Schützte Deutschland den Messerstecher?

Mutmaßlicher Täter von Brokstedt steht weiterhin unter subsidiärem Schutz

Bei einer Messerattacke in Brokstedt wurden am 25. Januar zwei Menschen in einem Regionalzug getötet.
Bei einer Messerattacke in Brokstedt wurden am 25. Januar zwei Menschen in einem Regionalzug getötet.
jwp nic, dpa, Jonas Walzberg

Eine Woche nach der tödlichen Messerattacke von Brokstedt trauert der kleine Ort in Schleswig-Holstein weiter um die zwei Toten: Ann-Marie (17) und Danny (19). Gleichzeitig werden aber auch kritischen Fragen lauter: Wie konnte es zu so einer schrecklichen Tat in dem Regionalzug kommen? Hätte die Tat verhindert werden können?

Der mutmaßliche Täter Ibrahim A. ist kein unbeschriebenes Blatt: Mehrfach vorbestraft und wegen verschiedener Delikte verurteilt. Haben die Behörde die Gefahr durch den 33-Jährigen unterschätzt? Erst sechs Tage vor der Messerattacke im Regionalzug kommt Ibrahim A. auf freien Fuß. Und trotz mehrerer Vorstrafen steht der mutmaßliche Täter weiterhin unter subsidiären Schutz!

Subsidiärer Schutz von Ibrahim A. besteht weiterhin

Der in Gaza geborene Mann reiste im Dezember 2014 nach Deutschland ein, habe sich selbst als staatenlos bezeichnet und erhielt einen sogenannten subsidiären Schutzstatus. Das bedeutet: Ibrahim A. konnte Gründe vorbringen, warum man ihn nicht abschieben sollte. Da der 33-Jährige jedoch mehrfach vorbestraft ist, wurde bereits 2021 ein Widerrufsverfahren dieses Schutztitels eingeleitet. Ibrahim A. hatte jedoch keinen festen Wohnsitz gemeldet und auf Post auf eine hinterlegte Adresse nicht reagiert, sodass es nicht möglich gewesen sei, ihn dazu rechtlich anzuhören. Liegt hier ein Behördenfehler bei der Übermittlung der Adressdaten vor? Denn die Einladung zu der Anhörung war mehrfach unzustellbar, aber das aus einem einfachen Grund: Zu der Zeit saß Ibrahim A. wegen eines anderen Messerdelikts in der JVA Billwerder.

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Die Behörden in Schleswig-Holstein hatte keine Kenntnis von der Untersuchungshaft in Hamburg und auch der Austausch mit der Ausländerbehörde in Kiel habe keine entsprechenden Hinweise ergeben. Nach der Messerattacke in Brokstedt sei es nun aber wahrscheinlich, dass dem 33-Jährigen sein Schutzstatus entzogen wird. Nach Angaben von Schleswig-Holsteins Innenministerin Aminata Touré (Grüne) ist das Kieler Ausländeramt möglicherweise bis heute für Ibrahim A. zuständig. Sie verstehe, dass sich viele fragen, ob ein Widerruf des Schutzstatus die Tat hätte verhindern können. „Man kann in diesem Bereich derzeit aber nur spekulieren“, sagt Schleswig-Holsteins Integrationsministerin.

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Zweifel an Staatenlosigkeit von Ibrahim A.

Auch zu der Staatsangehörigkeit des mutmaßlichen Täters von Brokstedt sind neue Fragen aufgekommen. Bislang wurde er als staatenloser Palästinenser bezeichnet, jedoch gibt es nun Zweifel an seiner Staatenlosigkeit. Schleswig-Holsteins Innenministerin Aminata Touré (Grüne) sagt am Mittwoch im Innen- und Rechtsausschuss des Landtags in Kiel: „Der Beschuldigte hat eine ungeklärte Staatsangehörigkeit.“ Auch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bestätigt: Es ist keine Feststellung der Staatenlosigkeit durch die Behörden erfolgt.

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Zwei Tote bei Messerattacke in Regionalzug

Es ist Mittwochnachmittag, als am 25. Januar mehrere Notrufe aus einem Regionalzug von Kiel nach Hamburg bei der Polizei eingehen. Im kleinen Ort Brokstedt in Schleswig-Holstein soll der 33-jährige Ibrahim A. mit einem Messer in einem Regionalzug auf andere Reisende losgegangen sein. Bei dem Messerangriff kamen die 17-jährigen Ann-Marie und der 19-jährigen Danny ums Leben. Beide waren ein Paar, sagt Innenministerin Sabine Sütterlin-Waack (CDU) im Ausschuss. Zwei der fünf Verletzten seien zwischenzeitlich im Koma gewesen, sind jetzt aber wieder ansprechbar. Sie würden noch auf der Intensivstationen behandelt.

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Der mutmaßliche Täter Ibrahim A. sitzt seit Donnerstagabend in der Justizvollzugsanstalt Neumünster. Gegen den 33-Jährigen wurde Haftbefehl wegen zweifachen Mordes und versuchten Totschlags in vier Fällen erlassen. (lmi)