Seit Jahrzehnten wird am Durchbruch geforscht

Zulassung für "Aducanumab": Ist das die Revolution gegen Alzheimer?

08. Juni 2021 - 13:14 Uhr

Große Herausforderung für die Forschung

So lange wie möglich gesund und fit sein – das wollen wir alle, wenn wir an unsere "alten Tage" denken. Doch sehr viele Menschen müssen damit rechnen, später einmal an Alzheimer zu erkranken. Gedächtnisverlust und Orientierungslosigkeit sind die Symptome, die darin münden, dass ein selbstbestimmtes Leben nicht mehr möglich ist. Kein Wunder also, dass Forscher weltweit seit Jahrzehnten an einem Mittel gegen die Alterserkrankung forschen. Aber: Das erweist sich als große Herausforderung. In den USA ist seit fast 20 Jahren keine neuartige Behandlungsmethode mehr zugelassen worden - bis jetzt. Doch der Wirkstoff Aducanumab ist umstritten. Medizin-Experte Dr. Christoph Specht schätzt im Video ein, ob das Medikament der erhoffte Durchbruch ist.

Medikament soll Patienten mit Alzheimer im Frühstadium verabreicht werden

Trotz umstrittener Wirksamkeit hat die US-Arzneimittelbehörde FDA gestern ein neues Alzheimer-Medikament zugelassen. Der Wirkstoff Aducanumab sei die erste neuartige Behandlungsmethode gegen die neurodegenerative Erkrankung, die seit 2003 zugelassen worden sei, teilte die FDA am Montag mit. Das vom US-Biotechnologiekonzern Biogen entwickelte Medikament soll Patienten mit Alzheimer im Frühstadium als monatliche Infusion gegeben werden und den Abbau der Geisteskraft stoppen. Es ist damit auch der erste in den USA zugelassene Wirkstoff, der dem Fortschritt der Krankheit und nicht nur Symptomen entgegenwirken soll.

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Wie gut Aducanumab wirkt, ist allerdings umstritten: Ein internes Beratergremium der FDA hatte sich gegen die Zulassung ausgesprochen, mehrere Wissenschaftler sich öffentlich skeptisch geäußert. Zahlreiche Patienten-Organisationen hatten sich jedoch für die Zulassung stark gemacht.

Eine weitere große Schwierigkeit stellt die Tatsache dar, dass das Medikament schon frühzeitig eingesetzt werden muss, um den Verfall der Nerven aufhalten zu können. Doch noch sind die "Biomarker", die eine kommende Alzheimer-Erkrankung im Blut früh erkennen können, nicht gefunden.

Medizin-Experte drosselt die Erwartungen

Dr. Christoph Specht arbeitet im Bereich der Präventionsmedizin
Dr. Christoph Specht arbeitet im Bereich der Präventionsmedizin
© Privat

Auch der Düsseldorfer Medizinkorrespondent Dr. Christoph Specht tritt auf die Euphoriebremse. "Wenn man sich die Daten einmal genauer anschaut, dann muss man feststellen: ein geringer Effekt, der da zu sehen ist", urteilt er. Eine neue Auswertung habe zwar ergeben, dass bei stark erhöhter Dosis per Infusion doch eine Wirkung festgestellt werden konnte. Auf der anderen Seite gab es dafür auch Nebenwirkungen, wie zum Beispiel Hirnschwellungen. Aber insgesamt ist der Effekt "relativ gering", so der Experte.

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"Ich verstehe natürlich, dass man nach dem Strohhalm greift, aber hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen", sagt Specht. Auch die FDA-Zulassung sei nur vorübergehend. "Wenn die Daten nicht nachgeliefert werden, die dann eine wirklich gute Wirksamkeit beweisen, dann könnte das Mittel auch wieder in Amerika vom Markt genommen werden", so Specht. Ob das Mittel trotzdem auch in Europa und Deutschland zugelassen werden könnte, erläutert der Experte in unserem Video.

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