„Meine Großmutter ist die Einzige, die versteht, was ich durchgemacht habe.“

Tag 10 beim Halle-Prozess - Holocaust-Leugnung und Diskussionen im Saal

Prozess zum Terroranschlag von Halle
Prozess zum Terroranschlag von Halle
© dpa, Hendrik Schmidt, hsc bsc

09. September 2020 - 11:17 Uhr

RTL-Reporterin Luisa Graf beobachtet den Halle-Prozess

Im Prozess gegen Stephan B., dem Attentäter von Halle, werden am zehnten Prozesstag weitere Zeugen vernommen. Das Gericht versucht, sich mit der Ladung der Zeugen chronologisch am Tattag zu orientieren. Zuerst alle Zeugen, die in oder vor der Synagoge waren, in den kommenden Tagen die Zeugen, die sich in oder vor dem Dönerimbiss aufgehalten haben.

Das Trauma mehrerer Generationen

Tag 10 beginnt emotional, später geht es aber um harte Fakten zum Schutz der Synagoge durch die Polizei. Zuerst sagt die Rabbinerin Rebecca Esther B. aus. In der vergangenen Woche war ihr Ehemann im Zeugenstand. Die 30-jährige Schwangere spricht mit fester Stimme und berichtet zuerst nicht vom Tattag, sondern von ihrer Familie.  "Dass ich geboren wurde, gleicht einem Wunder", denn sie stamme aus einer Familie von Holocaust-Überlebenden. Ihre Urgroßmutter und ihre Großmutter beispielsweise wurden in Konzentrationslager verschleppt. Die Großmutter wurde von Josef Mengele, einem Arzt und SS-Massenmörder im Konzentrationslager Auschwitz, bei der Ankunft von ihrer Mutter getrennt. Mengele schlug ihre Urgroßmutter. Sie ging zu Boden.

Die Erlebnisse lassen Rebecca Esther B.s Großmutter bis heute nicht los, die 91-Jährige lebt in New York. Vor ihrer Aussage hat die 30-Jährige mit ihr telefoniert. "Meine Großmutter hatte nie die Gelegenheit vor einem deutschen, oder internationalen Gericht auszusagen, ich habe heute aber die Möglichkeit. Ich will, dass das Gericht weiß, auch wenn die Shoa vorbei ist, dass die Auswirkungen nicht vorbei sind. Es sind nicht nur geschichtliche Fakten, sondern für uns ist es tagtäglich präsent."

Kritik aus der Nebenklage

Einige Nebenklagevertreter empfinden die Familiengeschichte als nicht prozessrelevant, da sie die Tat von Stephan B. nicht beleuchtet. Für die Zeugin allerdings ist ihre Geschichte essentiell. Vor allem, weil die Tat ein schon vorhandenes Trauma verhärtet hat. Die Zeugin will, dass dieses "generationsübergreifende Trauma" verstanden wird. Denn auch sie war am Tattag von ihrer Tochter getrennt und litt so noch mehr unter Angst und Stress, als es alle anderen Synagogenbesucher ohnehin schon taten.

Ihr Mann und sie hatten beschlossen, während des Gottesdienstes ihre fünfzehnmonatige Tochter mit der Babysitterin auf einen Spaziergang zu schicken. Gegen 14 Uhr sollten beide wiederkommen, um das Kind dann zu füttern. Doch die Eltern blieben bis zum frühen Abend von ihrem Kind getrennt. Denn als die Synagoge nach langem Ausharren in Ungewissheit evakuiert wurde, so erzählt es die Zeugin, wurden die Babysitterin und das Kleinkind nicht zu den Eltern gelassen. Die Familie, die in Berlin wohnt, schlief während der Feierlichkeiten aber in der Gästewohnung der Synagoge. Nach der Tatortsperrung des Gebäudes hatten sie also keine Unterkunft mehr und wollten ihre Tochter bei sich haben, denn sie wussten nicht, wo sie unterkommen werden, erklärt Rebecca Esther B.

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Wiederholte Kritik am Umgang der Polizei mit den Überlebenden

Sie bekräftigt mit ihrer Aussage, was andere Zeugen auch schon taten. Nämlich, dass die Polizei am Tattag unüberlegt und wenig feinfühlig gehandelt haben soll. Für viele Gläubige war der Anschlag schon unerträglich, der Umgang mit ihnen danach aber ebenfalls. "Ich habe die normale Angst davor als Mutter, von den Kindern getrennt zu werden. Darüber hinaus trage ich aber auch das Trauma von unserer Familiengeschichte und meiner Großmutter in mir, die an den Toren von Auschwitz von ihrer Mutter getrennt wurde." Rebecca Esther B. ist immer noch in psychologischer Behandlung, litt nach der Tat lange unter Schlafstörungen. Auch ihre 15 Monate alte Tochter hätte fast drei Wochen nach dem Anschlag wieder im Elternbett schlafen müssen, obwohl sie bereits mit 8 Wochen im eigenen Bettchen geschlafen hatte.

