Schwere Gefechte in Afghanistan vor Truppenabzug

Taliban kommen Bundeswehrlager immer näher

Seit Beginn des Truppenabzugs nehmen die Kämpfe zu
Seit Beginn des Truppenabzugs nehmen die Kämpfe zu
© imago images/Xinhua, Sayed Mominzadah via www.imago-images.de, www.imago-images.de

22. Juni 2021 - 16:06 Uhr

Islamisten überrennen afghanische Bezirke

In Afghanistan verschärft sich die ohnehin angespannte Sicherheitslage dramatisch. In nur 24 Stunden haben die radikal-islamischen Taliban acht Bezirke eingenommen und stehen nun kurz vor der Stadt Masar-i-Sharif – dort sind noch mehrere hundert Bundeswehrsoldaten untergebracht. Jetzt sollen sich sogar Zivilisten bewaffnen und gegen die Taliban kämpfen. Besonders für die Bevölkerung ist die Lage dramatisch.

Abzug ausländischer Truppen gibt Terroristen Aufwind

Seitdem die ausländischen Truppen ihren Abzug aus Afghanistan begonnen haben, gewinnen die Taliban immer mehr an Einfluss. Offenbar beflügelt vom Truppenabzug haben sie seit dem 1. Mai nun 50 Bezirke neu erobert. Auch die Bundeswehr holt bereits seit einiger Zeit Soldaten nach Deutschland zurück. Der größere Teil des Stützpunkts Marmal in Masar-i-Scharif ist bereits an die afghanischen Streitkräfte übergeben. Die internationalen Truppen sind insgesamt mit ihrem Abzug bereits weit fortgeschritten. Bis spätestens 11. September sollen die letzten ausländischen Soldaten das Land verlassen haben, die Bundeswehr will sogar schon bis spätestens zum 4. Juli abgezogen sein.

Taliban stehen wenige Kilometer von Bundeswehr-Lager entfernt

Bislang haben sich die Kämpfe eher auf Regionen beschränkt, in denen ohnehin kaum ausländische Truppen stationiert sind. Doch Fotos, die die Taliban nun im Internet veröffentlicht haben zeigen: Sie kommen den Bundeswehrsoldaten immer näher. Mit Sturmgewehren posieren sie jetzt vor den Toren der Stadt Balch, nur rund 20 Kilometer von Masar-i-Sharif entfernt. Ein Sprecher des afghanischen Verteidigungsministers sagte, die Taliban seien von dort geflüchtet und bestätigte so indirekt, dass es Taliban-Kämpfer bis dorthin geschafft hatten.

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Bundeswehrlager soll sicher sein

Das Camp Marmal sei allerdings sicher, sagte ein Sprecher des Einsatzführungskommandos in Potsdam am Dienstag: "Die Bundeswehr nimmt ständig eine Bewertung der aktuellen Sicherheitslage vor und passt die Schutzmaßnahmen entsprechend an. Im Camp Marmal verfügt das multinationale Kontingent unter Führung der Bundeswehr und mit Unterstützung der US-Amerikaner über Kräfte und Mittel, um auf Gefährdungen für das Kontingent reagieren zu können." Der ausreichende Schutz des deutschen Einsatzkontingents werde bestmöglich sichergestellt.

Zivilbevölkerung leidet besonders

Anders sieht die Lage allerdings für die Bevölkerung vor Ort aus. Örtliche Politiker rufen mittlerweile selbst ehemalige Taliban-Kommandeure und Zivilisten auf, sich zu bewaffnen und mit den Sicherheitskräften gegen die Islamisten zu kämpfen. Es heißt, Männer kleben sich Bärte an, weil sie brutale Angriffe auf Leib und Leben befürchten. Je näher das Datum des Truppenabzugs rückt, desto mehr breitet sich unter den Afghanen die Angst aus, dass die Taliban wieder die Kontrolle über das Land übernehmen.

Grüne wollen afghanische Mitarbeiter aufnehmen

Besonders gefährlich ist die Lage für Afghanen, die mit den NATO-Truppen zusammengearbeitet haben, zum Beispiel als Übersetzer. Sie müssen um ihr Leben fürchten. Am Mittwoch berät der Bundestag deshalb über einen Antrag der Grünen, eine "großzügige Aufnahme afghanischer Ortskräfte" zu ermöglichen, die für deutsche Behörden und Organisationen arbeiten oder gearbeitet haben. Auch die Familienangehörigen sollen ein Visum für Deutschland bekommen. In dem Antrag heißt es: "Afghanen und Afghaninnen haben sich in den Dienst deutscher Ministerien gestellt in dem Vertrauen darauf, dass sie während und nach Beendigung ihrer Tätigkeit unter dem Schutz Deutschlands stehen. Trotzdem ist die Aufnahme afghanischer Ortskräfte in Deutschland fast zum Erliegen gekommen"

Schon am Dienstagabend berät der Verteidigungsausschuss in einer Sondersitzung über die Sicherheitslage in dem Land.

Vereinte Nationen warnen vor Taliban-Offensive

Auch die Vereinten Nationen (UN) warnen vor einer Offensive der Taliban. Die Extremisten hätten mehr als 50 der 370 Bezirke des Landes unter ihre Kontrolle gebracht, sagte die UN-Beauftragte für Afghanistan, Deborah Lyons, am Dienstag dem UN-Sicherheitsrat in New York. Die eingenommenen Bezirke lägen rings um die Provinz-Hauptstädte, sagte Lyons. Das deute darauf hin, dass die Taliban sich positionierten, um diese Städte zu erobern, sobald die ausländischen Truppen vollständig abgezogen seien.

(rcl/dpa)