Behandlungs-Mythen im Wahrheits-Check

Wie kleine Alltagsverletzungen schnell heilen – und wann Sie dringend zum Arzt sollten

15. Oktober 2021 - 20:00 Uhr

Luft dranlassen oder sofort Pflaster drauf?

Die Möhre ein bisschen zu eifrig geschnippelt, am Gartenzaun hängengeblieben oder einfach mit zu viel Tempo um die Ecke gerannt: Kleinere Schnitt- und Schürfwunden sind im Alltag schnell passiert – vor allem, wenn Kinder im Spiel sind. Aber reicht es dann, kurz zu pusten und den Körper seinen Job machen zu lassen, oder müssen wir sofort das volle Programm mit Desinfektionsmittel, Pflaster und Co. auffahren, um schlimme Entzündungen zu verhindern? Im Video checken wir fünf beliebte Behandlungs-Mythen und verraten, wie solche Malheure wirklich am schnellsten verheilen.

Blutvergiftung: Wie groß ist die Gefahr?

Dr. Christoph Specht arbeitet im Bereich der Präventionsmedizin
Wann wird eine harmlose kleine Wunde gefährlich? Dr. Christoph Specht klärt auf
© Privat

An einer Sepsis, umgangssprachlich Blutvergiftung genannt, sterben jedes Jahr rund 70.000 Deutsche. Sie ist hierzulande laut Deutscher Familienversicherung die dritthäufigste Todesursache. Allgemeinmediziner Dr. Christoph Specht erklärt, warum sie so gefährlich ist: "Bakterien wandern von einer lokalen Stelle ins Blut ein und haben dort so richtig Nährstoffe. Das ist wirklich eine gefährliche Sache, weil sich die Bakterien unglaublich schnell im ganzen Körper verbreiten." Seltener können auch Viren eine Sepsis verursachen.

Eine Sepsis könne aus einer kleineren, infizierten Verletzung der Haut entstehen, so der Experte. "Aber häufiger ist sie zum Beispiel bei Harnwegsentzündungen. Wenn man da nicht aufpasst, kann es ganz schnell gehen." Auch ein Stich kann unter Umständen problematisch werden: "Wenn es juckt und man kratzt, bringt man erst die Bakterien mit hinein, und das kann dann zu einer Superinfektion führen", erklärt Dr. Specht. Dann könne es nötig sein, Antibiotika zu geben. "Deswegen: Wenn so etwas juckt, wenn's geht nicht drangehen, sondern lieber in Ruhe lassen und kurz abdecken. Gegen den Juckreiz empfiehlt der Mediziner spezielle Salben oder Antihistaminika.

Ein bekannter Mythos: Der rote Strich, der von der Wunde in Richtung Herz sichtbar wird, sei ein eindeutiges Anzeichen für eine Sepsis. "Das hat schon was mit Bakterien zu tun, ist aber eben nur eine lokale Ausbreitung", stellt Dr. Specht klar. Tatsächlich sind die Symptome am Anfang oft nicht sofort zu erkennen. Fieber und Schüttelfrost können erste Anzeichen sein.

Kopfverletzungen: Wann Sie sofort zum Arzt sollten

Eine Frau sitzt auf dem Sofa, ihr ist schwindelig
Kopf angehauen? Manchmal ist Vorsicht geboten!
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In bestimmten Fällen sollten Sie eine Verletzung am Kopf sehr ernst nehmen: "Immer dann, wenn eine kurze Periode der Bewusstlosigkeit dabei war. Wenn man nicht genau weiß – huch, wo waren die letzten fünf, zehn Sekunden, eine Minute? Und das andere vielleicht mitbekommen haben – dann bitte unbedingt zum Arzt gehen", rät Dr. Specht. Denn jeder dieser Fälle sei zunächst ein Schädel-Hirn-Trauma.

"Das klingt erst mal wahnsinnig kompliziert, es gibt aber verschiedene Einteilungen. Man möchte verhindern, dass ein sogenanntes zweizeitiges Geschehen passiert", so der Mediziner. "Das heißt: Ich habe erst eine Verletzung und das gar nicht so gemerkt, es war auch nicht so schlimm. Und nach Stunden – manchmal sogar nach Tagen – kommt erst eine innerliche Blutung, für die es keinen Platz gibt. Das ist dann ganz schlimm, weil der Hirndruck ansteigt." Eine kleine Beule von der Schranktür sei allerdings an sich kein großes Problem, beruhigt Dr. Specht. (rka/cga)

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