Größter Evakuierungseinsatz wird vorbereitet

Taliban verkünden Sieg in Afghanistan: Bundeswehr soll Deutsche aus Kabul holen

Die Taliban haben ihren Sieg in Afghanistan verkündet.
Die Taliban haben ihren Sieg in Afghanistan verkündet.
© imago images/Xinhua, Xinhua via www.imago-images.de, www.imago-images.de

15. August 2021 - 22:42 Uhr

Fallschirmjäger bereiten sich für Rettungsmission in Afghanistan vor

Ein führender Repräsentant der Taliban hat den Sieg der radikal-islamischen Gruppe in Afghanistan erklärt. Dieser unerwartete Erfolg sei beispiellos in der Welt, sagte Mullah Baradar am Sonntag in einer Videobotschaft. Der Bundeswehr läuft die Zeit davon. Sie bereitet eine Rettungsmission vor. Fallschirmjäger sollen in Militärtransportern nach Kabul geflogen werden, um Deutsche und afghanische Ortskräfte vor den Taliban-Kämpfern in Sicherheit zu bringen. Die ersten Transportflugzeuge vom Typ A400M sollen noch in der Nacht zu Montag in Richtung Kabul starten. Es ist der bislang wohl größten Evakuierungseinsatz der Bundeswehr.

Bundeswehrflugzeuge
Bundeswehr bereitet Evakuierung von Deutschen in Afghanistan vor
© dpa, Julian Stratenschulte, jst wst

Taliban nehmen Präsidentenpalast in Kabul ein

Nur wenige Stunden nach der Flucht des afghanischen Präsidenten Aschraf Ghani besetzten Kämpfer der militant-islamistischen Taliban den Präsidentenpalast in der Hauptstadt Kabul. Umgeben von Bewaffneten wandten sich Führer der Gruppe an Journalisten, wie am Sonntagabend auf Fernsehbildern zu sehen war.

Maas will erste Menschen noch am Sonntag ausfliegen

Ein Teil der deutschen Botschaftsmitarbeiter solle noch im Laufe des Tages aus Kabul ausgeflogen werden. Die ersten Flüge der Bundeswehr werden laut Maas noch in der Nacht starten. "Wir setzen jetzt alles daran, unseren Staatsangehörigen und unseren Helfern eine Ausreise in den nächsten Tagen zu ermöglichen", erklärte Maas. Dabei nehme Deutschland auch die Unterstützung seiner ausländischen Partner an. Das Verteidungsministerium kündigte die Flüge via Twitter ebenfalls noch für die Nacht zu Montag an.

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Dutzende Deutsche warten auf ihre Rettung aus Kabul

Auch ein sogenanntes Krisenunterstützungsteam (KuT) aus Experten verschiedener Ministerien wird in die afghanische Hauptstadt geschickt, wie die dpa aus Sicherheitskreisen erfuhr. In der usbekischen Hauptstadt Taschkent soll ein zweites KuT eine Drehscheibe für die Rettung von Menschen vor den Islamisten organisieren. Auch Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer bestätigte, dass eine "Luftbrücke" in ein Drittland aufgebaut werden solle, über die Menschen aus Afghanistan in Sicherheit gebracht werden sollen.

Noch können die Zahlen sich verändern, aber es müssen wohl mindestens 57 Botschaftsangehörige und 88 weitere Deutsche ausgeflogen werden. Dazu kommt eine größere Anzahl bedrohter afghanischer Ortskräfte. Die deutsche Botschaft in Kabul wurde bereits geräumt.

Nach einem Hickhack um die Ausreise von afghanischen Mitarbeitern nach Deutschland in den vergangenen Wochen wird nun eine sogenannte All-in-Lösung vorbereitet. Deutsche und ihre Mitarbeiter werden in einem gemeinsamen Einsatz ausgeflogen. Allein Organisationen aus dem Geschäftsbereich des Entwicklungsministeriums haben derzeit noch mehr als 1.000 einheimische Mitarbeiter in Afghanistan. Gefährdet sind aber auch Mitarbeiter deutscher Medien. RTL, ntv und viele weitere Medienhäuser forderten die Bundesregierung darum in einem offenen Brief auf, ein Visa-Notprogramm für diese Menschen zu starten.

Konflikt in Afghanistan
Viele Deutsche und Ortskräfte müssen aus Afghanistan ausgeflogen werden.
© dpa, Rahmat Gul, RG

Für viele ist der Weg nach Kabul schon versperrt

Allerdings sind für viele Ortskräfte die Wege ins rettende Kabul bereits versperrt, nachdem die Taliban ihren Eroberungsfeldzug im Eiltempo und oft auch gegen kampflos kapitulierende Regierungskräfte fortsetzen. Sie stehen nun bereits in Kabul. Dass sie die Evakuierungskräfte in der afghanischen Hauptstadt angreifen könnten, gilt den Militärplanern angesichts der wieder verstärkten US-Truppen als eher unwahrscheinlich, sehr wohl aber wird mit einer "Infiltration" gerechnet.

Die Militärführung hatte deswegen am Freitag auch NH-90-Hubschrauber in Bereitschaft versetzt, die den Transport innerhalb Kabuls übernehmen könnten. Allerdings wurden sie erst jüngst aus Afghanistan abgezogen und müssten nun mit der Kraft der eigenen Triebwerke und über zahlreiche Zwischenstationen zurück an den Hindukusch verlegt werden.

Division Schnelle Kräfte steht schon in den Startlöchern

Zum Einsatz sollen nun aber vor allem Fallschirmjäger der Division Schnelle Kräfte (DSK) kommen, die die Bundeswehr als Teil der Nationalen Risiko- und Krisenvorsorge für diese Aufgabe bereithält. Die Spezialisten sind in Saarlouis (Saarland) und Seedorf (Niedersachsen) stationiert und gehören allesamt der Luftlandebrigade 1 an. "Sie ist die am schnellsten verfügbare Brigade der Bundeswehr für krisenhafte Entwicklungen im Ausland", schreibt die Bundeswehr. In Seedorf steht die Bundeswehr in den Startlöchern. Eine Zahl von 300 Soldaten gilt als realistisch. Zudem sind deutsche Militärpolizisten und Bundeswehrsanitäter beteiligt.

Die Evakuierung ist vor allem eine logistische Aufgabe: Menschen auf einer Liste müssen zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem Punkt versammelt und identifiziert werden - notfalls auch in einer feindlichen Umgebung, in der Straßen nicht mehr ungehindert befahren werden können. Einen solchen Einsatz hat es für die Bundeswehr so weit entfernt noch nicht gegeben.

Bundestagsmandat für Afghanistan-Evakuierung wird vorbereitet

Für die Evakuierung aus Kabul wird nun ein Bundestagsmandat vorbereitet, auf das in den vergangenen Tagen vor allem Militärexperten drängten. Die Soldaten wollen den Rückhalt der Politik haben. Formal gilt der Evakuierungseinsatz als mandatierungspflichtig, weil eine Basis für das bisherige Mandat nach dem Ende des Nato-Einsatzes "Resolute Support" als nicht mehr gegeben gilt. Allerdings würde bei Gefahr im Verzug - also wenn es um Leib und Leben von Deutschen im Ausland geht - auch unverzüglich und auf Basis eines Kabinettsbeschlusses gehandelt. (dpa/jgr)