Die Schwörers leben ein ganz besonderes Leben: Die achtköpfige Familie lebt auf nur wenigen Quadratmetern auf einem Segelboot und schippert damit über die Weltmeere. Und das seit 26 Jahren! Kann man sich nur schwer vorstellen. Deshalb haben wir sie besucht – und dabei auch miterlebt, was passiert, wenn ein Familienmitglied plötzlich dringend medizinische Hilfe braucht.
Wir sind im Hafen von Ålesund in Norwegen. Hier liegt die „Pachamama“, das Segelboot von Familie Schwörer. Gerade ist Einkaufen angesagt. „Okay, machen wir die zweite Runde“, sagt Sabine Schwörer. In vier Tagen will die Schweizer Familie wieder aufbrechen. Ihr Ziel ist der höchste Berg der Antarktis, der Mount Vinson.
Dafür muss ordentlich Proviant an Bord. „Vielleicht würden wir auch dort überwintern. Das heißt, dann muss ich sicher für sechs Monate einkaufen gehen“, erzählt Sabine. Vor allem haltbare und trockene Lebensmittel müssen mit. Gekocht wird nur bei ruhigem Gewässer – und das ist bei den Expeditionen der Familie längst nicht immer der Fall.
Auf dem Boot zählt jeder Zentimeter. Der Platz unter Sitzbänken und Matratzen wird als Stauraum genutzt. Sohn Vital zeigt uns: „Hier gibt es auch noch einen ganz großen.“
Seit 26 Jahren leben die Schwörers auf gerade einmal 20 Quadratmetern, die meiste Zeit davon zu acht. Viel Besitz ist da kaum möglich. „Es ist einfach wichtig, dass man immer wieder entsorgt oder einfach nicht zu viel aufs Schiff nimmt. Nur das, was man wirklich braucht“, erklärt Sabine.
Doch die sechsfache Mutter ist gerade angespannter als sonst. Und das liegt nicht nur an der bevorstehenden Expedition in die Antarktis. „Also gestern hatte ich wirklich Angst. Wenn man nicht weiß, was es genau ist, hängt man so in der Luft.“
Dass Dinge manchmal anders laufen als geplant, wissen Sabine und Dario Schwörer nur zu gut. Beide kommen aus der Schweiz. Ende der 90er-Jahre beginnt ihre Tour. Dario arbeitet damals noch hauptberuflich als Bergführer. „Mein Office sind die Gletscher und die Berge, die vom Permafrost zusammengehalten werden. Und da habe ich in den 90er Jahren gesehen, dass ich was tun muss, dass mein Office nicht verloren geht.“
Zusammen mit seiner Frau Sabine, einer gelernten Krankenschwester, nimmt er sich etwas Großes vor. Die beiden wollen auf der ganzen Welt die Folgen des Klimawandels dokumentieren und in Schulen und Universitäten junge Menschen für den Klimaschutz begeistern.
Das Paar gründet die Organisation „Top to Top“ und plant immer neue Klimaschutz-Segeltouren. Auch die Familienplanung verlegen die beiden kurzerhand aufs Boot. Alle sechs Kinder werden dort geboren.
Mittlerweile unterstützen die Kinder selbst das Projekt. „Jetzt sprechen unsere Kinder in Schulvorträgen zu Gleichaltrigen und es kommt so viel besser an! Es ist sicher ein Superplus gewesen für das Projekt auch“, sagt Dario.
Doch ist dieses ungewöhnliche Leben auch ein Plus für die Kinder? Drei Jungen und drei Mädchen wachsen auf dem Segelboot auf und verbringen einen Großteil ihres Lebens auf den sieben Weltmeeren.
Für Alegra fühlt sich das völlig normal an. „Ich finde es genau das Gleiche wie etwas, ob es jetzt ein Haus ist oder ein Schiff.“ Auch ihr Bruder Noe kennt es gar nicht anders: „Sie denken vielleicht, es ist ein bisschen komisch, aber wir sind ja das ganze Leben auf dem Schiff.“
Ein Leben mit sechs Geschwistern und kaum Rückzugsmöglichkeiten auf dem Boot ist für die Schwörer-Kinder Alltag. Genauso wie die vielen Klima-Expeditionen. Schule gehört natürlich ebenfalls dazu. Sabine und Dario haben alle sechs Kinder selbst auf dem Boot unterrichtet.
