Der Corona-Impfstoff mit nur einem Pieks

"Johnson & Johnson" in der EU zugelassen - was Sie über den Impfstoff wissen müssen

12. März 2021 - 10:48 Uhr

Fragen und Antworten zum neuen Impfstoff

Ein Pieks und man ist geschützt: Was sich zu schön anhört, um wahr zu sein, rückt in unmittelbare Nähe. Die EU-Kommission genehmigte am Donnerstag die Nutzung des Impfstoffs von "Johnson & Johnson". Präsidentin Ursula von der Leyen teilte auf Twitter mit: "Mehr sichere und wirksame Impfstoffe kommen auf den Markt." Die EU-Kommission folgt damit der Zulassungsempfehlung durch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA). Nur, wie kann es sein, dass man bei dem Vakzin nur eine Dosis braucht? Ist die dann stärker? Steigt die Gefahr für Nebenwirkungen? Und wie gut schützt der Impfstoff? Wir haben alle wichtigen Infos zum neuen Impfstoff im Überblick.

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Hygiene-Experte im RTL-Interview

Empfohlen hat die EMA den "Johnson & Johnson"-Impfstoff erstmal nur für Menschen über 18 Jahre. Erwachsene Menschen könnten also künftig mit einem 66-prozentigen Schutz vier Wochen nach Verabreichung geimpft werden. Das ging aus Zwischenergebnissen einer Studie hervor. Die Wirksamkeit gegen schwere Erkrankungen mit Krankenhausaufenthalt liegt demnach sogar bei 85 Prozent – auch bei älteren Menschen.

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Was Sie sonst noch über den amerikanischen Impfstoff wissen müssen – wir haben mit Dr. Georg-Christian Zinn, Direktor Hygienezentrum Bioscientia, gesprochen.

Was ist die Besonderheit des neuen Impfstoffs?

Dr. Zinn: "Das Besondere daran ist, dass es der erste Impfstoff ist, der wirklich nur eine Injektion benötigt. Das heißt, ich muss nicht zweimal einen Termin machen, ich muss nicht lange Zeit warten, bis ein Impfschutz aufgebaut ist. Das ist wirklich das, was ihn von den anderen Impfstoffen unterscheidet. Zudem ist er extrem lagerbar, über Monate in Kühlschränken."

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Was ist das für eine Art Impfstoff?

Dr. Georg-Christian Zinn, Direktor Hygienezentrum Bioscientia
Dr. Zinn beantwortet Fragen zum Impfstoff von Johnson & Johnson.
© RTL

"Es ist kein mRNA-Impfstoff. Es ist ein sogenannter Vektor-Impfstoff. Das heißt, ein Virus führt dazu, dass die Körperzellen in der Nähe der Einstichstelle Proteine produzieren, die dann eine Antikörperbildung machen gegen Coronaviren, also ähnlich wie der AstraZeneca-Impfstoff."

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Inwiefern wird uns das Vakzin helfen, schneller zu impfen?

"Also ich glaube schon, dass der uns sehr helfen wird. Er hat in den Vereinigten Staaten schon eine Zulassung und Südafrika impft auch schon damit. Ein Plus ist tatsächlich die einfache Handhabung. Eine Injektion nur, wesentlich leichtere Lagerbarkeit. Also, ich muss nicht die Leute in einem kurzen Zeitraum in die Praxis einbestellen, sondern kann das verteilt über den Tag machen. Zusätzlich ist es ein Impfstoff, der eine sehr gute Wirksamkeit hat. Die EU hat 300 Millionen Dosen geordert, ich glaube 40-60 Millionen Dosen sollen dann auch in der Bundesrepublik zur Anwendung kommen. Das ist echt nochmal ein warmer Regen. Wenn wir es schaffen, den Impfstoff auch an die Bevölkerung zu bringen, würde es uns einen Schritt weiterbringen, die Pandemie zu bekämpfen."

Offenbar kündigen sich allerdings auch bei dem amerikanischen Unternehmen Verzögerungen in der Auslieferung an.

Warum sind die anderen Impfstoffe auf zwei Dosen ausgelegt und nicht nur auf eine wie bei J&J?

"Diese Vektorimpfstoffe, die wir bisher kennen, zum Beispiel AstraZeneca mit zwei Injektionen oder der russische Impfstoff Sputnik V, arbeiten mit einem sogenannten Booster-Prinzip. Also, ich habe eine erste Impfung und bei der zweiten Impfung kommt es praktisch zu einer Erinnerung an das Immunsystem. Das braucht dieser "Johnson & Johnson"-Impfstoff nicht. Das heißt, die Immunantwort bei der ersten Injektion ist schon so groß, dass es keine Auffrischung mehr benötigt."

Ist die Dosis des Impfstoffs höher, wenn man nur eine Impfung bekommt?

"Sie ist stärker. Hätte man in den klinischen Studien gemerkt, dass diese Immunantwort nicht ausreicht, dann hätte man sicher auch den Trick angewandt, dass man eine zweite Boosterung nach Wochen oder Monaten nochmal injizieren müsste."

Wenn man jetzt nur eine Injektion kriegt, können dann die Nebenwirkungen schlimmer sein?

"Ich würde nicht Nebenwirkungen sagen, sondern Impfreaktionen. Wobei das ist, wenn man sich die Studienprotokolle von Johnson & Johnson ansieht, nicht der Fall. Es sind die klassischen Impfreaktionen mit ein bisschen Schmerzen an der Einstichstelle, gegebenenfalls Fieber, mal Kopf- und Gliederschmerzen, aber wir haben keine überschießenden oder schwereren Impfreaktionen beobachten können."

Wie wahrscheinlich ist es, dass ich den neuen Impfstoff geimpft bekomme?

"Ich glaube, es macht keinen Sinn, auf ein spezielles Präparat zu warten. Wir müssen mal ganz ehrlich sein. Ich glaube, bis vor etwa einem Vierteljahr wusste kein Mensch, wie der Hersteller des Tetanus-Impfstoffs, des Masern-Impfstoffs oder des Grippe-Impfstoffs hieß, den man bekommen hat und den man gut vertragen hat. Und insofern rate ich dringend, schnell zu impfen mit einem zugelassenen Impfstoff, aber da nicht diese Rosinenpickerei zu machen und zu sagen, ich möchte den oder den. Das mag etwas für ganz spezielle Risikogruppen sein, aber nicht für die breite Bevölkerung."

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Wird der Impfstoff auch bei den Mutationen wirken?

"Wir haben da sehr gute Ergebnisse bei der südafrikanischen Variante und auch bei der brasilianischen Variante. Und insofern ist dieser Schutz auch schon ausprobiert und vorhanden. Also er kann auch bei diesen beiden Varianten eingesetzt werden."

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