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Ein Einkauf wird zum Albtraum: Influencer filmt und verspottet Übergewichtige! RTL konfrontiert Sebastian Marquard
Video lädt...
Jenny geht nur einkaufen – und findet sich plötzlich ungefragt in einem Video mit mehr als 200.000 Aufrufen wieder. Gefilmt wurde sie von Sebastian Marquard, einem selbsternannten Gesundheits-Influencer, der immer wieder fremde Menschen zeigt und ihr Gewicht kommentiert. Für die 26-Jährige hat das Konsequenzen bis heute: Sie schaut sich inzwischen sogar auf dem Weg zur Bushaltestelle um, aus Angst, erneut heimlich gefilmt zu werden. RTL hat Sebastian Marquard mit den Vorwürfen konfrontiert. Wie er auf unsere Fragen reagiert, was weitere Betroffene erzählen und welche rechtlichen Schritte jetzt folgen sollen, seht ihr im Video.
Es sind Sätze, die bei Jenny bis heute nachwirken: „Ich dreh mich um, wenn ich zur Bushaltestelle laufe … weil ich immer Angst habe, dass mich jemand filmt." Ich kann es kaum fassen – aber das ist längst nicht nur Jenny wirklich passiert. WIR haben hier alle Beteiligten nachträglich verfremdet, der Influencer zeigt sie offen - heimlich gefilmt vor einem Dortmunder Restposten-Supermarkt. Er beleidigt Übergewichtige. Jenny ist eine davon. Als ich sie treffe, möchte sie ihr Gesicht nicht zeigen. Aus gutem Grund. Denn das Video hat sich, zum Zeitpunkt, als Jenny es erstmals sieht, längst verselbständigt. Über 200.000 Views! „Dann war da ein Video direkt von Scheiding und Kunden. Später wurde mein Gesicht schon gezeigt." „Was geht da in einem vor, wenn man das sieht und denkt: Das bin doch ich?", hakt Sascha Winkel, RTL Reporter, nach: „Ich habe das gar nicht so realisiert. Ich habe sofort meinen Stiefvater angerufen, weil der ist auch zu sehen. Der hat mich dann erst mal beruhigt, weil ich sofort angefangen habe zu weinen. Das war eine ganz neue Situation für mich." Denn sie wollte doch nur einkaufen gehen. Ist sogar zum allerersten Mal in dem Restposten-Markt. Mobbing wegen ihrer Größe und Statur, so sagt die 26-Jährige, kennt sie ihr Leben lang. Aber das? „Für mich ist quasi eine Welt zusammengebrochen, weil ich mich relativ stark aufgebaut habe mit meiner Psyche. Und das war einfach so ein Knacks zurück. Mir ist noch nie passiert, dass ich gefilmt worden bin oder so krass verurteilt wurde." Heimlich gefilmt und online gestellt von Sebastian Marquard. Er macht so etwas nicht zum ersten Mal. Seinen gut 70.000 Followern zeigt der selbsternannte Gesundheits-Influencer seine ganz persönliche Wahrheit – bei Fast-Food-Ketten oder auch auf einem größten Volksfest im Ruhrgebiet. Gefilmt werden wildfremde Menschen – auch hier haben wir verfremdet, nicht Marquard. Doch vom Supermarkt bekommt der dubiose Influencer jetzt mächtig Gegenwind. Die insgesamt acht Betroffenen haben sich zusammengetan und wollen sich wehren. Mit der Unterstützung von Christoph Scheiding. Der Ladenbesitzer veröffentlicht ein Gegenvideo und ruft Betroffene auf, sich zu melden. Er ist bis heute fassungslos. „Ich habe das gesehen und habe gar nicht verstanden, was das eigentlich ist. Ich habe zwar gesehen, das ist mein Laden, ich habe gesehen, okay, der filmt. Ich dachte, ist das jetzt ein neues Video von uns? Und dann kam aber diese Aussprache mit ‚fett' – und ich dachte, ich bin im falschen Film. Und dann habe ich verstanden, das hat jemand anders aufgenommen. Ich musste wirklich dreimal hingucken." Den Betroffenen will er seinen Anwalt zur Seite stellen. Er habe das Instagram-Video auch auf der Plattform Meta angezeigt – mit mäßigem Erfolg, so sagt er. „Dann wurde ein Video, was gar nicht so schlimm war, wo sich der gute Herr schon zurückgenommen und die entsprechenden Szenen rausgeschnitten hatte – das wurde gesperrt. Und das Video, wo aber alles zu erkennen ist, da sagt Meta: Nein, das widerspricht nicht unseren Richtlinien, da ist alles in Ordnung." Die Betroffenen sehen das anders. Unter ihnen ist auch der zwölfjährige Finn, der immer noch nicht versteht, warum er überhaupt in dem Video ist. „Doof. Sehr doof. Und ich frage mich einfach: Was haben wir ihnen getan? Ich fand es halt sehr, sehr doof." Mir berichten die meisten von Hilflosigkeit und Scham, die