau. Hier im Zahnzwischenraum haben wir Karies, also an zwei Zähnen, und hier unten noch eine dritte Stelle."
Drei laut Gutachter völlig gesunde Zähne haben angeblich Karies. Über die Röntgenaufnahmen will ich später noch mit unserem unabhängigen Gutachter sprechen. Zunächst konzentrieren wir uns auf das dubiose private Abrechnungsmodell der Praxis.
„In diesem Anamnesebogen stand auch schon irgendwas von privatärztlicher Versorgung oder privatärztlichen Leistungen?"
„Nein, nein. Das betrifft Sie nicht, weil Sie gesetzlich versichert sind."
Die Ärztin klärt nicht nur nicht auf, sie lügt schlicht und einfach. Denn der Kostenvoranschlag zeigt später deutlich: Tim wird durch die Vereinbarung eben doch zum Privatpatienten gemacht. Ausschlaggebend sind diese Sätze:
„Ich bin von meinem Zahnarzt über die bei Füllungstherapie ausreichende, zweckmäßige und wirtschaftliche Form der Versorgung unterrichtet worden. Ich wünsche eine darüber hinausgehende Versorgung unter Zugrundelegung der Gebührenordnung für Zahnärzte.“
Übersetzt heißt das: Der Patient unterschreibt, dass ihm die laut Gutachter völlig ausreichenden Kassenleistungen nicht genügen und er bereit ist, für weitere Leistungen privat zu zahlen. Und zwar saftig. Tim fragt nach.
Pro Füllung rechnet man 250 Euro. „Die Kasse zahlt da gar nichts?"
„Genau. Die Krankenkasse zahlt einen kleinen Teil dazu, den verrechnen wir dann intern."
Am Ende soll Tim für drei erfundene Kariesstellen 750 Euro privat zahlen.
Ich finde das extrem erschreckend. Aber ich habe schon vorher gelernt: Es gibt tatsächlich richtige Verkaufsseminare für Zahnärzte. Hier im Fokus: „Zuzahlerleistungen aktiv verkaufen“. Alles, was hier gelehrt wird, scheint mir rechtlich noch in Ordnung zu sein. Aber ein Beigeschmack bleibt bei mir. Meine Nachfragen bleiben vom Veranstalter unbeantwortet.
„Hier geht es nicht darum, wie die besten Leistungen angeboten werden. Hier geht es scheinbar nur um den höchsten Profit."
Eine letzte Praxis wollen wir noch auf die Probe stellen. Und was jetzt diagnostiziert wird, schlägt alles bisher Erlebte. Noch mal zur Erinnerung: Bei Tims Zähnen gibt es laut Voruntersuchung überhaupt keinen Behandlungsbedarf.
„Sie haben links oben zwei Kariesstellen und unten auch eine. Und vorn die Füllung, die muss gemacht werden. Hinten rechts ist die Füllung auch angeknackst. Sie müssen mit 180 bis 200 Euro pro Zahn rechnen. Die Krankenkasse zahlt da leider nichts."
Dreimal Karies plus zwei kaputte Füllungen. Knapp 1000 Euro soll das am Ende kosten. Einen schriftlichen Kostenvoranschlag bekommen wir hier nicht. Doch die Summe spricht sehr dafür, dass Tim auch hier als Privatpatient abgerechnet werden soll.
Wir haben alle Röntgenbilder mitgenommen und besuchen noch einmal Gutachter Professor Dr. Riedel. Die Bilder sollen schließlich belegen, dass Tim an verschiedensten Stellen Karies habe.
„Die Röntgenbilder zeigen nichts. Und sie zeigen interessanterweise, dass dort, wo intakte Füllungen sind, von einer KI dieser Praxis ein Behandlungsbedarf angezeigt und markiert wurde. Obwohl dort intakte Füllungen sind, die man überhaupt nicht austauschen muss."
Teilweise wurde also tatsächlich Karies erfunden, nur um den Kassenpatienten anschließend heimlich als Privatpatienten abzuzocken.
„Das ist das Geschäft mit der Angst. Das ist Panikmache zulasten der Gesundheit des Patienten."
Im Nachgang habe ich alle getesteten Praxen zu ihrem Umgang mit Kassenpatienten schriftlich befragt. Bis heute kam keine Antwort.
Ich kann es grundsätzlich verstehen, wenn Zahnärzte unterschiedliche Ansichten haben. Die einen sehen an Stellen schon Behandlungsbedarf, wo andere sagen: Das ist noch völlig in Ordnung. Und ich akzeptiere, dass Ärzte auch mal mehr tun wollen als das, was die Kasse bezahlt, wenn es im Sinne des Patienten ist. Doch was wir heute in drei zufällig ausgewählten Praxen erlebt haben, finde ich einfach schockierend.
Dr. Riedel wird die entsprechenden Praxen der Ärztekammer melden. Patienten rät er, nichts vorschnell zu unterschreiben und sich bei offenbar teuren Behandlungen immer eine zweite Meinung einzuholen.
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