Wenn die Richterin im Prozess gegen Stephan B. durchgreift

Während der vergangenen Verhandlungstage gab es nach einigen Zeugenaussagen Applaus aus dem Zuschauerbereich. Zu Beginn der Verhandlung sagte die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens zwar, dass sie den Applaus als Unterstützung für die Zeugen verstehe, die Verhandlung solle aber künftig "ruhig und neutral" ablaufen. Sie bitte darum, von Applaus abzusehen. Nach Rebecca Esther B.s Aussage gibt es am Dienstag wieder Beifall. Die Richterin geht trotzdem nicht dazwischen.

Dafür zeigt sie Stephan B. gegenüber klare Kante. Nach der Aussage von Rebecca Esther B. verleugnet der Angeklagte mit einer Äußerung den Holocaust. Richterin Mertens geht zwar schon dazwischen, trotzdem ist die Aufregung bei den Nebenklagevertretern kurzzeitig groß. "Das ist Holocaust-Verleugnung" ruft Nebenklageanwalt Goldmann. Rechtsanwalt Siebenhüner springt ihm zur Seite und spricht Stephan B. direkt an: "Setzen Sie sich doch mal mit Ihren eigenen Taten auseinander!" Stephan B. will weiter darüber diskutieren. Richterin Mertens unterbindet das.

ARCHIV - 13.10.2019, Sachsen-Anhalt, Halle (Saale): Blumen und Kerzen stehen neben der Tür zur Synagoge, vier Tage nach dem rechtsextremistischen Anschlag auf die Gemeinde. (zu dpa "Verfassungsschutz sieht starke Verbreitung antisemitischer Hetze") F
Die Synagoge war beim Anschlag nicht durch die Polizei geschützt.
© dpa, Hendrik Schmidt, hsc lop gfh cul

„Niemand sollte um das Gefühl von Sicherheit bitten müssen.“

Diese Aussage kommt von Naomi H. Die 29-Jährige lässt sich gerade in Berlin zur Rabbinerin ausbilden. Eigentlich hatte sie Deutschland schon vor längerer Zeit verlassen. Sie wollte nicht im "Land der Täter" leben. Wegen des Studiums kam sie zurück. Sie kritisiert die Ermittlungsarbeit der Beamten und die Regierung. "In einem Rechtsstaat muss die Regierung die Sicherheit ihrer Bürger garantieren." Die junge Frau, die zum Tattag ebenfalls in der Synagoge war, ist aufgebracht darüber, dass in Deutschland immer noch über die Sicherheitsvorkehrungen vor Synagogen diskutiert werden muss. "Je höher die Sicherheitsbarrieren, desto mehr bekomme ich das Gefühl, dass etwas in der Gesellschaft nicht stimmt." Und damit eröffnet sie die Diskussion darüber, ob die Synagoge in Halle ausreichend geschützt war.

„Es war normal, dass keine Polizei vor der Synagoge stand.“

Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Halle, Max Privorozki, kommt in den Zeugenstand. Auch tritt er als Nebenkläger auf, denn er erhofft sich Antworten durch den Prozess. Darauf, ob Stephan B.s Familie wirklich nichts wusste und wie es so weit kommen konnte. "Wie ist es zu diesem Umbruch gekommen, dass ein Antisemit zum Mörder wird?"

Wo war die Polizei vor dem Anschlag?

In seiner Befragung geht es aber auch viel um die schon im Vorfeld oft besprochene Frage, warum vor der Synagoge keine Polizei stand. Vor allem am höchsten jüdischen Feiertag. In Berlin zum Beispiel ist ein Streifenwagen vor der Synagoge das herkömmliche Bild. In Halle, so Privorozki, sei das nie so gewesen. "Es gab Kontakt zur Polizei." Ein oder zwei Mal im Jahr soll mit einem speziellen Ansprechpartner gesprochen worden sein. Im Hintergrund haben die Beamten Gefährdungsanalysen gemacht und dann entschieden, wie die Synagoge geschützt werden müsse. Die Gemeinde allerdings, sagt Privorozki, habe dabei nicht mitreden dürfen. Deswegen wurden eigene Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Zum Beispiel, dass die Tür zum Gelände nie offen war. Wer rein wollte, musste klingeln. Gemeindefremde Personen mussten sich anmelden.

Nach dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz habe er bei der Polizei um mehr Schutz gebeten. Doch das sei abgelehnt worden, da die Sicherheitsanalyse keine Gefahr bestätigte. Privorozki sagt das ohne vorwurfsvoll zu klingen. Die Gemeindemitglieder haben auch ohne eine Polizeistreife überlebt. Trotzdem würde die Gemeinde jetzt in noch mehr Sicherheitsvorkehrungen investieren. Auch stehe jetzt permanent ein Streifenwagen vor dem Gebäude. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde Halle ist zwar nach wie vor in psychologischer Behandlung, trotzdem kann er dem Attentat auch etwas Positives abgewinnen: "Ich fühle mich seit dem 9. Oktober wesentlich mehr zu Hause, als davor. Denn ich habe gesehen, dass die meisten Menschen, egal welcher Hautfarbe und Religion gegen Hass, Mord und Nazis sind."