zurückbleiben. Im Netz wird der Ton immer rauer. Allein im vergangenen Jahr meldete die Polizei über 10.500 strafbare Hasspostings – die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Fast jeder Zweite wurde online schon einmal beleidigt. Und neun von zehn Befragten sagen: Der Hass im Netz hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Dabei ist die rechtliche Grundlage eindeutig, sagen Anwälte. OT Solmecke, Medienanwalt: „Grundsätzlich gilt in Deutschland das Recht am eigenen Bild. Jeder Mensch darf selbst entscheiden, ob Aufnahmen von ihm gemacht werden und vor allem, ob diese veröffentlicht werden. Wer fremde Personen in einem Supermarkt oder Lagerverkauf ohne deren Wissen filmt und das Video dann ins Netz stellt, der handelt in aller Regel illegal." Warum WIR Sebastian Marquard hier offen zeigen – das gleich. Wichtig ist: Social Media ist kein rechtsfreier Raum. Praktisch kommt der Rechtsstaat hier aber kaum noch hinterher. Das wiederum ruft Macher von Seiten wie HoGeSatzbau auf den Plan. Der Instagram-Account sammelt menschenverachtende Posts, recherchiert die Profile dahinter – und macht sie mit Bildern der Verfasser öffentlich. Darunter auch ein Rostocker Oberarzt, der mit extremen Äußerungen wie “finaler Rettungsschuss” oder “remigrieren oder kremieren” gegen Migranten gehetzt. Die Uniklinik wird darauf aufmerksam – und stellt den Arzt sofort frei. Trotzdem bin ich skeptisch bei all den gezeigten Fotos auf dieser Seite. Ist das neue Realität, dass sich Privatleute einfach zu Richtern über andere Menschen ernennen? „Bevor wir unseren Film hier veröffentlichen, fragen wir die Gegenseite und bitten um Stellungnahme. Wir wägen ab, ob wir die Klarnamen wirklich nennen können oder eben nicht. Und das passiert dort in vielen Fällen nicht. Das haben sie tatsächlich auch zugegeben in Ihrer Stellungnahme."
HoGeSatzbau versichert uns schriftlich: Man überprüfe genau, wem ein Kommentar zuzuordnen ist, achte auf gehackte Profile und veröffentliche keine privaten Informationen. Doch auf unsere Frage, wie verhindert werden soll, dass offen gezeigte Menschen anschließend selbst zum Ziel von Hass werden, antworten die Macher bemerkenswert offen: Insert Stellungnahme HoGeSatzbau: „Wir können nichts sicherstellen, aber dafür sensibilisieren, selber Verantwortung fürs eigene Handeln zu übernehmen." Ich finde das fragwürdig. Verstehe aber auch: Menschen wollen Hass und Beleidigung im Netz nicht einfach hinnehmen. Jetzt wollen wir Sebastian Marquard zur Rede stellen – den Mann, der Jenny und andere Supermarkt-Kunden heimlich gefilmt hat, und die Videos mit heftigen Beleidigungen online gestellt hat. Jenny hat das schwer getroffen – sie wurde sogar von wildfremden Menschen auf das Video angegesprochen. Doch Kritik weist der Influencer zurück - und stellt sich mittlerweile selbst als Opfer da. Er habe nur auf schlechte Ernährung und zu viel Zucker aufmerksam machen wollen. Interviewanragen lehnt er mit absurden Begründingen bei Instagram ab: „Der Mensch, der mich interviewt, muss fett sein." In seiner Praxis ist er mehrfach nicht anzutreffen. Seine Website hat kein Impressum. Wir werden in der Recherche etwas hartnäckiger und treffen ihn schließlich tatsächlich auf dem Parkplatz seines Fitnessstudios. „Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen zu Ihren Social-Media-Veröffentlichungen? Warum passt Ihnen das gerade nicht? Private Termine? Ist in Ordnung, dass wir Sie offen zeigen, oder? Machen Sie ja bei uns auch. Ist nicht in Ordnung? Warum machen Sie das denn bei Instagram? Wir warten. Wir haben Zeit." Wir warten insgesamt circa zehn Minuten, bis Marquard noch einmal zu uns kommt und unsere Fragen beantworten will – so denken wir zumindest. „Ich würde mitfilmen. – Jetzt hauen Sie einfach ab?" Weil er jetzt einfach wegfährt, hinterlege ich den Umschlag mit den Fragen in seiner Praxis – beantwortet werden sie nicht. Stattdessen erhalten wir eine Mail mit Bedingungen für ein mögliches weiteres Interview, die auch wir für nicht annehmbar halten. Der Anwalt von Christoph Scheiding wird jetzt rechtliche Schritte einleiten, auch im Namen von Jenny und den anderen Betroffenen.
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