Wenn die Familie zwischen ihren Expeditionen an Land ist, besuchen die Kinder dort eine Schule und verbringen Zeit mit Gleichaltrigen. Aber wünschen sie sich nicht manchmal, länger an einem Ort zu bleiben? Freundschaften zu pflegen oder vielleicht die erste Liebe zu erleben?
Alegra muss lachen. Dann sagt sie: „Es wäre schon schön, aber heutzutage, mit der Technologie und mit Instagram und Snapchat und so macht es relativ leicht. Und mit der Liebe braucht man vielleicht mehr Zeit an einem Ort. Aber das kommt auch. Das geht auch später.“
Die beiden ältesten Schwörer-Kinder haben mittlerweile ihr Abitur und sind ausgezogen – oder besser gesagt vom Schiff gegangen. Auch Alegra und Noe planen, die „Pachamama“ bald für längere Zeit zu verlassen. „Also dieses Jahr gehen wir ja beide in die Sportschule. Also so unser Ziel ist, also mein Ziel ist, in die Jugendolympiade zu kommen“, erzählt Alegra. Ihre Disziplin ist Ski-Touring.
Vor der nächsten monatelangen Reise übers Wasser will sie noch einmal intensiv trainieren. Doch plötzlich steht dieser Plan auf der Kippe.
Während wir an Bord drehen, fehlt nämlich ein Familienmitglied. Einen Tag zuvor musste die jüngste Tochter Mia plötzlich ins Krankenhaus. „Sie hatte solche Bauchschmerzen, die sich verstärkt haben. Und sie musste erbrechen und war auch ganz gelb“, erzählt Sabine.
Zum Glück liegt das Boot zu diesem Zeitpunkt gerade im Hafen. Dario ist mit der Zehnjährigen im Krankenhaus und hält seine Frau auf dem Laufenden. Dann kommen beunruhigende Nachrichten: „Der Arzt war gerade da und er meinte, sie müsste irgendwie operiert werden. Aber ich weiß gar nicht recht, was genau.“
Eigentlich wollte die Familie alles für die Abreise vorbereiten. Vier Tage nach unserem Dreh sollte es Richtung Antarktis gehen. Doch für Sabine ist sofort klar, was jetzt zählt. Auf die Frage, ob Mias Erkrankung die Reisepläne beeinflussen könnte, antwortet sie: „Ja. Ja. Nein. Weil die Gesundheit und die Kinder? Die kommen zuerst.“
Sabine möchte jetzt nur noch bei ihrer Tochter sein. Im Krankenhaus löst sie ihren Mann ab. Dario hat inzwischen erfahren, wie ernst die Situation ist. „Ja. Der Doktor meint, dass sie operiert werden. Die Gallenblase muss raus. Und jetzt müssen wir alles umkrempeln.“
Trotzdem blickt er vorsichtig nach vorne. „Also, ich denke, das wird schon. Ende Monat, bis wir loskommen.“ Vor allem aber geht es Mia inzwischen etwas besser. „Sie ist heute nicht mehr so gelb wie gestern.“
Als gelernte Krankenschwester begreift Sabine sofort, wie wichtig die Operation für ihre zehnjährige Tochter ist. „Wenn wir da irgendwo auf einer Überseglung sind, auch nur schon zwei Tage, kann das ganz gefährlich werden.“
Kaum auszudenken, die Schwörers wären zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Weg Richtung Antarktis gewesen. Denn genau hier zeigt sich auch die schwierige Seite ihres außergewöhnlichen Lebens: Passiert auf hoher See etwas, ist schnelle medizinische Hilfe nicht ohne Weiteres erreichbar.
So sehr alle Familienmitglieder für ihre Expeditionen brennen, die Gesundheit geht vor. Erst wenn Mia wieder ganz gesund ist, will die Familie ihre Reise fortsetzen.
Dann heißt es für die Schwörers wieder: Auf zu neuen Abenteuern.