Nach Mord an Sarah Everard

London: Heftige Kritik an Polizeiempfehlungen für Frauen - "Lächerlich, wenn es nicht so ekelhaft wäre"

Eine Frau läuft nach Einbruch der Dunkelheit allein durch Llondon.
Eine Frau läuft nach Einbruch der Dunkelheit allein durch Llondon.
© dpa, Yui Mok, ogu

03. Oktober 2021 - 12:50 Uhr

"Wieder wird die Verantwortung auf die Frauen gelegt"

Eigentlich wollte die Londoner Polizei die Öffentlichkeit beruhigen und um Vertrauen werben, doch das ist ihr gründlich missglückt. Nach den Verhaltensempfehlungen der Polizei für Frauen als Reaktion auf den Mord an Sarah Everard hagelt es Kritik. Die Vorschläge seien "geradezu lächerlich, wenn es nicht so ekelhaft wäre", sagte die Frauenrechtsaktivistin Patsy Stevenson der Nachrichtenagentur PA. Die Londoner Polizei hatte Menschen geraten, die wegen des Verhaltens von Beamten verängstigt sind, an Türen zu klopfen, Passanten oder Fahrzeuge zu stoppen oder den Notruf zu wählen.

"Spielt genau in abscheuliche Kultur der Täter-Opfer-Umkehr ein"

Sarah Everard wurde von einem Polizisten ermordet.
Sarah Everard wurde von einem Polizisten ermordet.
© Credit MET Police

Der Mörder von Sarah Everard, ein Polizist, hatte sein Amt und seine Ausrüstung missbraucht, um die 33-Jährige zu verschleppen. Die Aktivistin der Frauenrechtsorganisation "Reclaim These Streets", die nach dem Mord an Everard Proteste und eine Mahnwache organisiert hatte, sagte: "Wieder wird die Verantwortung auf die Frauen gelegt, sich selbst zu schützen - und was noch schlimmer ist, dass sie sich vor den Menschen schützen sollen, die sie beschützen sollen."

Die Labour-Abgeordnete Bell Ribeiro-Addy twitterte, "dieser völlig lächerliche Ratschlag" zeige, dass die Polizei Gewalt gegen Frauen immer noch nicht ernst nehme. "Und sie fragen sich, warum das Vertrauen so niedrig ist wie nie zuvor?"

In einem weiteren Tweet betonte die Oppositionspolitikerin: "Dies spielt genau in die abscheuliche Kultur der Täter-Opfer-Umkehr ein, die wir so oft sehen, wenn Frauen angegriffen werden." Die Ex-Chefin der schottischen Konservativen, Ruth Davidson, nannte die Ratschläge "so schlimm".

Nicola Sturgeon: "Es liegt nicht an Frauen, dies zu ändern"

"Sie greifen nach jedem Strohhalm", sagte Frauenrechtlerin Stevenson. In solchen Situationen könne man nicht einfach ein Fahrzeug anhalten. "Können Sie sich das Misstrauen der Menschen vorstellen, wenn sie sich auf diese Weise vor der Polizei schützen sollen? Das ist schockierend." Die Polizei will mit solchen und ähnlichen Ratschlägen eigentlich das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen.

Kritik an männlich dominierten Sichtweisen kam auch von der schottischen Regierungschefin Nicola Sturgeon. Mit Blick auf Aussagen eines Politikers, Everard hätte gewahr sein müssen, dass ihr Mörder sie nicht habe anhalten dürfen, betonte sie: "Die Kommentare sind erschreckend. Es liegt nicht an Frauen, dies zu ändern." Das Problem laute männliche Gewalt, nicht weibliches Versagen dabei, immer erfinderischer beim Selbstschutz zu werden, twitterte die Regierungschefin.

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Premier Johnson kritisiert Polizei: "Es ist unerträglich"

Auch Premierminister Boris Johnson hat die Polizei für ihren Umgang mit Gewalt gegen Frauen kritisiert. "Nimmt die Polizei diese Probleme ernst genug? Es ist unerträglich. Ich denke, die Menschen haben das Gefühl, dass sie das nicht tut, und sie haben nicht Unrecht", so Johnson in einem Interview mit der Zeitung "Times". Trotzdem könne der Polizei aber grundsätzlich vertraut werden, so der konservative Politiker weiter.

Im Mordfall Sarah Everard hatte der Täter seinem Opfer vorgegaukelt, er habe Gründe sie festzunehmen, und konnte sie so verschleppen und vergewaltigen. Unter anderem deswegen wurde er am vergangenen Donnerstag zur Höchststrafe verurteilt und muss den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen. Jetzt wurde bekannt, dass er sogar mehrmals mit einer Schusswaffe zum Schutz des Parlaments in London eingesetzt wurde.

Kritiker prangern frauenfeindliche Kultur innerhalb der Polizei an

Sabina Nessa
Sabina Nessa wurde auf dem Weg zu einem Pub getötet.
© APTN

Die Londoner Polizei betonte, es handle sich um wenige Ausnahmesituationen, in denen Zivilpolizisten allein unterwegs seien. Der Londoner Vize-Polizeichef Stephen House kündigte an, dass Zivilbeamte nur noch in Paaren unterwegs sein dürften

Kritiker sehen in dem Verbrechen nicht nur einen extremen Einzelfall, sondern die Folge einer frauenfeindlichen Kultur innerhalb der Polizei selbst. So berichten Insider, dass Kollegen, die sich Übergriffe zuschulden kommen lassen, gedeckt werden. Der Täter im Fall Everard soll mehrfach durch Exhibitionismus aufgefallen sein und unter Kollegen wegen seines unangemessenen Verhaltens gegenüber Frauen berüchtigt gewesen sein. Vorgeworfen wird der Polizei zudem, sie nehme Anzeigen von Frauen über sexuelle Übergriffe oft nicht ernst.

Seit dem Mord an Sarah Everard im März sind in Großbritannien Dutzende Frauen von Männern getötet worden. Zuletzt löste der Mord an der 28-jährigen Sabina Nessa in Südostlondon Entsetzen aus. (uvo; dpa)